Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 77

Zorels Entschluß zur Besserung.

01] Sagt Zorel: »Ich finde deine mir nun gemachte Belehrung höchst geistreich, wahr und gut, und es muß alles also sein; denn sonst hättest du mir ehedem wohl nicht können meine verborgensten Taten wie aus einem Buche hersagen. Man kann als Mensch somit in jedem Falle einer kaum glaublichen Vollendung gewärtig werden, und es genügt mir vor allem diese nun gemachte Überzeugung; ich geize auch gar nicht nach solcher an dir nun wahrgenommenen Vollendung darum, um bei einer andern ähnlichen Gelegenheit einem armen Sünder seine begangenen Sünden vorzutragen, sondern der menschlichen Vollendung selbst wegen möchte ich in solch einen Zustand kommen, um dadurch mir selbst einen wahren Lebenstrost zu verschaffen und mich also im stillen über mich selbst zu freuen! Ich will nie ein Lehrer noch irgendein noch so sanfter Richter sein; nur dienen will ich als ein vollkommener Mensch, auf daß in der Folge kein Mensch durch meine Dummheit in irgendeinen Schaden kommen soll.
02] Dieses ist der alleinige Beweggrund, aus dem ich in deine Vollendung kommen möchte. Bestehe die Forderung dazu an mein Leben, worin sie nur immer wolle, ich werde ihr sicher nachkommen; denn so ich etwas will, da ist mir kein Opfer zu schwer! Es wird ausgeführt, selbst auf Kosten dieses meines Leibeslebens! Denn welchen Wert kann auch ein Leben haben, wenn es aus lauter Unvollkommenheiten zusammengesetzt ist?! Mit der Unvollkommenheit kann man nichts Vollkommenes erreichen, - nach etwas Unvollkommenem aber gelüstet es mich wahrlich durchaus nicht mehr!
03] Du sagtest aber, daß mich über das, was ich tun soll, ein anderer Mensch belehren wird, der voll des Geistes Gottes ist; du kennst ihn, - zeige mir ihn, auf daß ich hintrete zu ihm und ihn bitte um die Mittel zur Erweckung meines Geistes!«
04] Sagt Johannes: »Jener ist es, der dich ehedem zu mir beschied! Zu Dem gehe hin, Der wird dich erwecken!«
05] Sagt Zorel: »Eine innere Ahnung hat es mir schon seit meinem Erwachen gesagt, daß dieser mir früher bekanntgegebene Zimmermannssohn aus Nazareth etwas mehr denn bloß nur ein Mensch sein muß. Endlich kommt es als Wahrheit heraus, was ich bisher dunkel nur geahnt! Es ist überhaupt äußerst merkwürdig, daß mir eben jener Mensch gar so bekannt vorkommt! Wie aber kam denn hernach er zu solch einer Vollendung? Weißt du mir darüber keinen Bescheid zu geben?«
06] Sagt Johannes: »Darüber kann ich dir nichts anderes sagen, als daß dir so eine Frage wohl zu vergeben ist; sonst aber wäre das wohl so viel, als würdest du danach fragen, wie und auf welche Art Gott zu Seiner unendlichen Weisheits- und Machtvollkommenheit gelangt ist. Gott Selbst hat Diesen erwählt zu Seiner leiblichen Wohnstätte! Das ist die große Gnade, die durch diesen Erwählten allen Völkern widerfährt. Das Menschliche, das du an Ihm siehst, ist gleichsam der Sohn Gottes; aber in Ihm wohnt des Geistes Gottes Fülle! (kol.02,09}
