Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 119

Raphael zeigt das Erschaffen der organischen Wesen.

01] Hier tritt Raphael hervor und sagt: »Gott ist in Sich ewig und unendlich. Der unendliche Raum ist von Ihm allein erfüllt. Er als der höchste, reinste und größte Gedanke und die ewig vollendetste Idee in und aus Sich Selbst kann, als alles das von Ewigkeit, auch nur in einem fort Gedanken fassen in Seiner ganzen Unendlichkeit, und diese ist voll derselben aus Ihm; wir (die ,Urengel') aber, als Seine schon seit den für euch Menschen undenklichsten Zeiten ausgereiften und nun selbständigen Lebensideen voll Licht, Weisheit, Erkenntnis und Willenskraft, haben noch eine unendliche Menge Dienstgeister unter uns, die gewisserart unsere Arme ausmachen und unsern Willen erkennen und denselben auch sogleich in Vollzug setzen.
02] Die puren Gedanken Gottes sind der Stoff, aus dem alles, was die Unendlichkeit faßt, entstanden ist: wir ursprünglich ganz allein durch den Willen des allerhöchsten und allmächtigsten Geistes Gottes, - alle diese Dinge und Wesen aber dann durch uns, die wir die ersten und vorzüglichsten Aufnahmegefäße für die aus Gott kommenden Gedanken und Ideen waren - und sind und von nun an in erhöhter und stets vervollkommneterer Weise auch für ewig verbleiben werden.
03] Wir fassen die aus Gott kommenden Lebensgedanken, die sich euch in der Gestalt feuriger Langzungen zur Beschauung stellen, zusammen und bilden in einem fort, nach der Gottesordnung in uns, Formen und Wesen; und so da euch jemand fragete, woher Gott oder wir, als Seine sozusagen schon ewigen Diener, Boten und Knechte, den materiellen Stoff zur Bildung der Wesen hergenommen haben, - da vor euch habt ihr ihn nun! Diese schlangenartigen und feurigen Langzungen sind die geistigen Bausteine, aus denen alles, was die ganze Unendlichkeit nur immer Materiell-Wesenhaftes in sich faßt und birgt, gemacht worden ist.
04] Wie dieses Machen aber vor sich geht, hat euch zuvor der Herr Selbst überaus klar gezeigt. Aber ihr werdet das alles erst dann in aller Fülle der wahren Lebensklarheit einsehen und vollkommen begreifen, wenn ihr selbst ganz lebensvollendet vor Gott dem Herrn stehen werdet im Geiste und nicht mehr im schweren Fleische.
05] Auf daß ihr aber nach dem Willen des Herrn auch, was euch nun möglich ist, sehen könnet, wie wir mächtigen und alten Diener Gottes aus diesen in dem Raume umherschwebenden Gottesgedanken Formen und Wesen bilden, so sehet mit eurer Seele Augen her, und ihr werdet etwas erfahren, was bis jetzt noch kein Sterblicher auf der Erde erfahren hat!
06] Sehet, ich gebot nun im Namen des Allerhöchsten meinen dienstbaren Geistern, recht viel des notwendigen Stoffes hierherzuschaffen! Und sehet, schon haben wir nun einen hellstrahlenden Klumpen von unseren feurigen Langzungen vor uns, der noch keine andere Form denn die eines runden Feuerballes hat! Sehet nur, wie die feurigen Langzungen sich aneinanderdrängen und -schmiegen, als wollte eine jede in die Mitte hineinkriechen! Nach und nach tritt nun in dem Bestreben scheinbar stets mehr und mehr Ruhe ein; aber es ist dies dennoch keine Ruhe, sondern nur ein durch stets vermehrtes Drängen gegen den Mittelpunkt eingetretenes Hindernis, sich dem Mittelpunkte noch mehr zu nähern.
