Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 23

Der Verkehr mit Gott durch das innere Wort im Herzen.

01] Nach diesen schönen und aller Anwesenden Gemüter tief erbauenden Exklamationen des Zinka sagte die Jarah: »O Raphael, Raphael! Welch ein ganz anderes Wesen bist du nun, als du vormals warst! Du hast mir ja ganz mein Herz zerbrochen! Ach, hättest du den Ton doch lieber gar nicht gesungen!«
02] Sagt Raphael: »Warum hast du mich dazu genötigt?! Ich wollte es ja eigentlich ohnehin nicht; aber da ich den Ton nicht mehr zurücknehmen kann, so macht das gerade auch nichts! Denke dabei, daß in den Himmeln Gottes alles diesem Tone gleichen muß, so wirst du dich für die Folge desto ernster bestreben, dein Leben so einzurichten, daß es in allen seinen Erscheinungen, Wirkungen und Einrichtungen diesem einen Tone gleicht; wessen Leben aber nicht diesem Tone gleichen wird, der wird in das Reich der ewigen und reinsten Liebe nicht eingehen.
03] Denn der vernommene Ton ist ein Ton der Liebe und ein Ton der höchsten Weisheit in Gott! Merke dir das nur so recht gut und handle, daß du ganz dem vernommenen Tone gleich wirst, so wirst du in aller Liebe und Weisheit gerecht sein vor Gott, der dich zu einer rechten Braut des Himmels erkoren hat und hat darum mich dir zum Führer verordnet!
04] Was aber hier nun geschieht, das geschieht vor Gott und vor Seinen Himmeln; aber für diese Welt geschieht das nicht, denn diese würde so etwas nimmer fassen; darum wird davon die Welt auch wenig oder nichts erfahren, und wird auch von diesem Tone nichts erfahren. Siehe aber an die Menschen an den anderen Tischen, wie sie allerlei urteilen und in einen ordentlichen Streit geraten; aber lassen wir sie urteilen und streiten untereinander! Sie werden doch alle miteinander nichts herausbringen; denn dies begreift nimmer ein Weltverstand!
05] Der Herr verweilet hier schon mehrere Tage; aber der morgige wird der letzte sein! Was nachher geschehen wird, weiß niemand als nur der Herr allein. Darum erfülle du dein Herz mit aller Liebe und Demut und behalte verborgen in deinem Herzen, was du hier als Besonderes und Außerordentliches gehört und gesehen hast; denn dieses den Weltmenschen wiedererzählen, hieße die edelsten und größten Perlen den Schweinen vorwerfen, was den Weltmenschen nichts nützen würde. Dies alles mußt du dir wohl merken und so tun, so wirst du ein nützliches Werkzeug in der Hand des Herrn werden im Himmel und auf Erden. - Hast du dir das wohl alles gemerkt?«
06] Sagt die Jarah: »O liebster Raphael! Gemerkt habe ich mir wohl alles; aber angenehm ist das gerade nicht, was du mir nun kundgemacht hast, - namentlich die von dir mir schon für morgen angekündigte Abreise des Herrn von hier! Du weißt, wie sehr und wie über alles ich Ihn liebe! Wie wird es mir ergehen, so ich Ihn nicht mehr werde sehen, hören und mit Ihm nicht mehr werde sprechen können?!«
07] Sagt Raphael: »Es wird dir ganz gut gehen, denn wirst du Ihn auch nicht sehen, so wirst du Ihn doch allzeit hören und sprechen können; denn so du Ihn fragen wirst im Herzen, da wird Er dir auch antworten durchs Herz.
08] Sieh, was müssen denn wir tun!? Ich bin nun, wie du siehst, hier; wenn es aber der Herr will, muß ich eiligst zu einer von hier entferntesten Welt mich begeben und dort so lange verbleiben, als es nach der Ordnung des Herrn notwendig ist. Glaube es mir, daß wir da von der persönlichen Gegenwart des Herrn gewiß oft sehr ferne sind, - aber von der geistigen gar nicht; denn da sind wir beständig in Gott, also wie auch Gott in uns ist und wirket Seine nie ermeßbar großen Taten.
09] Wer Gott den Herrn wahrhaft liebt, der ist beständig bei Gott und in Gott. Und will er von Gott etwas hören und wissen, so frage er Ihn im Herzen, und er wird durch die Gedanken des Herzens auch sogleich eine vollste Antwort bekommen, und es kann sogestaltig jeder Mensch von Gott allzeit und in allen Dingen belehret und gelehret werden. Du ersiehst daraus, daß man nicht immer auch zu schauen vonnöten hat, um glückselig im Herrn zu sein, sondern nur zu hören und zu fühlen, - und man hat dann auch alles, was zur wahren Seligkeit in Gott nötig ist.
10] Siehe! Auch ich werde nicht stets sichtbar um dich sein; aber du wirst mich in deinem Herzen nur zu rufen haben, und ich werde bei dir sein und werde dir antworten durch deines Herzens zwar sehr leise, aber dennoch überdeutlich vernehmbare Gedanken. Hast du solche vernommen, so denke, daß ich sie dir in dein Herz hineingehauchet habe! Du wirst sie auch erkennen, daß sie nicht auf deinem Grunde und Boden gewachsen sind. Hast du sie aber erkannt, dann handle danach!
11] Denn zu wissen allein, was recht und gut ist und was Gott dem Herrn wohlgefällig, genügt nicht, ja bei weitem nicht, - auch dann nicht, wenn man das entschieden alleinige und größte Wohlgefallen an der Lehre aus den Himmeln hätte, würde sich aber dennoch nie ganz ernstlich dazu entschließen, danach zu handeln in allem und jedem, was die heilige, aus den Himmeln kommende Lehre vorschreibt.
12] Darum heißt es, die Lehre wohl vernehmen, wohl erkennen und dann wohl danach handeln! Ohne das streng genommene Handeln nach der Lehre aber ist, bleibt und wird nichts!«


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