Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 170

Der Widerspruch zwischen Wollen und Tun.

01] Sagt die Jarah: »Ja, Herr, Du meine alleinige Liebe, es wäre das schon in allem also recht und eigentlich am allerbesten, wenn man nur allzeit gleich so eine rein göttliche Belehrung zur Seite hätte! Aber wir Menschen sind oft schon so blind - und das gerade in Momenten, da wir am schärfsten sehen sollten -, daß wir den Wald vor lauter Bäumen nicht merken! Und um kein Haar besser geht es uns in den wichtigsten Lebensaugenblicken mit der wahren Lebensweisheit. Dorten, wo wir ihrer am meisten benötigen, läßt sie uns sitzen; und wo wir aber ihrer eben nicht in einem hohen Grade vonnöten hätten, da sind wir voll hoher Gedanken und Ideen! Daher ist es immer eine sonderbare Sache um uns Menschen!
02] Nichts scheint mir bei mir selbst gut zu sein als mein Wille; aber selbst der ist am Ende nicht so sehr zu rühmen, weil ihm zumeist die volle Kraft des Vollbringens mangelt. Denn man will gar oft etwas recht Gutes und tut es aber dennoch nicht, oder man tut gerade das Gegenteil von dem Guten, das man eigentlich will. Woran das liegt, weiß ich nicht; daß es aber also ist, weiß ich aus der eigenen Erfahrung.
03] Herr, Du meine Liebe! Durch Deine allmächtige Gnade habe ich einen wunderbarsten Blick in Deine großen Weltenschöpfungen tun dürfen und weiß in dieser Beziehung nun mehr, als alle Weisen der Erde zusammen wissen. Was die endlosen Tiefen Deiner Himmel bergen, kenne ich; aber warum kenne ich denn nicht auch mich selbst?!«
04] Sage Ich: »Weil du selbst ein viel wunderbareres Wesen bist als alle die großen Sonnen und Welten zusammen! Im Herzen des Menschen ruht ein viel wunderbarerer Himmel, als der große da ist, den du schauest mit deinen Augen.
05] Sieh, alle Materie ist ein Gericht und ein ehernes Muß! Du kannst sie beschauen von außen und auch von innen nach ihrem Gefüge, und manche Apotheker besitzen die Wissenschaft, eine Materie in ihre Urelemente genau zu zerlegen. Und diese seltene Wissenschaft nennt man die Scheidekunst, die sich mit der Zeit stets mehr und mehr vervollkommnen wird.
06] Wie du auf diesem Wege aber einen Stein so ziemlich genau von außen und von innen erkennen kannst, so kannst du auch eine ganze Welt erkennen! Unser Mathael ist in solcher Kunst sehr bewandert; auch Mein Jünger Andreas, der auch bei den Essäern war, ist ein tüchtiger Apotheker, welche Kunst er in Ägypten sich zu eigen gemacht hat. Diese beiden werden dir die Materie einer ganzen Welt mit vielem Geschick und vieler Wahrheit dartun. Freilich steckt innerhalb der Materie noch gar manches Etwas, das wohl nie ein Scheidekünstler herausbringen wird; aber die eigentlichen Elemente kann er erkennen, aus denen irgendeine Materie besteht, obschon die Elemente in sich selbst nie, weil sie Geistiges in sich fassen und nur von einem reinen Geiste wie durch und durch erkannt werden. Denn in den Elementen legt Unendliches verborgen!
07] Aber noch Unendlicheres liegt in der Menschenseele und in deren Geiste! Das erfährt man durch alle Scheidekunst nicht, und Ich Selbst mußte ja eben darum zu euch Menschen kommen, um euch das kennen zu lehren, das keinem Menschen aus sich je hätte erkennbar werden können.
08] Also siehst du, eben deines Anstandes wegen bin Ich Selbst aus den Himmeln der Himmel gekommen und lehre euch eben das, das euch sonst niemand lehren könnte!
09] Jetzt verstehst du freilich wohl noch nicht, wie du etwas im Willen haben kannst, aber dennoch nicht handeln dem Willen zufolge, sondern du handelst dann irgend äußeren Motiven zufolge, die du nicht kennst, und des Fleisches stumme Begierden bestimmen nicht selten wider den Willen des Geistes deine Handlung. Denn der Wille ist kein Angehör des Fleisches und Blutes und der Seele, die das Fleisch und das Blut gebildet und nachher selbst ihre formelle Ausbildungsnahrung aus denselben genommen hat, sondern ein Angehör der Liebe, die da ist Mein Geist in euch, und ihr darum nicht allein Meine Geschöpfe, sondern Meine wahren Kinder seid und dereinst in Meinem Reiche auch mit Mir die ganze Unendlichkeit beherrschen werdet.
10] Aber dazu müßt ihr zuvor im Geiste völlig neu geboren werden, ansonst solches unmöglich wäre!
11] Verstehst du, Mein liebstes Töchterchen, dieses?«


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