Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 166

Wiedersehensfreude nach Ankunft der Gäste.

01] Als die Angekommenen ans Land treten und Mich alsbald erschauen, so breiten sie alle gleich ihre Arme weit aus und weinen vor Freude, Mich nun wiederzusehen.
02] Kornelius grüßt auch sogleich seinen Bruder Cyrenius und sagt: »Ja, so ihr da seid, da wird es für mich kein anderes Geschäft geben, als mich über Hals und Kopf zu freuen, wieder einmal seligst unter euch zu sein!«
03] Faustus, Kisjonah und Philopold aber können vor lauter Freudentränen noch kein Wort über die Lippen bringen; die Diener aber staunen auch, daß sie Mich hier wieder antreffen.
04] Cyrenius fragt den Kornelius, wann er von dem Schicksale der Stadt Cäsarea Philippi erfahren habe.
05] Sagt Kornelius: »Erfahren durch irgendeinen Boten habe ich's eigentlich gar nicht, sondern nur selbst stark vermutet! Gestern gab es einmal einen in jeder Hinsicht spektakulösen Tag: einmal eine volle Sonnenfinsternis, die uns am hellen Tage gar bei dreißig Augenblicke lang eine vollkommene Nacht gab; am Abend aber, da es eigentlich hätte Nacht werden sollen, da gefiel es der Sonne, noch ein paar Stunden länger über dem Horizonte zu verweilen, was natürlich bei den Juden, Griechen und Römern ein unbeschreibliches Aufsehen machte.
06] Wäre der gegenwärtige Oberste der Pharisäer, der nun ein großer Freund unseres alten Jairus ist, nicht ein recht weiser und nüchterner Mann, und sein Nachbar in Nazareth ebenfalls, so hätten beide Städte auch ein Raub der Flammen werden können; aber so hielten die Obersten selbst recht gescheite Reden an das äußerlich ängstlich-erregte Volk, und es nahm die Belehrung an und beruhigte sich zum größten Teile. Die zu Exaltierten (Aufgeregten) aber ließ ich in Gewahrsam bringen, belehrte sie und gab ihnen heute morgen schon wieder die Freiheit.
07] Aber während ich in Kapernaum und Faustus in Nazareth die gute Ordnung und Ruhe wiederhergestellt haben, kam Faustus bald außer Atem mir nach Kapernaum; denn er entdeckte von Nazareth in dieser Richtung eine starke Feuerröte und dachte, es könnte in Kapernaum etwas losgekommen sein. Als er aber in Kapernaum ankam, fand er alles in der Ruhe, begab sich aber dennoch zu mir und gab mir Nachricht von der starken Feuerröte. Ich ging mit ihm und mit vieler Dienerschaft auf den bedeutendsten Hügel in der Nähe von Kapernaum. Wir sahen von da wohl die Röte zunehmend besser und stärker; aber zu bestimmen, welchen Ort das Unglück betroffen hatte, war es wohl keinem aus uns möglich. Erst heute früh, als die Sonne uns die Gegenden unzweifelhafter erkennen ließ und ich, obschon in weiter Ferne, aus dem starken Rauche erkannte, daß dieser sich in der Gegend von Cäsarea Philippi entwickeln möchte, beschloß ich mit Faustus per mare (auf dem Seewege) hierherzusteuern und nachzuforschen, was hier ein Raub der Flammen geworden sei.
08] Als ich ans Meer kam und ein Schiff nehmen wollte, da kam gerade unser Kisjonah mit Philopold an und brachte mir die Botschaft, daß er von einer bedeutenden Höhe seiner Berge unfehlbar Cäsarea Philippi in Flammen stehen gesehen habe.
09] Auf diese Kunde, die auch der zeitweilige Seher Philopold bestätigte, bestiegen wir eiligst das Schiff des Freundes Kisjonah und sind, so gut es trotz einigen widrigen Windes ging, gerade hierhergesteuert. Unterwegs überzeugte ich mich zu öfteren Malen von der hohen See, daß es Cäsarea Philippi sei, und war in großer Angst wegen dem, was hier zu tun sein solle.
