Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 76

Vom Geheimnis des inneren Geisteslebens.

01] Auf diese Worte des Cyrenius verneigte sich Zorel tiefst vor uns allen und begab sich dann sogleich wieder zu Johannes, der ihn abermals mit aller Freundlichkeit aufnahm und ihn fragte, wie es ihm nun wohl ergangen sei.
02] Sagt Zorel: »Mir ist es überaus wohl ergangen, was du aus meiner Bekleidung gar wohl ersehen kannst; denn wenn man einmal ein ganz gesundes Hemd besitzt, eine Toga und einen griechischen Mantel von blauem Merino um die Schultern gehangen trägt, dann ist es einem irdisch doch sicher sehr wohl! Freilich mit dem geistigen Wohlsein und Wohlergehen, ich sage es dir, da hat es noch ein ganz gewaltiges Unwohlergehen am Brette! Wollte Gott, daß ich auch im Geiste also neubekleidet auszusehen anfinge wie nun am Leibe, so ginge es mir sicher noch wohler; aber da wird es schon noch seine Zeit benötigen!
03] Eine Frage, Freund, aber wirst du mir schon erlauben, und diese lautet also: Ihr seid Menschen wie ich, habt Fleisch und Blut und die gleichen Sinne wie unsereins; du hast mir aber Beweise von deiner Geistesstärke gegeben, die alles, was mir bis jetzt vorgekommen ist, himmelhoch und weit übertrifft! Es fragt sich nun, wie du dazu kamst. Wer hat dich und deine Kollegen solches gelehrt? Wie kamet ihr auf den Weg?«
04] Sagt Johannes: »Dir das zu erklären, würde dir wenig nützen; so du aber das tust, was ich dir nun sagen werde, so wirst du die Lehre in dir selbst finden, und dein geweckter Geist wird dich, gestärkt vom Geiste Gottes, in alle Wahrheit und Weisheit leiten. Willst du irgendeine Kunst erlernen, so mußt du zu einem Künstler gehen und dir von ihm die Handgriffe zeigen lassen; dann kommt die fleißige Übung, dir die Handgriffe derart zu eigen zu machen, daß sie denen des Meisters völlig gleichen, und du bist dann ein Künstler wie dein Meister.
05] Willst du denken lernen, so mußt du zu einem Philosophen gehen; der wird dich auf die Ursachen und Wirkungen aufmerksam machen, und du wirst dadurch zu denken und zu schließen anfangen und wirst sagen: Dieweil das Wasser ein flüssiger Körper ist, so kann es leicht in eine Unruhe versetzt werden; es muß vermöge seiner Schwere talabwärts fließen, weil nach der allgemeinsten Erfahrung bis jetzt alles Schwere vermöge einer der Erdtiefe eigenen Anziehungskraft sich eben auch stets der Tiefe der Erde zugewendet hat und dahin unaufhörlich streben muß nach dem unwandelbaren Willen des Schöpfers, der da ein Mußgesetz in der gesamten Natur ist.
06] Hat das Wasser im Meere ein möglich tiefstes Bett erreicht, so kommt es in bezug auf ein Weiterfließen wohl zur Ruhe, - aber in sich bleibt es dennoch stets ein flüssiger Körper; und weht ein Sturmwind über die weite Oberfläche, so bringt er die sonst ruhige Oberfläche des Wassers in eine wogende Bewegung, und dies Wogen des Wassers ist an sich wieder nichts anderes als ein Bestreben des flüssigen Wasserkörpers nach der Ruhe. Aber weil eben nichts so sehr einen Trieb nach der Ruhe hat wie das Wasser, so kann es auch am leichtesten und am ehesten aus dem Gleichgewichte seiner Ruhe gebracht werden.
