Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 27

Die Lebensgeschichte der beiden Mädchen.

01] Hier wandte sich Schabbi an Mich und fragte, ob er das tun dürfte.
02] Sagte Ich: »Oh, tue das immerhin; denn durch eine Wohltat hat sich noch nie jemand vor Mir versündigt! Gehe hin, und lasse die beiden bekleiden!«
03] Und Schabbi ging, und in wenigen Augenblicken war er mit zwei feinsten Seidenhemden von blendend weißer Farbe und mit zwei himmelblauen, feinsten Kaschmiroberkleidern bei der Hand, wie auch mit zwei Paaren der teuersten Festsandalen mit langen, mit Seide gefütterten Bändern; auch zwei diademartige Kämme und goldene Stirnspangen, mit kostbaren Edelsteinen geschmückt, wurden den beiden Neuerweckten verabreicht. Sie weigerten sich, den ihnen zu kostbar dünkenden Schmuck anzunehmen.
04] Aber Ich sagte: »So Ich es will, da nehmet nur, was euch gegeben wird; denn es ziemet sich für Bräute, daß sie fein geschmückt sind!«
05] Da nehmen die beiden auch den Schmuck an; und als sie so ganz angekleidet und geschmückt waren und dastanden wie zwei Königstöchter, zeigten sie eine große und dankbare Freude.
06] Als sie aber also vor uns standen und vor Schönheit ordentlich strahlten, da sagte Zinka: »Nein, nein, das ist ja schon wieder ein Wunder! Als ich die beiden ehedem als Tote besah, kamen sie mir vor wie ein paar Weiber von etlichen vierzig Jahren, und ihre verschrumpften Formen zeigten von keiner Anmut etwas Besonderes; selbst als sie darauf wunderbarsterweise erweckt wurden, zeigte sich eben auch nichts Besonderes; und nun sind das zwei Schönheiten, wie meine Augen nie etwas Ähnliches gesehen haben! Nun sind das zwei Jungfrauen, von denen noch keine zwanzig Jahre zählen kann! Ja, das ist ja doch auch ein Wunder der Wunder! Was wäre da die junge Herodias?! Na, wenn Herodes eine von diesen beiden zu Gesichte bekäme und sie verlangete es, so ließe er ihr zuliebe schon gleich alle Juden enthaupten! Soll ich armer Sünder wirklich der Gnade gewürdigt werden, einen dieser beiden Engel zum Weibe zu bekommen, da sieht mich Jerusalem ewig nimmer; denn das wäre so ein Köder für Herodes und auch für die andern vielen Heiligen der Stadt Gottes!«
07] Sagte Cyrenius: »So diese beiden Wunderkinder entweder keine ordentlichen Eltern mehr haben oder so selbst die ordentlichen Eltern durch den dazwischengetretenen Tod jedes Recht auf sie verloren haben, dann sind sie meine Töchter und bekommen von mir aus eine genügende Aussteuer!«
08] Sagt die ältere der beiden, die Gamiela hieß: »Wir beide sind - streng genommen - elternlos; und die wir Vater und Mutter nannten, sollen mit uns im Grunde nicht von ferne hin anverwandt sein. Wir kamen als Kindlein von zwei und ich drei Jahren in das Haus eines eigentlich griechischen Kaufmannes, der erst später so halbwegs das Judentum angenommen hat; nach einer alten Magd Versicherung wurden wir von einem Sklavenhändler von Sidon nach Kapernaum gebracht und daselbst vom bewußten Kaufmanne, den wir Vater nannten, um fünf Schweine und drei Kälber und acht Schafe erkauft.
09] Der Verkäufer habe dem Kaufmanne eine Schrift hinzugegeben, in der unsere Namen und unsere eigentlichen Eltern sollen aufgezeichnet sein! Unsere wahren Eltern sollen Römer und von sehr hoher Abkunft sein. Wieviel Wahres nun daran sein mag, wissen wir nicht; aber die Reise, auf der wir verunglückt sind, haben wir geheimermaßen auch zu dem Behufe unternommen, um von einem anderorts wohnenden Verwandten unserer Scheineltern die volle Wahrheit zu erfahren, ob wir wirkliche oder im Ernste nur angekaufte Töchter unserer Eltern sind.
10] Allein, da fielen wir in die Hände der bösen Seeräuber, wurden aller mitgenommenen Habe beraubt, unserer Kleidung entblößt, dann bei den Haaren trotz alles unseres Flehens fest zusammengebunden und so dann lebendig ins tiefe Meer geworfen. Was nachher mit uns geschehen ist, wissen wir nicht, und auch nicht, wie wir nach diesem uns ganz unbekannten Ort gekommen sind, und wer uns das Leben wiedergegeben hat; denn wir mußten ja tot gewesen sein, als man uns, sicher vom Meer ans Land gespült, an irgendeinem Ufer oder Strande gefunden hat! - Wo sind wir denn nun, und wer seid ihr guten und herrlichen Menschen?«


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