10] Aber nun hier, dieses unerwartete, heilige Zusammentreffen mit dem Herrn aller Herrlichkeiten, mit Seinen Jüngern und mit dir, mein liebster Bruder! Ah, jetzt ist's mit aller Angst vorbei! Denn da ist schon lange alles in der besten Ordnung!
11] Aber nun zu Dir, Du mein alles, Du mein größter Freund, Du mein heiligster Meister von Ewigkeit! O Du mein bester Freund Jesus! Sieh, jetzt nützt Dir alle Deine Allmacht nichts gegen meine zu große Liebe zu Dir! Du mußt Dich nun von mir kreuz und quer umarmen lassen! Im Geiste habe ich es wohl alle Tage schon zu öfteren Malen getan; aber jetzt tue ich's einmal auch in der leiblichen Wirklichkeit!«
12] Mir diesen Worten umfaßte mich Kornelius, drückte Mich nahe krampfhaft an sein Herz und bedeckte Mein Haupt mit den wärmsten Küssen und Tränen der höchsten Freude. Nachdem er auf diese Art dem Drange seines edlen Herzens Luft verschafft hatte, ließ er Mich sanft wieder frei und sagte, durch und durch gerührt: »Herr, Meister, Gott und Schöpfer der Unendlichkeit, geistig und materiell! Schaffe (befiehl) es mir doch, was Gutes ich nun tun soll! Du kennst ja mein Herz!«
13] Sage Ich: »Du kennst ja Mein Herz auch! Tue, was dein Herz dir irgend sagt in Meinem Namen, und du hast für dich und für Mich genug getan! Dieweil du Mir hier aber aus dem Drange deines Herzens Gewalt angetan hast, wie es Mir noch niemand angetan hat, so werde auch Ich dir noch auf dieser Erde in jüngster Zeit nach Meiner Erhöhung eine andere Gewalt antun, der zufolge weder du noch ein Glied deines Hauses den Tod des Leibes je weder sehen, noch fühlen und schmecken sollst!
14] Es hat Mich solche deine Liebesbzeigung bis in Mein Innerstes erfreut, und du hast Mir damit etwas erwiesen, von dem die Ewigkeit bis auf diesen Augenblick kein zweites Beispiel aufzuweisen hat - außer von kleinen Kindern, die den Vater eher erkennen denn die Erwachsenen. Nun aber laß du dich denn auch von Mir umarmen!«
15] Sagt Kornelius, vor Freude weinend: »Herr, Meister und Gott, solcher zu endlos heiligsten Gnade bin ich ewig nicht würdig!«
16] Sage Ich: »Nun, so mache Ich dich denn würdig, und du komme zu Mir!«
17] Kornelius kam zu Mir, und Ich umarmte ihn. Darüber fing er an laut zu weinen und zu schluchzen, und viele meinten, es müsse ihm etwas fehlen, dieweil er also weine. Aber er ermannte sich und sagte: »Seid ruhig! Mir fehlt nicht nur nichts, sondern ich habe nun nur zu viel, und die Freude entlockt mir diese Tränen.«
18] Nun tritt Kisjonah zu Mir und fragt Mich ganz traurig: »Herr, gedenkst Du meiner wohl auch und bist mir nicht gram?«
19] Sage Ich: »Wie kannst du, Mein Bruder, Mir mit einer solchen Frage kommen?! Du liebst Mich über alles und Ich dich im selben Maße, - was willst du da mehr noch? Weißt du denn nicht, wie Ich zu dir im Vertrauen gesagt habe, daß wir Freunde und Brüder bleiben in Ewigkeit?! Und siehe, was Ich sage, das gilt von Mir aus für ewig; so auch du bleibst, wie du bist, da wird es auch von dir aus für ewig gelten, und bei dem bleibe es! - Bist du damit nicht zufrieden?«
20] Sagt Kisjonah: »O Herr, damit bin ich ja unbeschreiblich zufrieden, und bin überselig, wieder einmal aus Deinem heiligsten Munde ein heiligstes Wort zu vernehmen!«
21] Sage Ich zum Kisjonah: »Deren wirst du noch viele hören! Aber siehe dir die fünfzig Pharisäer an, und du wirst welche erkennen, die bei der großen Geschichte, die sich bei dir zutrug, zugegen waren!«
