Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 127

Die Furcht vor dem Tode.

01] (Der Herr:) »Das Werden einer Sache, eines Dinges, eines Wesens oder gar eines Menschen hat gewiß stets etwas Erheiterndes in sich, aber das sichtliche Vergehen und das Sichauflösen, besonders eines Menschen, hat in sich wieder nur etwas Trauriges, das jedes Menschen Gefühl stets mit einer Wehmut erfüllt.
02] Ich aber frage und sage: Ja, warum denn das, so die Menschen doch an die Unsterblichkeit der menschlichen Seele noch irgendeinen Glauben haben?! Die Ursache liegt tiefer, als ihr sie euch denken möget. Vorerst entstammt diese Trauer der Furcht vor dem Tode und nachher noch vielem anderen, das Ich euch aber nun nicht auf einmal auftischen kann und darf, um euch nicht bald im einen und bald im andern verwirrt zu machen.
03] Ist eine Seele einmal völlig wiedergeboren und in alle wahre Lebenstätigkeit übergegangen, so ist wohl natürlich alle Trauer und alle die leere Furcht vor dem Sterben oder Vergehen vergangen; aber bei Seelen, die noch nicht den rechten Grad der innern Lebensvollendung erreicht haben, bleibt noch immer etwas von der Trauer um ihre verstorbenen Nächsten und in ihnen selbst etwas von der Furcht vor dem Tode zurück, von der sie auf dieser Welt nur dann erst völlig los werden, wenn ihre Seele in ihrem Geiste und der Geist in ihr groß geworden ist.
04] Betrachtet nur so ein recht verzärteltes Kind, wenn es nicht schon von frühester Zeit an stets mehr und mehr an Tätigkeit gewöhnt worden ist, was für ein ganz entsetzlich trauriges Gesicht es machen wird, so es etwa nach dem zurückgelegten zwölften Jahre in eine ganz ernste und anhaltende, wenn auch seinen Kräften angemessene Tätigkeit treten muß! Es fängt an zu weinen, wird voll Traurigkeit, voll Mißmut, voll Ärger auch und voll Zorn gegen jene, die es zu einer anhaltenden Arbeit anzutreiben anfangen.
05] Sehet dagegen ein Kind von gleichem Alter an, das schon von seiner frühesten Jugend mit Arbeiten stets ernster Art, die den Kräften angemessen waren, beschäftigt wurde! Mit welcher Freude und mit welch einem Behagen tummelt sich so ein Kind den ganzen Tag herum, ohne müde zu werden!
06] Wie aber in einer trägen Seele eine große Furcht vor aller ernsten und anhaltenden Tätigkeit stets daheim ist, so ist in der Seele auch aus derselben Quelle herrührend die Furcht vor dem Tode, ja sogar vor einer etwas gefährlicheren Krankheit vorhanden.
07] Ihr werdet auch schon öfter zu erleben die Gelegenheit gehabt haben, daß so recht fleißige und sehr arbeitsame Menschen bei weitem keine so große Furcht vor dem Sterben haben, wie jene arbeitsscheuen, aber dabei doch wohllebensheiteren und - lüsternen sie haben; und diese Furcht verliert sich nicht eher, als bis solche Seelen eine rechte Tätigkeit ergriffen haben.
08] Ihr meinet freilich, diese Furcht sei nur eine Folge der Unbestimmtheit im Wissen und Erkennen des Jenseits. Ich aber sage es euch allen: Mitnichten, dieses ist selbst nur eine Folge der tief wurzelnden Tätigkeitsscheu der Seele, und weil die Seele es geheim ahnt, daß mit der Wegnahme des Leibes ihre Weiterexistenz eine höchst tätige werden wird, so ist sie ganz untröstlich darüber und gerät in eine Art Fieber, in welchem dann auch eine Art Ungewißheit über das einstige Fortbestehen sich herausstellt. - Denket ein wenig darüber nach, und wir werden dann in dieser sehr wichtigen Sache weiter fortfahren!«
09] Auf diese Meine Worte erhebt sich Mathael und sagt: »So es gestattet wäre, möchte ich wohl bei dieser Sache ein Wörtlein zu dessen näherem Verständnis mitreden!«
10] Sage Ich: »Rede du nur immerhin, was du weißt und verstehst; denn dein Wissen und Verstehen steht auf dem besten Grunde!«


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