07] Hieraus kommt endlich der Schluß: je flüssiger irgendein Körper ist, desto mehr Bestreben nach Ruhe birgt er in sich; und je mehr Bestreben nach Ruhe er in seinem körperlichen Wesen äußert, desto leichter kann er in eine Unruhe versetzt werden. Je leichter aber ein elementarischer Körper in Unruhe zu bringen ist, desto flüssiger muß er sein. Du siehst aus diesem Beispiele, wie man in einer Schule der Philosophen denken zu lernen anfängt, und wie man von der Ursache auf eine Wirkung und also auch umgekehrt zu schließen anfängt.
08] Allein all dies sogestaltige Denken bewegt sich innerhalb eines Kreises, aus dem es nirgends einen weiteren Ausweg findet und auch nicht finden kann. All solches Denken nützt dem Menschen denn auch wenig oder nichts in bezug auf sein inneres, geistiges Sein, Wollen und Denken. Wenn du dir aber irgendeine Kunst nur bei einem Künstler, ein geordnetes rationales Denken nur bei einem Philosophen zu eigen machen kannst, so wirst du das innere, geistige Denken nur von einem Geiste, und zwar vom alles durchdringenden Geiste Gottes in dir selbst erlernen können, - das heißt: nur ein Geist kann einen Geist wecken; denn ein Geist sieht und erkennt den andern Geist, so wie ein Auge das andere erschaut und erkennt, daß es ein Auge und wie es beschaffen ist.
09] Der Geist ist der Seele innerste Sehe, deren Licht alles durchdringt, weil es ein innerstes und somit reinstes Licht ist. Aus dem ersiehst du nun, wie es mit dem Erlernen der verschiedenen Dinge zugeht, und wie man zu allem, was man erlernen will, stets den geeignetsten Lehrer haben muß, ansonst man ein ewiger Stümper verbleibt; es kommt aber dann sehr darauf an, so man schon auch den allergeeignetsten Lehrer gefunden hat, daß man das alles genaust und fleißigst tut, was einem der Meister zu tun und zu üben befohlen oder angeraten hat.
10] Wenn dein Geist in dir wach wird, so wirst du seine Stimme wie lichte Gedanken in deinem Herzen vernehmen. Diese mußt du wohl anhören und dich danach in deiner ganzen Lebenssphäre richten, so wirst du dadurch deinem eigenen Geiste einen stets größeren Wirkungsraum verschaffen; also wird der Geist wachsen in dir bis zur männlichen Größe und wird durchdringen deine ganze Seele und mit ihr dein ganzes materielles Wesen.
11] Hast du mit dir selbst diesen Standpunkt erreicht, so bist du dann auch ebenso wie unsereins fähig, nicht nur das zu sehen und zu erkennen, was alle natürlichen Menschen mit ihren Sinnen sehen und wahrnehmen können, sondern auch solche Dinge, die für den gewöhnlichen Menschen unerforschlich sind, wie du solches an mir entdeckt hast, da ich, ohne dich früher je gesehen und gekannt zu haben, dir doch alles von dir noch so verborgen Gehaltene auf ein Haar vortragen konnte, was du auf dieser Erde je irgend angestellt hast.
12] Nun habe ich dir nur so einen kleinen Vorgeschmack von dem Sachverhalte gegeben, auf daß du ersehen und erkennen kannst, wie es sich mit den Dingen des Geistes verhält. Aber mit alldem ist dir noch immer wenig oder auch nichts geholfen; du mußt nun erfahren, was du zur Erweckung deines Geistes tun mußt. Das dir vorzuzeichnen aber steht mir noch lange nicht zu, sondern einem andern, der auch unter uns ist, und dessen ganzes Wesen vom Gottesgeiste allerdichtest durchdrungen ist. Der wird dir erst den Wahrheitsweg zeigen und durch dein Fleisch zu deinem Geiste als Selbst Geist aller Geister rufen: >Erwache in der Liebe zu Gott und daraus zu deinen Brüdern im Namen Dessen, der ewig war, ist, und auch ewig sein wird!< - Und nun sage du mir, wie du all das von mir dir nun Gesagte findest!«


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