07] Ja, aber warum strebt denn alles dem Mittelpunkte zu? Sehet, wenn ich hier verschiedene gleich große Materiekugeln zum Werfen habe, so wird jene, die am meisten schwer ist, auch am schnellsten und am weitesten geworfen werden können, oder sie wird bei einer gleich weiten Entfernung bei einer ganz gleichzeitigen Abschleuderung sicher zuerst das gestellte Ziel erreichen! Also verhält es sich auch mit den endlos vielen aus Gott gehenden wesenhaften Gedanken. Es gibt darunter gewisserart ganz schwere, die schon einer förmlichen Idee gleichkommen, weniger schwere, aber doch immer als Gedanken ganz gediegene; dann gibt es leichtere Gedanken, die noch weniger reif und lichtgenährt sind, ganz leichte Gedanken, erst als ein Etwas gedacht, und endlich gibt es noch sehr leichte Gedanken. Das sind solche, die den Frühkeimen oder besser den Frühknospen eines Baumes gleichen. Sie sind zwar in sich schon etwas, haben aber noch nicht jene göttliche Entfaltung erreicht, daß man in ihrem Absonderungsstande bestimmen und sagen könnte: "Diese oder jene Form werden sie annehmen!"
08] Wenn unsereiner aus diesem euch nun bekannten Lebensstoffe ein Wesen in der Ordnung des göttlichen Willens formen will und eigentlich muß nach dem innersten Triebe des allerhöchsten Geistes, so beruft er die ihm dienenden Geister, und diese haben ihm den euch nun hinreichend bekannten Stoff zusammenzuführen; und es ist hier geistig so leicht begreiflich wie materiell natürlich, daß die schwereren Gedanken hier eher an Ort und Stelle sein werden denn die leichten und die gar sehr leichten. Die schwersten bilden offenbar das Zentrum, während die leichten, als später ankommend, mehr und mehr sich mit den Außenseiten begnügen müssen, und die gar sehr leichten das Alleräußerste ausmachen.
09] Da aber die Zentralgedanken die schon reichsten an Nährstoff sind, so drängen sich die noch mehr leeren, armen und noch hungrigen an die reichen, um von ihrem Überflusse etwas zu gewinnen zu ihrer Sättigung. Und ihr habt darum das Phänomen vor euch, wie sich die auswendigsten Feuerlangzungen stets mehr an das Zentrum anschmiegen und nun endlich stets mehr sich zu beruhigen scheinen, obschon ihr Bestreben noch immer das gleiche ist, dem Zentrum so nahe als möglich zu kommen, um vom selben desto mehr von der Nährfülle in sich aufzunehmen.
10] Ihr seht hier also einen Klumpen, der zum größten Teile noch sehr hungrig ist und nun nichts als eine ihm hinreichende Sättigung verlangt. Er ist gleich einem Kugelpolypen des Meeres, der mit seinen tausendmal tausend Saugrüsselchen in einem fort die ihm zusagende Nahrung aus dem Meeresschlamme saugt, bis der Kugelpolyp aus Übersättigung endlich anfängt, Auswüchse zu bekommen, mit denen er dann schon weiter um sich herumgreifen und sich zuzeiten auch schon von Ort und Stelle bewegen kann. Mit den Freßarmen bekommt er auch mehr eine ganz eigentümliche und ausgezeichnetere Form und unterscheidet sich schon sehr von seiner ursprünglichen Kugelform.
11] Ihr alle wundert euch zwar geheim über diese meine aus dem ersten Uranfange eines Wesens und dessen Form abgeleitete Erklärung eines werdenden Seins Darstellung, wie sie nur also und nie und nimmer anders sein kann; wendet eure Blicke aber nur zur Außennatur der Dinge, und ihr werdet dasselbe nur zu leicht und zu bald finden!
12] Nehmet zum Beispiel aus einer Henne den Eierstock und betrachtet die angesetzten Eiklümpchen genau! Einige werdet ihr noch ganz klein, wie kleine Erbsen, andere schon wie die Weinbeeren, und noch andere wie kleine Äpfel finden. Innerhalb einer leichten Umhäutung wird sich nichts vorfinden als der gelbliche Dotterstoff! Wie unförmlich ist noch dieses Sein!
