Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 84

Zorels gute Vorsätze.

01] Sagt Zorel, ganz zerknirscht vor Verwunderung über die hohe Wahrheit und Reinheit dieser Meiner etwas gedehnten praktischen Lebenslehre: »Herr und ewiger Meister alles Seins und Lebens! Ich für meine Person habe Dich aus dieser Deiner Lehre auch ohne die vorhergehende praktische Lebensübung erkannt, - daß solches aus Deinem Munde kein Mensch, sondern nur ein Gott, der Himmel und diese Erde und den Menschen erschaffen hat, geredet hat; desto intensiver aber werde ich auch alles praktisch in mein Leben übertragen, was Du, o Liebe der Liebe, mich nun gnädigst gelehrt hast!
02] Verstanden habe ich alles; denn es kam mir merkwürdigermaßen vor, als hätte ich ähnliche Worte schon irgendwo einmal vernommen und sie auch praktiziert. Aber es kann das nur so in einem Traume gewesen sein; denn im wirklichen Leben wüßte ich wahrlich nicht, wo und wann mir je solch eine Gnade wäre zuteil geworden! Sonderbar aber bleibt es immer, wie mich ein jedes Wort aus Deinem heiligen Munde gar so bekannt und überaus freundlich angeregt hat! Es war mir darum auch alles gar so verständlich! Aber sei ihm nun wie ihm wolle, - solche Worte und solche Lehren, die alles, was im Menschen irgend Leben heißet, so tief, wahr und - treu berühren, sind von eines sterblichen Menschen Munde noch nie ausgesprochen worden!
03] Wer nach diesen Worten noch nicht den rechten Weg zu seiner innern, geistigen Lebensvollendung finden sollte und nicht den mächtigen Trieb in sich bekäme, all sein Tun und Lassen genau danach einzurichten, der müßte wahrlich entweder gar kein Mensch sein, oder er müßte sich gar mächtig in die dumme, tote Welt hineingelebt haben, und seine Seele müßte ganz diamanten geworden sein, ansonst es wohl gar nicht zu denken wäre, wie ein Mensch, der diese Lehre gehört und begriffen hat, nicht auch sein ganzes Leben danach einrichten würde, da er doch den dadurch zu erreichenden Mensch, der diese Lehre gehört und begriffen hat, nicht auch sein ganzes Leben danach einrichten würde, da er doch den dadurch zu erreichenden Endzweck so hell und klar wie die Sonne am Mittage vor sich sehen müßte! Ich will mich aber damit nicht rühmen, als hätte ich schon etwas erreicht; aber eine helle, ins Lebensbewußtsein eindringende und vollkommen klare Anschauung der reinsten Wahrheit solcher Lehre ist doch auch schon etwas, das da - für mich wenigstens - einen schon ganz bedeutenden Lebenswert hat.
04] Wer aber diese heilige Sache einmal so hell einsieht wie ich, der wird doch samt mir nicht mehr der Narr sein und sich bei all solcher lebendigster Einsicht und Erkenntnis lieber in alle Kotlachen und Pfützen der Welt stürzen, um den stinkenden Schlamm herauszufischen, an dem er am Ende ersticken müßte, als zu besteigen die lichten Höhen des Horeb und Libanon und dort zu sammeln die heilsamen Kräuter, die die kranke Seele heilen und völlig gesund machen zum ewigen Leben. Ich verstehe unter den heilsamen Kräutern auf den lichten Höhen Horebs und Libanons die Werke, die man nur auf der lichtvollsten Höhe der Wahrheitserkenntnis Deiner Lehre, o Herr, findet, das heißt, durch das Handeln nach dem Worte, das man aus Deinem Munde vernommen hat. Unter >Horeb< und >Libanon< aber verstehe ich das Göttlich-Wahre und das Göttlich-Gute, - das ist so nach meinem Verstande die Bedeutung.
05] Groß, heilig und über alles erhaben bist Du, o Herr, der Du hier vor mir stehst, - aber nie größer, heiliger und erhabener als in den Menschen, die Deine Liebe und Weisheit zu Deinen Kindern umgewandelt hat!«
06] Siehe, Herr, es muß ja auch für Dich die größte Freude sein, so ein vorher bloß menschförmiges Geschöpf Dein Vaterwort zu hören und zu verstehen beginnt, ja endlich sogar frei aus sich den unwandelbaren Entschluß faßt, also zu wandeln und zu handeln, um zu jener geheiligten Vollendung zu gelangen, die Du als Gott, Schöpfer, Vater und Lehrer zum seligsten Ziele gesetzt hast!