07] Wenn aber das, da kann man ja nicht fragen, wie Er zu solch einer unendlichen Vollendung kam! Das, was Er nun ist, und ewig sein wird, war Er schon im Mutterleibe. Er machte zwar alles rein Menschliche mit, bis auf die Sünde, die die Menschen immer mehr oder weniger begehen; aber zu Seiner geistigen Vollendung trug das nichts bei, weil Er schon von Ewigkeit her vollendet war. Er tat und tut aber alles nur, damit alle Menschen ein vollkommenstes Vorbild an Ihm haben sollen, um Ihm als dem Urgrunde und Urmeister alles Seins und Lebens nachzufolgen.
08] Jetzt weißt du auch, mit wem du (es in Ihm) zu tun hast. Gehe darum hin, auf daß Er dir zeige den rechten Weg zu deinem Geiste, der in dir ist als die reine Liebe zu Gott, und durch deinen Geist oder durch deine Liebe zu Ihm, der da unter uns nun weilt als das wahre Heil aller Menschen, die je auf dieser Erde gelehrt haben, jetzt leben und in der Zukunft leben werden.
09] So du aber zu Ihm gehest, da gehe in der Liebe deines Herzens zu Ihm und nicht mit der Purheit deines Verstandes! Denn nur durch die Liebe kannst und wirst du Ihn gewinnen und Ihn in Seiner Göttlichkeit auch begreifen; mit dem Verstande aber wirst du ewig nichts ausrichten! Denn nur die reine Liebe ist einer ewigen Steigerung fähig, während dem Verstande seine Grenzen gesetzt sind, über die er ewig nicht zu klettern vermögen wird. Aber des Menschen Liebe zu Gott ist, wie gesagt, einer ewigen Steigerung fähig, und je mächtiger die Liebe zu Ihm in dir werden wird, desto heller wird es auch in deinem ganzen Wesen! Denn die reine Liebe zu Gott ist ein lebendiges Feuer und ein hellstes Licht. Wer in diesem Lichte wandelt, der wird den Tod in Ewigkeit nicht sehen, wie Er Selbst also geredet hat. - Und nun weißt du schon gar vieles; erwecke dich im Herzen und wandle zu Ihm hin!«
10] Zorel weiß aber auf diese Nachricht vor lauter Ehrfurcht kaum, was er nun denken und tun soll. Denn diese letzte Belehrung läßt ihm nun gar keinen Zweifel mehr übrig, daß Ich die Gottheit in aller Fülle in Mir berge (kol.02,09}, und er wird darum aus der stets wachsenden Ehrfurcht auch stets verzagter und kleinmütiger, und er sagt nach einer Weile tiefernsten Nachdenkens: »Freund! Je mehr ich nun deine Worte überdenke und bedenke, desto schwerer wird es mir auch, zu Ihm hinzutreten und Ihn als ein Seiner Gnade Unwürdigster zu bitten, daß Er Selbst mir zeige den lichtvollen Weg zum Leben! Es ist, geradewegs zu sagen, mir nun nahe unmöglich, zu Ihm hinzutreten; denn ich fühle eine eigene Heiligkeit aus Ihm mir entgegenwehen, und diese sagt mir stets: "Tritt zurück, du Unwürdigster! Wirke zuvor eine jahrelange Buße, dann erst komme und sieh, ob du den Saum Meines Gewandes anrühren kannst!" Sage mir, woher nun solch eine außerordentliche Bangigkeit mein ganzes Wesen durchdringt!«
11] Sagt Johannes: »Das ist schon recht also; der wahren Liebe zu Gott dem Herrn muß ja stets die Demut des Herzens vorangehen! Wo dies nicht der Fall ist, da kommt die Liebe nie und nimmer zum wahren und lebendigen Vorscheine. Verharre nur noch eine kleine Weile in solch einer rechten Zerknirschung deines Herzens vor Ihm! Wenn Er dich aber rufen wird, dann zaudere nimmer, eiligst zu Ihm hinzutreten!«
12] Nach diesen Worten findet Zorel etwas mehr Beruhigung in sich, denkt aber dennoch sehr darüber nach, wie gut und selig es nun wäre, ohne Sünde vor den Heiligsten hinzutreten.


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