Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 93

Der Fortschritt der Seele auf der Erde und im Jenseits.

01] (Der Herr:) »Es versteht sich schon von selbst, daß hier von einem sonderheitlichen Falle nicht die Rede sein kann, sondern nur von einer Grundnorm, nach der, sowohl bei der diesseitigen und ganz besonders bei der jenseitigen Führung, eine Seele aus ihrer lebenshemmenden Materialität zu heben ist.
02] Es gibt daneben noch zahllos viele Abweichungen, von denen eine jede ein wenig anders zu behandeln ist; aber alles dessen ungeachtet muß es dennoch eine Grundnorm geben, nach der sich endlich alle andern zu richten haben, so wie das Erdreich mit einem Regen befruchtet werden muß, damit im selben der ausgesäte Samen zu keimen beginnen kann. Wie aber dann die verschiedenartigen Samen, die im Erdreiche zur Belebung ruhen, das ihnen Zusagende aus dem Regentropfen an sich bringen, das ist eine Sache der speziellen Intelligenz der Geister, die die Keime bewohnen und für ihr Haus gar wohl zu sorgen verstehen.
03] Ich sage euch dies darum, damit ihr einsehen sollet, wie schwer und mühsam es jenseits vor sich geht mit und auf dem Wege zur Vollendung des innern Lebens, und wie leicht und ungebunden hier, wo die Seele noch den materiellen Leib um sich hat, in den sie zuallernächst alle ihre vorhandene Materialität ablagern kann, wie und wann sie solches nur immer will; aber jenseits ist das nicht so leicht möglich, weil die Seele eben keinen materiellen Leib mehr hat und mit ihren Füßen auch nicht mehr über einen materiellen Boden gleitet, sondern über einen geistigen, aus der Seele Gedanken und Ideen erbauten, der aber durchaus nicht geeignet ist, das aus der Seele geschiedene Materielle aufzunehmen und in sich für ewig zu begraben.
04] Denn was da auch aus der Seele auf ihren Boden fällt, das gilt nahe soviel, als so man einen Stein nähme und ihn ganz von dieser Erde hinweg in den endlosen Raum hinausschleudern wollte. Ja, wer die Kraft besäße, einen Stein mit einer solchen Schnellkraft empor- oder von dieser Erde hinwegzuschleudern, daß sie die Schnelle eines abgeschossenen Pfeiles ums dreißigtausendfache überträfe, der würde den Stein schon ganz sicher derart von der Erde entfernen, daß er nimmer zurückfiele; aber jede mindere Schnellkraft würde solch eine Wirkung nie zustande bringen. Sie würde den Stein wohl mehr oder minder weit von der Erde hinaustreiben; aber so die dem Steine mitgeteilte Wurfkraft zufolge der beständig weithinaus wirkenden Anziehungskraft der Erde dann minder und notwendig schwächer würde, so würde der Stein wieder umkehren, und auf den Boden der Erde jählings zurückfallen.
05] Und sehet, ebenso steht und also verhält sich's mit den der Seele im Jenseits noch anhaftenden materiellen Sündenbrocken! Entfernt die Seele solche auch aus sich und wirft sie hin auf ihrer Welt Boden, so nützt ihr diese Mühe wenig, ja dann und wann gar nichts, weil der Boden der Seele, auf dem sie in der Geisterwelt steht und sich bewegt, ebenso ihr höchst eigener Anteil ist, wie da irdisch die Anziehungskraft dieser Erde, und ob sie noch soweit hinausreicht, ein Anteil eben der Erde ist und nicht ein Atom sich von ihr entfernen läßt.
06] So dann jenseits die Seele alles Grobe und Materielle aus sich entfernen will, muß eine höhere Kraft in ihr wirksam werden; und das ist die Kraft, die in Meinem Worte und in Meinem Namen liegt! Denn es steht, aus dem Munde Gottes kommend, geschrieben: "Vor Deinem Namen werden sich beugen alle Knie im Himmel, auf der Erde und unter der Erde!" (Jesaja.45,23; Johannes.05,23; Philipper.02,10; Offenbarung.05,12) Darunter sind zu verstehen alle Menschengeschöpfe der zahllos vielen anderen Welten im endlosesten Schöpfungsraume; denn im Himmel wohnen die schon für ewig vollendeten Gotteskinder, - auf dieser Erde, wohl verstanden, einzig und allein die werdenden Kinder Gottes. So aber nur dieser Erde der hohe Vorzug eingeräumt ist, so steht sie in der Würde vor Gott über allen anderen Weltkörpern; diese stehen dann moralisch unter ihr und daher auch ihre Bewohner, die denn auch unter dem 'die da wohnen unter der Erde' zu verstehen sind.
07] Also durch Mein Wort und durch Meinen Namen kann die Seele erst ganz geläutert werden. Aber es geht dies jenseits nicht so leicht, als man sich's etwa wohl vorstellen mag; da gehören große Vorbereitungen dazu! Die Seele muß zuvor in aller möglichen Selbsttätigkeit vollauf geübt sein und muß schon eine ganz tüchtige Kraft fest in sich haben, bevor es ihr möglich sein kann, Mein Wort und endlich gar Meinen Namen anzunehmen.
08] Ist aber eine Seele einmal des imstande, dann wird es ihr ein leichtes sein, auch das letzte materielle Atom aus ihrem ganzen Territorium derart zu entfernen, daß es ewig nimmer in sie zurückfallen kann. Wie und Warum, soll sogleich gezeigt werden!«


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