Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 99

Vom rechten und vom falschen Dienen.

01] (Der Herr:) »'Dienen' heißt demnach das große Losungswort durch alle Sphären der Unendlichkeit, im großen Reiche der Natur sowohl, als auch im endlosen Reiche der Geister!
02] Auch der Hölle arge Bewohner verstehen sich darauf, - nur mit dem gewaltigen Unterschiede von der Dienerei der Bewohner der Himmel: In der Hölle will im Grunde jeder bedient sein; und dient schon einer dem andern, so ist das bloß eine Augendienerei, also ein allzeit höchst selbstliebig interessierter Scheindienst, wodurch einer den andern täuschen will, um ihn bei einer günstigen Gelegenheit desto sicherer unter seine Krallen zu bekommen und aus seinem Falle Vorteile für sich zu ziehen.
03] Ein höllisches Gemüt hebt seinen Oberen gerade aus der Ursache in die Höhe, aus der es am Ufer des Meeres eine gewisse Gattung der Geier mit den Schildkröten macht. Ein solcher dienstbarer Geier ersieht eine Schildkröte in einem Sumpfe herumwaten. Die Kröte bemüht sich, aufs Land zu kommen, um Kräuter zur Stillung ihres Hungers zu suchen. Der fleischlüsterne Geier erweist ihr den Gefallen, hebt sie vorerst aus dem Sumpfe und setzt sie aufs trockene, kräuterreiche Land. Da fängt die Kröte bald an, sich mit dem Suchen der ihr dienenden Kräuter abzugeben. Der Geier sieht ihr eine Weile zu und macht bloß ganz leise Versuche, wie hart etwa ihre Schale ist. Da aber sein scharfer Schnabel von der Schale kein Stück Fleisches herauszwacken kann, so läßt er die arme Kröte so lange ganz ruhig weiden, bis sie furchtloser und kecker ihren Kopf aus der Schale, nach den Kräutern gierend, herausstreckt.
04] Wie der Geier solches Zutrauen bei der Kröte merkt, packt er mit seinen Krallen den weichen, fleischigen Kopf, hebt dann die Kröte hoch in die Luft und trägt sie dahin, wo er unten auf der Erde einen steinigen Grund merkt. Dort läßt er die so hoch emporgehobene Kröte los, und da beginnt ihr tödlicher Fall. Auf hartem Steinboden pfeilschnell anlangend,zerschellt sie in Stücke, und der Geier, der leichten Fluges sein fallend Opfer ebenso pfeilschnell begleitet hatte, ist dann auch schnell bei der Hand und fängt nun an, den Lohn seines früheren Diensteifers zu sich zu nehmen und damit seinen stets hungrigen Magen vollzustopfen. - Da habt ihr ein treues Naturbild des höllischen Diensteifers!
05] Es ist dies wohl auch ein Dienen, aber ein höchst eigennütziges, und sonach ist jeder irgend mehr oder weniger eigennützige Dienst, den sich die Menschen gegenseitig erweisen, auch stets mehr oder weniger mit der Dienerei der Hölle verwandt und kann, insoweit er mit der Hölle verwandt ist, unmöglich einen Wert vor Mir und allen Meinen Himmeln haben. Nur ein rein uneigennütziger Dienst ist auch ein wahrer und somit auch ein rein himmlischer Dienst und hat vor Mir und vor allen Meinen Himmeln allein einen wahren und vollkommenen Wert.
06] Wenn ihr euch sonach gegenseitig dienet, da dienet euch in Liebe und wahrer Brüderlichkeit, wie solches in den Himmeln gang und gäbe ist! Wenn jemand einen Dienst von euch sich erbittet, so verrichtet denselben in aller Freudigkeit und Liebe, und fraget den Dienstbieter nicht vor der Dienstleistung um den Lohn; denn solches tun auch die Heiden, die den wahren Vater im Himmel nicht kennen und ihre Sitten mehr von den Tieren denn von einem Gotte genommen haben! Beweise für das liefern noch bis auf den heutigen Tag die alten Ägypter, deren erster, sie zu einigem Nachdenken nötigender Schulmeister ein Stier war, dem sie darum auch bis auf diesen Tag eine göttliche Verehrung erweisen.
07] So dir aber jemand einen guten Dienst erwiesen hat, da sollst du dann aber auch nicht fragen und sagen: "Freund, was schulde ich dir?" sondern du sollst den dir gut geleisteten Dienst deinem Freunde aus aller Liebe und Freudigkeit deines Herzens nach deinen Kräften bestens belohnen! Wird der, welcher dir den guten Dienst erwiesen hat, dessen gewahr, so wird er dich umarmen und sagen: "Edler Freund, sieh, einen nur sehr kleinen Dienst habe ich dir geleistet, und du belohnst mich dafür so groß! Sieh, ein Zehnteil davon ist mehr denn übergenug, und selbst den nehme ich nur als einen Beweis deines mir so teuren Bruderherzens an!"
08] Wenn der Dienstleister also zu seinem Dienstherrn reden wird aus dem wahren und lebenstiefen Gefühlsgrunde, werden da der Diener wie der Dienstgeber nicht sogleich zu wahren Himmelsbrüdern werden?! Ganz sicher, und es wird eben dadurch das wahre Reich Gottes zu euch kommen und euch himmlisch beherrschen mit dem Zepter des Lichtes und aller Gnade.«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 4  |   Werke Lorbers