07] Wie groß muß Deine Vaterfreude erst dann sein, so ein Mensch die Vollendung in Deiner heiligen Ordnung erreicht hat! Aber wie groß muß dann auch die Freude eines Kindes sein, das in und aus seiner geschöpflichen Nichtigkeit in der Fülle seiner wahren Demut in seiner inneren Vollendung endlich Dich Selbst als den wahren und einzigen Vater erkannt hat! Den himmlischen Engelsgeist möchte ich wohl kennenlernen, der mit der sonnenhellsten Phantasie mir solch eine Freude beschreiben könnte, - und denjenigen, der nun aus dieser seiner gegenwärtigen geistigen Verarmung solche Tiefe einer solchen Phantasie zu fassen vermöchte also, wie sie als nur einigermaßen gelungen zu fassen wäre! Ich habe wohl so ein dumpfes Vorgefühl, - ja, es kommt mir nun wieder gerade also vor, als hätte ich irgendwie in einem Traume einmal etwas Ähnliches gefühlt; aber das scheint dennoch alles nur so eine selige Rückwirkung von dem zu sein, was Deine Lehre, o Herr, in meinem Herzen und in meinem Willen geschaffen hat!
08] Es ist die Freude eines Sämanns, der das frohe Bewußtsein hat, daß sein Acker einmal von allem Unkraute gereinigt und in seine Furchen ein reinster Same gelegt wurde, der ganz gewiß auf eine segensreichste Ernte die schönste Hoffnung erweckt.
09] Mein Acker ist nun gut, was Du, o Herr, sicher gesehen hast, ansonst Du nicht so verschwenderisch den reinsten Samen hineingestreut hättest. Dies Bewußtsein aber mag in mir eben das mir unbeschreibliche Wonnegefühl erzeugen; denn ich bin ja des Erfolges sicher, weil ich der Möglichkeit so gut als vollkommen sicher bin, daß ich Dein heilig Wort in mir zur vollsten Realität bringen werde. Ist aber die Ursache einmal vollendet da, so kann die große, heilige Wirkung nicht unterm Wege bleiben. Ich aber will keine Halbheit, sondern das vollendete Ganze; daher soll bei mir in meinem Handeln auch nie eine Halbheit, sondern solch ein Ganzes wie Dein Wort werktätig zum Vorscheine kommen!
10] Habe ich doch als Lump etwas Ganzes leisten können, wo ich keinen Erfolg als irgend gesegnet nur mit einiger Sicherheit zu erwarten hatte; nur ein etwas arger Luftzug, und alle meine noch so vorteilhaften Hoffnungen lagen im Meeresgrunde! Und doch kann mich niemand je irgendeiner Lauheit zeihen und mir nie irgendeine Halbheit nachweisen. Konnte ich aber schon als Lump etwas Ganzes sein, oft auch ohne alle Aussicht auf irgendeinen nur halbwegs geistigen Effekt, um wieviel mehr werde ich nun auf diesem Wege jede Halbheit zu vermeiden verstehen und meine Gedanken, Worte und Taten von dem abwenden, was die Welt verlangt; denn sie hat mich lange genug am Narrenseile herumgeführt.
11] Kein Keim von einem Weltgedanken und keine Spur von einer Welttat soll in mir mehr vorkommen, das heißt, nach meinem einmal gefaßten Willen sicher nimmer! Für das aber, was ich nicht handhaben kann, als da sind die ordentlichen Bedürfnisse meines Leibes, kann ich natürlich wohl nicht stehen; denn diese stehen, o Herr, in Deiner allmächtigen Willenshand. Aber meine Gedanken, meine Ideen, meine Worte und meine Handlungen sollen mir dereinst das Zeugnis geben, daß auch ein Grieche sein Wort und seinen einmal gefaßten Vorsatz halten kann!
12] Es kann auch sein, daß ich in dieser meiner seligen Gemütsaufloderung manches zu voreilig gesprochen habe; aber es macht das nichts! Vergessen wird es Zorel nicht, was er nun geredet hat; und vergißt er es nicht, so handelt er auch strenge danach - und sollte es ihn sein irdisches Leben kosten! Seit ich nun klarst weiß und lebendigst fühle, daß es nach dem Abfalle dieses Fleischlebens überaus sicher und wahr noch ein anderes, unvergleichbar vollkommeneres Leben gibt und geben muß' ist mir dieses Fleischleben um eine hohle Nuß feil! Habe ich mein Leben doch so oft um einen nichtigen, irdischen Gewinn in die Schanze schlagen müssen, - warum nun da nicht, wo ich des Gewinnes sicherer bin denn dessen, daß ich nun denke, fühle und rede?!
13] Oh, ich rede nun nicht wie irgendein berauschter Narr, sondern mit den nüchternsten Sinnen von der Welt rede ich solches zu einem Zeugnisse, daß ich die Fülle der Wahrheit des Wortes Gottes begriffen und verstanden habe! Daß ich's aber in der Fülle verstanden habe, beweist, daß ich nun mein irdisches Leben für diese heiligste Wahrheit in die Schanze schlagen will, - was ich nun nicht etwa darum also rede, um meinen Worten vor euch ein gewisses rednerisches Ansehen zu verleihen, sondern ich rede, wie es mir nun wahrhaft ums Herz ist.
