Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 169

Das gemeinsame große Mahl bei Markus.

01] Kornelius fällt Mir auf diese Rede schon wieder um den Hals und sagt tief ergriffen: »Ja, solche Worte kann nur ein Gott, und nie ein Mensch, zu den Menschen sprechen!«
02] Sage Ich: »Ja, ganz gut und in aller Ordnung gibst du Mir ein rechtes Zeugnis, und es wird dir auch die besten Früchte tragen! Dein Fleisch und Blut gibt dir das nicht, sondern dein Geist, der auch wie der Meine aus Gott ist, und darum du Mir auch ein rechter Freund und Bruder bist.
03] Aber nun folgen wir, als im Fleische seiend, auch zur Deckung der äußern Notdurft dem Rufe, der auch vom Fleische ausgeht!«
04] Alle fügen sich, und wir gehen an die Tische, auf denen wohlzubereitete Fische der edelsten Art unser harren.
05] Am Tische, da Ich Platz nehme, sitzt Mir zur Rechten Cyrenius, neben ihm Kornelius, und uns gegenüber sitzen Faustus, Kisjonah, Julius und Philopold; Mir zur Linken sitzt die Jarah, dann Raphael, Josoe der Knabe und dann Ebahl. Der untere lange Flügel weiter links wird von Meinen Jüngern besetzt und der obere rechte von der königlichen Familie Ouran mit Mathael, Rob, Boz, Micha und Zahr.
06] Ein anderer, sehr langer Tisch nimmt die fünfzig Pharisäer auf; dieser läuft mit Meinem gleichlinig und ist vor Meinen Augen, und der Stahar und Floran sitzen in der Mitte also, daß sie Mein Gesicht sehen können.
07] Ein dritter Tisch, hinter Mir, nimmt die dreißig jungen Pharisäer und Leviten auf; ihre Hauptsprecher Hebram und Risa sitzen gerade hinter Meinem Rücken, aber mit den Gesichtern gegen denselben gekehrt.
08] Unter dem linken Flügel Meines Tisches, also hinter Meinen Jüngern, ist querüber ein kürzerer Tisch mit den zwölfen unter ihren Redeführern Suetal, Ribar und Bael; und am obersten Flügel gleich hinter Ouran ist noch ein kleiner Tisch, an dem der arme Herme, der bekannte Bote aus Cäsarea Philippi, mit seinem nun stattlich gekleideten Weibe, drei eigentlichen Töchtern und einer vierten Ziehtochter sitzt. So sitzen nun alle, die zu Mir gehören, wohl untergebracht.
09] Die Dienerschaften aber haben ihre Tische mehr außerhalb und waren ebenfalls bestens versorgt, sowie die mehreren Hunderte Soldaten, die in ihrem Lager selbst für ihren Unterhalt zu sorgen hatten, wie es bei den Römern immer Sitte war.
10] Alles ist nun samt uns mit der nötigen Stärkung der Glieder und der Eingeweide beschäftigt, und alle loben Mich für solch eine außerordentlich stärkende Bewirtung.
11] Die Fische, das Brot, allerlei gute und süße Früchte - als Feigen, Birnen, Äpfel, Pflaumen und sogar Trauben - bedecken die Tische, und am besten Weine gibt es nirgends einen Mangel; da sitzt bei keinem Tische auch nur einer, der da nicht von der besten Eßlust beseelt wäre, und der alte Markus, seine beiden Söhne und auch ein paar seiner älteren Töchter tummeln sich munterst hin und her und lassen ja auf keinem Tische irgendeinen Abgang fühlen!
12] Der Wein löst nach und nach die Zungen, und es wird hie und da lauter und lauter an den Tischen. Auch an Meinem Tische werden allerlei Verwunderungen über Speisen und Trank ausgesprochen, ja sogar Meine Jarah wird lebendiger und kann die süßen Trauben nicht genug loben und bewundern, dieweil nun die eigentliche Zeit der Trauben noch nicht in der Ordnung da war.
13] Auch Meine Jünger fingen an, recht gesprächig zu werden, was selten der Fall war. Nur der Judas Ischariot schwieg; denn er hatte noch viel zu viel mit einem großen Fische zu tun, und der bedeutende Weinbecher vor ihm beschäftigte ihn auch zu sehr, als daß er sich hätte eine Zeit nehmen können, sich mit jemand in ein Gespräch einzulassen. Thomas hatte ihn wohl schon ein paarmal gestupft; aber Judas Ischariot merkte nichts, und das war gut, weil er sonst bald mit etwas Ungebührlichem uns Tageslicht getreten wäre.