22] Kisjonah, Kornelius und Faustus betrachten die fünfzig genau, und Kisjonah, der ein besonders gutes Sachgedächtnis hatte, fand sogleich acht Männer heraus, die auch bei dem großen Transport übers Gebirge waren, und sagte darauf: »Nun, was machen diese hier?! Sind sie als Gefangene hier, da sie vielleicht bei einem neuen Transport oder bei einer anderen Spitzbüberei ertappt worden sind?«
23] Sage Ich: »Nichts von alledem! Die gestrige Spätsonne und der darauf erfolgte Brand der Stadt, woran sie freilich selbst die größte Schuld trugen, hat sie uns in die Hände gebracht; und sie sind nun aber auch vollkommen unser und sind vollkommene Bürger Roms.
24] Denn seht, Ich verweile hier schon bei sieben Tage, und das bloß wegen des guten Fischplatzes; hier bekommt man die edelsten Fische aus dem Naturmeere und ebenso auch die edelsten geistigen Fische aus dem geistigen Meere! Und wir haben in dieser Zeit hier schon wirklich eine höchst sehens- und denkenswürdige Ernte gehalten!
25] Siehe hier einmal die fünfzig; das ist ein Fang von heute, und keine Faulen darunter! Dort weiter ersiehst du abermals eine Gruppe von dreißig, alle kerngesund - Fang von gestern! Wieder siehst du dort an einem Tische zwölf, auch ganz gesund; ebenfalls ein Fang von gestern! Dort bei den Zelten erseht ihr abermals fünf von der auserlesensten Art; auch von gestern! - Sagt Mir, ob das nicht ehrlich gearbeitet heißt!«
26] Sagt Kisjonah: »Ja wahrlich, wenn diese alle gewonnen sind, dann ist dadurch dem von Dir verkündigten Reich Gottes auf Erden ein großer Vorschub geschehen, und das um so mehr, weil das nahe lauter Templer zu sein scheinen, von denen die alten schon gar schwer umzugestalten sind! Natürlich, sind sie aber einmal umgestaltet, so dürften sie dann wohl auch felsenfest dastehen!
27] Aber ich bemerke ja auch den Biedermann Ebahl aus Genezareth mit einer seiner Tochter hier; gehört der nicht auch zu denen, die da gefangen wurden?«
28] Sage Ich: »Allerdings; aber der ist schon beim großen Fischfange in Genezareth mit seinem ganzen Hause in unser Netz gekommen, und das Mägdlein war eines der alleredelsten Fischlein darunter! Das wirst du noch näher kennenlernen und wirst deine große Freude an ihr haben; was da die reinste Gemütsweisheit betrifft und dabei die Reinheit des Herzens, so dürften ihr hier sehr wenige gleichzustellen sein! Dieses Zeugnis gebe Ich dem Mägdlein, willst du noch ein besseres und glaubwürdigeres?«
29] Sagt Kisjonah: »O Herr! Dein Zeugnis geht über alles! Aber ich freue mich, mit dem Mägdlein in irgendeine Rede zu kommen.«
30] Sagt Faustus, Mich fragend: »Aber dort stehen ja Königsgezelte!? Der alte Mann hat vollkommene Königskleider an, - auch der junge Mann, der mit dem jungen Weibe nun etwas spricht! Gehören auch diese zu den Gefangenen für den Himmel aller Liebe und alles Lichtes?«
31] Sage Ich: »Allerdings; das ist ein König vom Pontus! Sein Reich ist groß, und er hat sein Volk ganz weise geleitet durch zwar milde, aber dennoch äußerst streng zu beachtende Gesetze. Er ward aber inne, daß man, um ein großes Volk ganz glücklich zu machen, die Wahrheit und den allein wahren Gott zuvor selbst erkennen müsse. Er machte sich auf und zog südwärts, da er vernommen hatte, daß solches allein in Jerusalem zu erforschen wäre. Auf solcher Reise kam er zu diesem Binnenmeere und wollte darüber, um nach Jerusalem zu kommen.