14] Wohl gibt es Menschen, die, von der außerordentlichen Gelegenheit ergriffen und hingerissen, auch also reden, als wollten sie schon am nächsten Tage die ganze Erde in einen Garten umgestalten; wenn aber dann die Gelegenheit vorüber ist, da denken sie über all das Gesehene und Gehörte wohl nach, aber mit den Entschlüssen zum Handeln wird's von Tag zu Tag lauer, und die alten, dummen Gewohnheiten treten bald wieder an die Stelle der neuen Entschließungen. Bei mir aber ist das noch nie der Fall gewesen; denn hatte ich einmal etwas als Wahrheit erkannt, so handelte ich auch so lange strenge danach, bis ich mir von etwas Besserem eine volle Überzeugung verschafft hatte.
15] Meine früheren Handlungen standen in keinem Kontraste zu meinen Lebensansichten, die vor dem Forum sogar der reinsten und zum großen Teile philanthropisch (menschenfreundlich) eingestellten Weltvernunft durchaus nicht verwerflich waren. Wie aber konnte ich's auch nur ahnen, daß ich mit dem ewigen Meister alles Seins und Lebens je in dieser Welt in eine leibhaftige Berührung kommen würde, vor dessen reinster Weisheit und wahrhaftester Lebensanschauung und - bestimmung meine Vernunftansichten so wie Wachs vor der Sonne zerflossen! Aber das Unglaublichste ist geschehen: Der Gott in aller Fülle Seiner ewigen Macht- und Weisheitsvollkommenheit steht vor uns allen und lehrt uns des Menschen und seines Lebens nicht nur zeitliche, sondern ewige Bestimmung mit so handgreiflich klaren Worten, daß man sie schon als nahe ein Blinder und Tauber bis auf den Grund des Grundes verstehen muß! Und da kann man denn doch nicht umhin, einen Lebensentschluß zu fassen, von dem mich auch eine in Trümmer zerstoßene Welt ewig nicht abbringen würde!
16] Ja, Menschen, die da nichts als eitel feige Memmen sind, die werden sich allzeit nach der Welt mehr richten als nach der heiligsten Wahrheit aus dem Munde des allein wahren Gottes; denn die Welt hat ja auch Vorteile für die Zeit und Gold, Silber und Edelsteine! Um solchen Kot lassen die schwachen Menschen Gott bald einen guten Mann sein; denn Er läßt ihnen ja kein Gold und kein Silber aus den Wolken regnen. Ich aber habe nun das reinste Gold der wahren Himmel Gottes kennengelernt und verachte daher schon jetzt aus dem tiefsten Grunde meines Lebens diesen verlockenden Kot der Erde! Du, allmächtiger Herr der Ewigkeit, aber strafe mich nun, so ein Wort falsch ist, das nun meinen Mund verlassen hat!
17] Dich, hoher Cyrenius, aber habe ich nur in meiner Dummheit und geistigen Armut um eine Unterstützung angefleht; jetzt aber nehme ich meine ungeschickte Bitte zurück! Denn wo ich der Himmel Schätze in einem so reichlichsten Maße gefunden habe, da bedarf ich der irdischen nicht mehr; auch meinen Acker und meine verbrannte Hütte brauche ich nicht mehr, da ich Gottes Hütte in meinem Herzen erkannt und gesehen habe. Verkaufet alles und bezahlet die, denen ich irdisch etwas schulde! Ich aber werde arbeiten und den Menschen in allem, was vor Gott recht ist, dienen; denn ich kann ja arbeiten, habe mir die Zeit meines Lebens hindurch so manche Fertigkeiten erworben und bin darum ein brauchbarer Mensch. Nur so viel Zeit wird man mir doch überall gönnen, daß ich dem in meinem Handeln entsprechen kann, wozu ich mich nun für alle meine Zeit und für ewig bestimmt habe?!«
18] Sage Ich: »Weil Ich deine Seele wohl kannte, so habe Ich dich im Geiste auch berufen, ansonst du nicht hierhergekommen wärest; da du nun aber so sehr umgestaltet worden bist, so wird für dich auch schon für weiterhin gesorgt. Du wirst Mir auch ein gutes Rüstzeug sein für die Griechen an den Küsten von Kleinasien und auch bei denen in Europa. Dort gibt es gar manche, die nach dem Lichte schmachten und keines von irgendwoher erhalten können. Vorderhand aber bist du im Hause des Kornelius aufgenommen, der ein Bruder des Cyrenius ist. Von selbem Hause aus wirst du mit allem versehen werden. Wenn es aber an der Zeit sein wird, daß du hinausgehest und den Völkern bekanntmachest Meinen Namen, werde Ich dir zur rechten Zeit bekanntgeben. Nun aber hast du alles, dessen du benötigest; ein mehreres wird dich der Geist der Wahrheit lehren. Wenn du zu reden haben wirst, wirst du nicht not haben nachzudenken, sondern zur Stunde wird es dir ins Herz und in den Mund gelegt werden, und die Völker werden dich hören und werden preisen Den, der dir solche Weisheit und Macht gegeben hat.«


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