14] Jarah an Meiner linken Seite aber spitzte schon sehr darauf, ob sich nicht eine Gelegenheit ergäbe, diesem ihr sehr unliebsamen Jünger so einen recht derben Hieb zu versetzen; aber diesmal war Judas Ischariot um keinen Preis aus seinem Freß- und Saufphlegma zu bringen.
15] Als er aber mit seinem großen Fische einmal zu Ende war, machte er noch Miene, nach einem zweiten, nicht minder großen zu greifen; aber da war Raphael etwas geschwinder und kam dem Judas Ischariot zuvor. Nun - das gab natürlich zu einer ein wenig schmunzelnden Heiterkeit Anlaß, und Meine Jarah konnte nur mit Mühe den Ausbruch eines lauten Lachens unterdrücken.
16] Ich fragte die Jarah, was sie denn habe.
17] Und das Mägdlein sagte: »O Herr, Du meine Liebe, wie magst Du einen Menschen fragen, dessen Innerstes Dir offener steht als uns die äußere Form dieses Trinkbechers?! Hast denn Du, o Herr, nicht bemerkt, wie der Jünger Judas Ischariot schon früher sich den allergrößten, gewiß zehn Pfund schweren Fisch ausgesucht hatte und auch den größten Becher?! Einige große Stücke Brotes sind nebstbei in seinen Bauch hinabgesunken!
18] Nun wollte er noch den zweiten großen Fisch sich selbst zukommen lassen; aber mein Raphael, den gerechten Ärger der andern Jünger merkend, griff dem gefräßigen Judas Ischariot vor und rettete also den Fisch vor der Freßwut des Judas Ischariot. Nun, darin besteht der eigentliche Grund, warum ich mich des Lachens kaum enthalten konnte!
19] Ich weiß es wohl noch von Genezareth her, daß man eigentlich gar nie lachen soll außer allein aus Liebe und Freundlichkeit; aber hier stellte sich die Sache im Ernste so scherzhaft, daß ich mich des Lachens kaum enthalten konnte. Ich glaube, daß es denn doch nicht gar weit gefehlt ist, so man einen sehr gefräßigen Geiz belächelt, wenn ihm eine höchst eigenliebige Unternehmung fehlschlägt; denn man kann sich ja dabei auch denken, daß so ein Streich ihn in etwas bessern dürfte - und da sollte es denn doch erlaubt sein, ein wenig schmunzeln zu dürfen!«
20] Sage Ich: »Sünde, Meine allerliebste Jarah, ist das gerade nicht; aber wenn man es unterlassen kann, so hat man dennoch das Bessere getan. Sieh, so man einen solchen Geizhals mit einem gewissen Ernst betrachtet, da ermahnt er sich und läßt ab von seinem geizigen Vorhaben; belächelt man ihn aber, so wird er erbost und setzt dann erst eine Kraft hinein, um sein Vorhaben doppelt geizig auszuführen!
21] Judas Ischariot ist ein Geizhals und womöglich auch ein Dieb; denn wer seinen Nächsten stets zu betrügen sucht und ihn auch betrügt, der ist ein Dieb.
22] Findet er bei seiner selbstsüchtigen Handlung lächelnde Gesichter, so meint er, sie hätten ein Wohlgefallen an seiner witzähnelnden Gaunerei, und setzt dann seine Lumpereien noch intensiver durch; wird er aber, wie zuvor bemerkt, bei seinen Gaunereien und schon bei den ersten Anlässen zu denselben mit einem gewissen Ernst von allen Seiten angeschaut, da läßt er ab von seiner schlimmen Vornahme und verspart es auf irgendein anderes mal. Denn von einer gänzlichen Besserung ist bei einem Geize nicht leichtlich eine Hoffnung zu hegen! Aber es ist dennoch gut, ihn sooft als möglich an der Ausführung irgendeines selbstsüchtigen Unternehmens zu hindern; er verliert dadurch mehr und mehr den argen Mut wegen des stets erfolgten Mißlingens und unterläßt das Schlechte, wennschon nicht aus Abscheu vor demselben, so doch aus Ärger.
23] Sieh, du Mein allerliebstes Töchterchen, aus diesem dir nun gezeigten Grunde ist es also besser, nicht zu lachen über jemand darum, daß ihm irgendeine vorgefaßte Gaunerei mißlang!«


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