13] Nun wird dieser Zentralstoff aber stets mehr ausgenährt und setzt um sich das Klar an. Nach einiger Nährzeit wird aus dem Klar das Gröbste ausgeschieden, entfernt sich aber dennoch nicht vom Ei, sondern es setzt sich als eine ganz feste Hülse um das Ei und dient demselben zum Schutze gegen das Erdrücktwerden bei der Ausgeburt. Betrachtet nun ein gelegtes Ei; wie sehr verschieden ist es schon vom ersten Ei-Embryo im Mutterleibe!
14] Nun setzt sich die Henne aufs Ei und durchwärmet dasselbe eine Zeitlang. Welche Veränderungen gehen da im Ei vor! Im Dotter fängt es an, sich zu regen und zu ordnen, die rechten Gedanken (feurige Langzungen) finden und verbinden sich und ziehen die ihnen nächstverwandten an sich. Diese verbinden sich wieder teils mit den ersten und noch mehr unter sich, und ziehen aber gleich wieder die ihnen nächstverwandten äußeren, das heißt leichteren, an sich. In kurzer Zeit werdet ihr schon des werdenden Küchleins Herz, Kopf, Augen, Eingeweide, Füße, Flügel und Flaumfederchen entdecken. Ist das Wesen einmal so weit gediehen, so ziehen die geordneten Teile ihr Gleichartiges aus dem vorhandenen Stoffe stets mehr und mehr an sich und bilden sich dann von Augenblick zu Augenblick stets mehr und mehr aus.
15] Ist einmal die Form und der Organismus schon nahe völlig ausgebildet, so wurde während solcher fortgesetzter Tätigkeit auch der ursprüngliche Haupt- und Mittelgedanke stets mehr und mehr gestärkt, unterstützt und gesättigt und fängt nun an, mit der Überfülle seines Lebens in den Organismus überzugehen und greift in desselben Zügel, und das Wesen wird sichtlich lebendig und bildet sich alsdann erst ganz aus.
16] Ist er einmal ganz ausgebildet, da nimmt der in den ganzen Organismus übergegangene Lebensgedanke, was eigentlich die Seele ist, alsbald wahr, daß er sich noch in einem Kerker befindet. Er fängt darob stärker sich zu regen an, durchbricht den Kerker und tritt ganz matt und voll Furcht in die große Welt hinaus, da er sich noch nicht hinreichend gekräftigt fühlt. Er fängt nun gleich an, äußere Weltnahrung zu sich zu nehmen, und fängt dadurch auch gleich wieder weiterzuwachsen an, und das so lange, bis er sich leicht fühlbar mit der Außenweltnatur in ein Gleichgewicht gesetzt hat.
17] Und wir sehen da nun eine ausgebildete, fruchtbare Henne vor uns, die nun wiederum das Vermögen hat, teils aus der Luft, teils aus dem Wasser und zum größten Teile aus der ihr zusagenden schon beseelten organischen Nahrung die sie ernährenden Seelenspezifikalteile in sich aufzunehmen, die geistigen zur weiteren Ausbildung ihrer Lebensseele und die gröberen nicht nur zur Erhaltung ihres Organismus, sondern auch zur Neuschaffung von Eiklümpchenansätzen zu verwenden, aus denen nach dem ordnungsgemäß euch nun gezeigten Verlaufe wieder eine Henne, Männlein oder Weiblein, zum Vorscheine kommt.
18] Das Geschlecht aber rührt von dem jedesmaligen Mehr oder Weniger der ursprünglichen Schwere, Gediegenheit und Kraft des lebendigen Seelengrundgedankens her. Ist dieser schon vom Ursprunge an vollends gediegen, so daß er schon in sich selbst eine Idee ist, so wird dessen Ausbildung in eine männliche Gestalt führen; ist aber das Primitive des Grundlebensgedankens auf der zweiten und leichteren Stufe stehend, so wird sich die Ausbildung in ein Weiblein hinüberziehen.«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 4  |   Werke Lorbers