32] Er stand aber wegen der gestrigen Sonnenfinsternis in großer Gefahr, von der Ich ihn durch Meinen Engel retten und hierherbringen ließ; und also ist er nun hier. Er und seine Tochter Helena waren es allein, die mit ihrer kleinen, nötigen Dienerschaft hierherkamen.
33] Der junge König aber war ehedem auch ein angehender Templer und mußte als ein sehr talentierter Mensch als Missionar hinaus in die Welt. An der Grenze zwischen Judäa und Samaria aber fiel er mit noch vier Gefährten in die Hände der Räuber und ward genötigt, samt seinen Gefährten ihres Gelichters zu werden. In Gram und Verzweiflung darob versunken, verbargen sich die Seelen der fünf unter die Fittiche ihres Geistes, und ihre Leiber wurden von den äußerst hartnäckigst argen Geistern höllischer Abkunft in den vollsten und tätigsten Besitz genommen. Nur einer bedeutenden Streitmacht der Römer gelang es, der fünf Teufel, wie sie das Volk nannte, habhaft zu werden. Nur unter der stärksten Bedeckung und durch und durch mit den schwersten Ketten klein abgeknebelt, konnten sie vorgestern abend hierhergebracht werden. Nach den strengen Gesetzen Roms erwartete sie in Sidon nichts anderes als die peinlichste Hinrichtung.
34] Ich aber sah ihre Seelen und ihren Geist, reinigte ihr Fleisch von den argen Höllengeistern, und ihr könnet nun mit ihnen reden, um euch zu überzeugen, mit wessen Geistes Kindern ihr zu tun habt! Namentlich aber ist Mathael - nun Gemahl der Tochter des Königs und nun selbst ein Mitkönig - ein Mensch, vor dem jeder Erdenbürger den Hut zu ziehen hat.
35] Er ist, soweit es bisher nur möglich war, ein
vollends im Geiste Wiedergeborener und wird Mir ein tüchtiges Rüstzeug sein wider die Heiden des großen Nordens. So ihr mit ihm reden werdet, da werdet ihr es selbst erfahren, welch ein Geist er ist.«
36] Fragt Kornelius: »Aber Herr, wer ist denn jener Junge, - nicht der Josoe, den wir schon von Nazareth aus kennen, sondern der andere, der soeben mit dem Mädchen sich unterhält?«
37] Sage Ich: »Das ist eben der Engel, von dem Ich euch gesagt habe, daß er den alten König samt seiner Tochter gestern gerettet hat. Er befindet sich nun schon nahe bei drei Wochen unter den sterblichen Menschen, und Ich habe ihn besonders dem Mägdlein zum Erzieher gegeben; er steht aber nun jedem der Meinen zum Dienste bereit.«
38] Fragt Philopold: »Wer ist denn der Wirt hier, und welchen Namen führt er?«
39] Sage Ich: »Das ist ein römischer Veteran, eine äußerst treue und alle Wahrheit liebende Seele; er hat im ganzen sechs Kinder, zwei Söhne und vier recht liebe, artige Töchter, und ebenso ein musterhaft braves Weib, das keinen andern als nur ihres biedersten Mannes Willen kennt.


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