Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 113

Die Berufung zum inneren Wort.

01] Sagt Cyrenius, fragend: »Herr, so zur Vernehmung Deines heiligen Wortes für späterhin im Geiste nur die in gewisser Hinsicht sogar leiblich und besonders seelisch Vorbereiteten fähig sind, so nützt das ja den Unfähigen wenig, wenn sie es durch ein noch so strenges Leben auch zur wirklichen Wiedergeburt des Geistes gebracht hätten: sie werden doch der Gnade nicht gewürdiget, Deines Herzens Wort in ihrem Herzen zu vernehmen! Denn sie könnten es nicht ertragen, weil sie nicht schon von David aus dazu vorbereitet und hergerichtet sind. Ich meine aber, daß alle Menschen, ob von oben oder von unten her, wenn sie Deinem Willen gemäß leben, auch zu den gleichen Fähigkeiten gelangen müßten! Der Geist, der ihre Seele und endlich sogar ihren Leib durchdringt, wird ja doch auch fähig sein, ein Wort von Dir zu ertragen?!«
02] Sage Ich: »Freund! Du bist Mir ganz lieb und wert und teuer; aber hier hast du durch deine Frage wieder einmal über diese Sache geurteilt wie ein Blinder von den schönen Farben des Regenbogens. Es könnte Mich bei solchen deinen Urteilen sogar wundernehmen, daß die Glieder deines Leibes nicht schon lange in eine Revolution gegen dein Haupt gelangt sind, weil sie nicht auch mit jenen Fähigkeiten behaftet sind, deren sich das Haupt rühmen kann.
03] Deine Füße sind für sich blind und taub und müssen trotz der sehr stiefmütterlichen Ausstattung die schwerste Arbeit verrichten. Deine Hände müssen äußerlich vollstrecken deinen Willen und müssen tun bald dies und bald jenes und haben doch keine Augen, zu schauen das schöne Licht, und kein Ohr, zu vernehmen die herrliche Harmonie des Gesanges; auch haben sie keinen Geruchssinn und keinen Geschmack, um zu verkosten die würzhafte Anmut des Lebens! Findest du wohl, daß darob derlei Glieder gegen das Haupt sehr schlecht daran sind?
04] Oder könnte sich nicht einmal eine Dornhecke gegen eine Weinrebe beschweren und sagen: »Was habe ich denn verbrochen, daß mir die Gnade nicht zuteil werden darf, derzufolge auch ich einmal mit den herrlichen Trauben prunken könnte?!"
05] Weißt du denn das auch noch nicht, daß von Mir aus alles genaust bemessen ist und alles seine Bestimmung hat?! Wie es unter den verschiedenen Gliedern deines Leibes sich verhält, daß eines mit seiner ihm allein eigenen Fähigkeit allen anderen Gliedern dient, also sind auch die Menschen von allerlei Fähigkeiten und können dienend sich gegenseitig nützlich erweisen, und das ist es dann ja eben, was die höchste Seligkeit des Lebens bedingt und ausmacht.
06] Wenn dein Kopf und dein Herz heiter sind, so werden auch alle anderen Glieder heiter und fröhlich sein; ist aber nur irgendein kleinstes Gliedlein irgend leidend, so ist es auch mit der Heiterkeit des Hauptes, des Herzens und aller andern, für sich ganz gesunden Glieder aus! Alle sind traurig um des einen willen und bieten alles auf, um dem einen Gliede zu helfen und es gesund zu machen.
07] Es ist gewiß ein schöner Beruf, die Fähigkeit zu besitzen, Meiner Liebe Stimme zu vernehmen, sie aufzuschreiben und den anderen Menschen, denen diese Fähigkeit mangelt, mitzuteilen, so sie danach dürsten; aber eine ebenso schöne Fähigkeit des Herzens ist es, das Vernommene im Herzen zu behalten und danach zu leben. Hat es dadurch ein Mensch, wenn er auch von unten herstammt, zur Wiedergeburt seines Geistes gebracht, so wird er schon den sicher bestbemessenen Lohn dafür finden und wird sich gegen den Wortvernehmbefähigten ebensowenig beschweren, wie sich je irgend einmal dein kleiner Finger darum beschwert hat, daß er nicht ein Auge deines Hauptes geworden ist! - Sage Mir nun, ob du mit dieser Antwort zufrieden bist!«
08] Sagt Cyrenius: »Herr, - mehr als vollkommen! Würde Dir mit solch einer höchst dummen Frage auch nimmer kommen! Du aber habe nun ganz ungestört die Gnade, uns etwas sehen zu lassen!«


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