Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 195

Erklärung eines Schrifttextes durch Jesus.

01] Auf diese Meine Frage und vorhergehende Darstellung machten alle große Augen und wußten nicht, was sie darauf antworten sollten. Denn je mehr sie darüber nachdachten, desto verworrener wurde es in ihrem Verstande und Gemüte.
02] Einer der beiden Deputierten machte nach einer Weile die Bemerkung, sagend: »Hoher, weiser Freund! Du scheinst mir in der Schrift sehr erfahren zu sein, obwohl du vielleicht ein Römer oder ein Grieche bist. Das von dir uns vorgeführte höchst mystische Bild des Propheten Elias ist wesentlich richtig vorgeführt; aber es ist bisher noch von niemandem je verstanden worden. Es wäre wahrlich sonderbar, daß ein Heide uns Juden darüber ein Licht geben sollte. Wir bitten dich aber darum; denn ich habe mir schon einmal so manches Dunkle aus dem Propheten Jesaja von einem weisen Heiden aus dem Morgenlande erklären lassen und habe mich über dessen tiefe Weisheit hoch zu erstaunen die gerechteste Ursache gehabt. Hier scheint mir abermals ein gleicher Fall werden zu wollen. Darum bitten wir dich alle, wie wir hier sind, daß du uns nach deiner Einsicht dies Bild enthüllen möchtest!«
03] Sage Ich: »Nun denn, so sei es! Aber vor allem muß Ich euren Irrtum, der Mich für einen Heiden hält, dahin berichtigen, daß Ich kein Heide bin, sondern von Geburt an ein Jude gleich wie ihr; nun wohl bin Ich alles mit allen, um alle zu gewinnen für das Reich des Lichtes, für das Reich der ewigen Wahrheit! Wer Ohren hat, der vernehme, und wer Augen hat, der sehe nun!
04] Elias stellt die reine Seele des Menschen dar, und die Höhle, in der er verborgen war, ist die Welt und eigentlich das Fleisch und das Blut des Menschen. Der Geist, der zum Elias, resp. zu der Menschenseele spricht, ist der Geist Gottes, mit dem die Seele eins werden soll, aber noch nicht werden kann, weil Jehova noch nicht vor der Fleisches- oder der Welthöhle vorübergezogen ist.
05] Der vorüberziehende Sturm kennzeichnet die Zeit vom alten Adam bis auf Noah, das Feuer die Zeit von Noah bis auf diese Zeiten herab.
06] Die Zeit aber des sanften Säuselns vor der Höhle des Propheten ist soeben vor uns, die jeder Seele, die eines guten Willens ist, die volle Erlösung im Geiste und in aller Wahrheit geben wird, und, nota bene (wohlgemerkt), auch ihr befindet euch nun auf diesem Punkt, die Freie des Elias zu überkommen!
07] Das Schiff, das euch hierherbrachte, war auch gleich einer Höhle des Propheten. Es befand sich anfangs in der großen Gewalt des Sturmes, und ihr littet große Not und Angst, und als ihr vom Sturm auf die Höhe des haltlosen Meeres getrieben waret, da zuckte ein tausendfaches Feuer um eure kleine, lockere Welt aus morschen Brettern: aber Jehova war nicht im Feuer, obschon Er mit Seinem Arme (einem Engel) euch Rettung und Erhaltung brachte.
08] Nun befindet ihr euch aber da, wo es nach dem Sturme und Feuer gar sanft an euch vorübersäuselt; wer wohl mag in diesem sanften Säuseln vor euch und in eurer Nähe sein?!«
09] Hier staunen die Perser über die Maßen, und der Deputierte sagt: »Sonderbar, sonderbar! Dies völlig ein und dasselbe Bild ist überraschend ähnlich mit jenem alten des Propheten Elias! Wunderbar ging es mit unserer Rettung auch zu, und das in keinem geringen Maße, und nun hier auf diesem Hügel verspüre ich wahrlich physisch und moralisch jenes sonderbare, geheimnisvolle Säuseln, von dem der Geist zum Propheten sagte, daß im selben Jehova vorübergezogen sei! - Ja, was meinet denn ihr, meine Brüder und Schwestern alle?! Wie kommt diese Sache denn euch vor?«
10] Sagen die andern alle wie aus einem Munde: »Uns kommt es ebenso wundersam vor wie dir; wir aber werden da von uns aus zu keinem Lichte gelangen! Lassen wir darum nur diesen weisen Mann reden für dich und für uns alle!«
11] Sagt der Deputierte: »Ja, das wäre freilich wohl das beste; aber man kann da auf diesem Platze, wo Roms höchste Gebieter weilen und Könige und Fürsten, nicht gleichweg verlangen um dies oder jenes, sondern da heißt es zuerst um die gnädige Erlaubnis bitten, für etwas, das man hauptsächlich möchte, bitten zu dürfen!«
12] Sage Ich dazwischen: »Freund, dessen bedarf es hier wohl nicht! Dies ist wohl ein Gebrauch in Persien, aber uns solle er für immer fern bleiben! Vor Gott, Mein Freund, ist eine die Menschenseele zu dumm erniedrigende Demut schon so gar eine Torheit als irgendeine andere, nur im Heidentum vorkommende, - um so mehr eine zu große Demütigung eines Menschen vor wieder nur einem Menschen. Solch eine zu speichelleckerische Demutsäußerung eines Menschen vor einem andern Menschen macht beide schlecht; den ersten, weil er solch eine Demut zumeist nur heuchelt und dadurch seinen Nebenmenschen noch hochmütiger zeihet, und den zweiten, weil er dadurch im Vollernste noch hochmütiger wird!
13] Jene Demut, die da hervorgeht aus der reinen Liebe, ist eine rechte und wahre Demut; denn sie achtet und liebt im Nebenmenschen einen Bruder als Bruder, macht aber weder sich selbst noch den Nächsten zu einem Gott, vor dem man auf die Knie fallen und ihn anbeten soll.
14] Was du irgend willst oder möchtest, das verlange als Mensch vom Menschen und als Bruder vom Bruder; aber im Staube kriechen soll nie ein Mensch vor dem andern!
15] Was Gott von keinem Menschen verlangt, das soll um so weniger ein Mensch von seinem Nebenmenschen verlangen! Das ist auch eine rechte Weisheit in der vollsten Ordnung Gottes; daher merket sie euch und tut danach, so werdet ihr angenehm vor Gott und vor den Menschen sein!
16] Aber nun wieder von etwas anderem! Auf daß ihr das sanfte Säuseln vor der Höhle des Propheten ein wenig tiefer mit dieser Zeit als übereinstimmend erkennen möget, so werde Ich euch nun, da ihr sozusagen noch kernfeste Juden seid, eine andere Frage geben.«


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