Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 94

Die Entwicklung des Seelenlebens.

01] Sagt hierzu Cyrenius, der alles mit der allergespanntesten Aufmerksamkeit angehört hatte: »Herr, ich kann gerade nicht sagen, daß ich das alles nicht verstanden hätte; es ist mir wohl alles so recht klar, - nur kommt es mir vor, als könnte mir dies alles auf dieser Erde auch noch einmal unklar werden, und das würde mich dann unglücklich machen! Denn alles das, was wir nun aus Deinem heiligen Munde vernommen haben, ist denn doch ein wenig zu hoch über den selbst allergewecktesten Menschenverstand; daher wäre eine kleine Nachbeleuchtung über einiges vielleicht wohl nicht überflüssig zu nennen!«
02] Sage Ich: »Freund, ihr Römer habt ein recht gutes Sprichwort, das etwa also lautet: Longum iter per praecepta, brevis et efficax per exempla! (Lang ist der Weg durch Belehrung, kurz und wirksam durch Beispiele). Sieh, das läßt sich hier auch recht gut anwenden! Warte auf die später folgenden Beispiele, die Ich euch wunderbarerweise zur Sicht stellen werde! Diese werden nur das, was dir jetzt noch unklar ist, aufhellen; das ganz Reine der Sache aber wirst du erst dann erfahren, wenn der reine Geist der ewigen Wahrheit über euch kommen und euch leiten wird in alle Wahrheit der Himmel und aller Welten.
03] Merkst du aber nicht, daß es schon in der Natur nur ein Gesetz im Wachstum aller Pflanzen und Tiere gibt?!
04] Siehe, alle Pflanzen wachsen und vermehren sich von innen heraus; sie ziehen aus der Feuchtigkeit der Erde ihre entsprechenden Stoffe an sich und endlich, geläutert durch viele tausend Kanäle und Röhrlein, in sich selbst oder in ihr Leben.
05] Die Tiere nehmen ihre Kost im Grunde aus derselben Quelle, - nur ist sie zuvor, entweder im Organismus der Pflanzen oder im schon viel mehr raffinierten (gereinigtem) Fleische der unteren Tiergattungen um sehr vieles geläuterter als im ursprünglichen Humus der Erde.
06] Der Mensch genießt am Ende schon das Allerfeinste und Reinste aus der Pflanzenwelt sowohl als auch aus der Tierwelt. Heu, Gras und Stroh nähren ihn nicht mehr. Von den Pflanzen braucht er hauptsächlich nur das Korn und von den Bäumen die edelsten, honigsüßen Früchte. Von den Tieren genießt er zumeist nur das anerkannt Reinste und hat einen Ekel vor dem Fleische ganz unreiner Tiere.
07] Aber wie viele Abweichungen, Abirrungen und Seitenwege gibt es im nur diesirdischen Sich-Entfalten der Pflanzen- und Tierwelt, und dennoch gelangt jedes an sein Ziel! Es kann dem sorgsamen Auge eines Forschers aller Dinge in der Naturwelt nicht entgehen, zu merken, wie da stets ein Ding dem andern dient und eines zur Hebung und Weiterbelebung des andern da ist.
08] Das Leben der Seele muß sich durch die verschiedenen Naturelemente durchseihen. Vorerst ist es im Äther; da sammelt es sich durchs Ergreifen des Gleichen mit Gleichem, Ähnlichem und Verwandtem. Dadurch wird es schwerer und sinkt vorerst in sich selbst in sein eigenes Zentrum, wird schwerer und schwerer und wird aus sich die schon schwerere und fühlbare Lebenssubstanz.
09] Als Luft sammelt es sich wieder wie oben im Äther, daraus werden Wolken und Nebel, und diese sammeln sich wieder, werden zu Wassertropfen und fallen zur Erde im Regen, Hagel, Schnee, Tau und in gewissen Gegenden als bleibende und fortwährende Dunstbildungen und feuchte Niederschläge aus der Luft.
10] Das Wasser, als ein zwar noch sehr untergeordnetes, aber schon über Äther und Luft stehendes Lebenselement, muß nun schon recht vielseitig den wieder höher stehenden Lebenskondensationsanstalten (Verdichtung) zu dienen anfangen. Es muß einmal das mehr und ganz zu Stein verhärtete Leben in der groben Materie erweichen und zur Aufnahme und Weiterbeförderung in sich selbst, das heißt, ins Element des Wassers, aufnehmen: das ist ein erstes Dienen.
11] Darauf muß es seine Lebensgeister oder gewisserart seelischen Substanzpartikel in die Pflanzen abgeben. Haben sich die Partikel in den Pflanzen nach und nach und mehr und mehr zu schon bestimmten Intelligenzformen ausgebildet, so werden sie wieder vom Wasser und von der dunstigen Luft aufgenommen, und das Wasser muß ihnen Stoff zu neuen und freieren Lebensformen schaffen. Also dient das Wasser noch stets in seiner Sphäre, obschon aus ihm stündlich Myriaden mal Myriaden Kleinseelenlebensintelligenzteilchen frei und mehr und mehr selbständig werden.
12] Aber das Pflanzenleben muß abermals mehrere und schon kompliziertere Dienste annehmen und verrichten. Des Wassers Dienste sind noch sehr einfach, während der Pflanzen Dienste zur Weiterförderung des Lebens schon bei nur einiger Betrachtung einer noch so einfachen Pflanze schon sehr zusammengesetzt sind.
13] Noch vielfacher und viel bedeutender sind die Dienstleistungen zur Weiterbeförderung des Seelenlebens selbst in den allerersten und einfachsten Tieren, die der Pflanzenwelt am nächsten stehen. Und so wird das Dienen ein immer komplizierteres in einer jeden höher stehenden Lebensform.
14] Ist das Seelenleben einmal ganz und gar in die Menschenform übergegangen, so ist Dienen seine erste Bestimmung. Da gibt es verschiedene Naturdienste, die jeder Menschenform als 'Muß' auferlegt sind; danebst aber gibt es dann auch eine zahllose Menge freierer und eine noch größere Menge freiester moralischer Dienste, die ein Mensch zum Verrichten überkommt. Und hat er nach allen Richtungen hin einen treuen Diener gemacht, so hat er dadurch auch sich selbst in die höchste Vollendung des Lebens erhoben. Nun, dies geschieht wohl bei einigen Menschen, die schon von der Geburt an auf eine höhere Stufe gestellt worden sind; aber bei anderen Menschen, die noch sozusagen knapp an der Linie der Tiere stehen, geht das diesseits nicht, und es geschieht ihre Weiterbildung erst jenseits, - aber immer auf dem Grundwege des Dienens.«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 4  |   Werke Lorbers