Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 114

Ein Blick in die Welt der Naturgeister.

01] Sage Ich: »Sehet, Ich habe zu dem Behufe diese unsere Leuchtkugel aus der tiefsten Mitte Afrikas herbeischaffen lassen, um euch gewisserart ohne Wunder, mehr auf einem für euch bisher noch ganz unbekannten natürlichen Wege, die Naturgeisterwelt zu erschließen!
02] Das Licht dieses Steines hat die Eigenschaft, auf die Lebensnerven der Magengrube derart einzuwirken, daß die Seele ihr Sehvermögen nach längerem Einwirken dieses Lichtes dahin zieht und dadurch selbst die verborgensten Dinge zu sehen beginnt. Euer Schauen wird sich nun ganz dahin versetzen, und ihr werdet dadurch mit geschlossenen Augen besser sehen als so nun mit den offensten Fleischesaugen.
03] Für einige Menschen hat auch der Mond eine ähnliche Wirkung, jedoch nie in dem hohen und mächtigen Grade wie das Licht eben dieses Steines. Schließet nun eure Augen und überzeuget euch, ob ihr mit der Magengrube nicht besser sehet denn mit den Naturaugen!«
04] Auf diese Meine Worte schlossen alle die Augen und konnten sich nicht genug wundern über dies allerschärfste Sehvermögen der Seele durch die Magengrube.
05] Nur Mathael und seine vier Gefährten sagten: »Dies wunderliche Schauen ist uns durchaus nicht fremd; denn auf diese Art sahen wir oft die seltensten Dinge und wandelten oft über Stellen, über die im natürlich-wachen Zustande kein Sterblicher ohne den gräßlichsten Fall hinwegkommen könnte, und sahen dabei alle Luft, wie auch das Gewässer der Meere und Seen, Flüsse und Bäche stets dicht angefüllt mit allerlei der wundersamen Fratzen und Larven, die sich in der Luft schneller oder langsamer fortschoben nach allen bekannten Windrichtungen; auch schwebten sie auf und nieder, drehten sich bald langsam, bald ganz geschwind in Kreisen. Einige saßen gewisserart wie Schneeflocken auf die Erde nieder und verkrochen sich gewissermaßen schnell in ihre Furchen; einige wurden wie ein Tau von den Pflanzen aufgesogen, andere vom Erdreiche, und noch einige von allerlei Gestein.
06] Die ins Erdreich sich verkriechenden und die von der Pflanzen- und Steinwelt aufgesogenen kamen nicht wieder zum Vorscheine; aber wo irgendein Baum oder ein Kraut oder etwas Tierisches verweste, da erhoben sich, anfangs wie ein leichter, schimmernder Dunst aussehend, allerlei neue Gebilde, die sich bald zu Hunderttausenden ergriffen und in eine schon ganz gut ausgebildete Form zusammenschmolzen.
07] War die Form einmal fertig, so dauerte es gar nicht lange, daß sich diese Form, wie mit einer Art von eigenem Bewußtsein versehen, zu bewegen anfing und also tat wie ein Hund, so er etwas sucht, was seine Spürnase irgendwo aufgewittert hat.
08] Wir sahen diese Wesen gewöhnlich den Herden von Schafen, Ziegen, Rindern zuschweben. Hatten sie eine solche erreicht, so blieben sie unter derselben; und wurde von den Tieren eine Begattung verübt, wozu sie die Tiere sehr anzureizen schienen, da wurden sie von den Tieren, die sich begatteten, abermals, wie ein Tau vom schon etwas dürr gewordenen Grase, eingesogen und kamen nicht mehr zum Vorscheine.
09] Viele solcher Formen eilten auch den Gewässern zu und schwammen leicht gleitend eine Zeitlang auf der Oberfläche herum. Einige tauchten darauf entschieden unters Wasser; einige drängten sich zu einer nebligen Masse mehr zusammen und tauchten dann erst unter, so sie wieder in eine neue Form zusammenschmolzen, die nicht selten einem Wassertiere ähnlich sah.
10] Aber was das Sonderbarste war, so sahen wir, wie jetzt aus dem Wasser sich stets tausenderlei Fratzen, Larven und Formen erhoben, und sie hatten die beiläufige Gestalt von allerlei fliegenden Insekten, wie auch von kleinen und großen Vögeln jeder möglichen Art und Gattung. Sie hatten förmlich ganz gut ausgebildete Flügel, Beine und andere Extremitäten; aber sie bedienten sich derselben nicht wie die Vögel, sondern es hing alles an ihnen, und sie schwebten dann mehr wie Flaumen oder Flocken in der Luft umher. Nur wenn ein Schwarm wirklicher Vögel in ihre Nähe geflogen kam, sah man wirkliche Lebensregungen an diesen dunstigen Larven und Formen; sie zogen dann auch mit dem Schwarme und wurden von selbem in Kürze wie aufgezehrt.
11] Aus der Höhe aber entdeckten wir stets wie einen lichten Staub herabregnen, manchmal mehr, manchmal weniger dicht, und besonders häufig war er über den Wasserflächen zu ersehen. Wenn man diesen Staub näher betrachtete, so fand man an ihm auch irgendeine Form, die entweder kleineren Eierchen oder überaus kleinen Wassertierchen gleichsah, und dieser Staub wurde vom Wasser aber auch sogleich verschlungen.
12] Oh, es ließe sich da sehr vieles erzählen, wenn man die Zeit dazu hätte! Aber was wir vorher in unserem unglücklichen Zustande sahen, das sehen wir nun mit wirklich verschlossenen Augen wieder, und dieses Schauen weckt in uns die Erinnerung wieder, die uns nun laut zuruft: "Dieses alles habt ihr etliche Jahre hindurch allabendlich und allnächtlich geschaut!" Manchmal hatten wir sogar am Tage, wenn es so recht herbstlich trübe war, dieselben Gesichte, wußten natürlich nicht, was wir daraus hätten machen sollen; nun aber verstehen wir glücklicherweise die Sache und wissen, was daraus wird, und woher es kommt, und was es ist! Dir, o Herr, alle Ehre, alle Liebe, allen Dank und alle Anbetung darum!«


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