Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 167

Die Weissagungen über die Menschwerdung Jesu.

01] Als Ich solches ausgeredet hatte, war unser Markus auch schon da und sagte, daß das Mittagsmahl fertig sei, und ob er es nun solle auftragen lassen; denn es wäre bereits schon um des Tages neunte Stunde (3 Uhr nachmittags).
02] Und Ich sagte: »Laß es auftragen; denn die Erwarteten sind bereits anwesend, und alles befindet sich in der besten Ordnung!«
03] Ruft Kornelius den alten Markus und sagt: »Nun, alter Waffenbruder, kennst du mich nicht mehr so ganz? Weißt du nicht mehr, wie du in Illyrien, und Pannonien (Die röm. Provinz südlich der Donau, heute Westungarn, Teile von Österreich und Jugoslawien.) mit mir warst? Ich war damals freilich noch mehr ein Knabe denn ein Krieger; aber seit der Zeit sind bereits 45 Jahre verflossen, und ich bin nahe an die sechzig gekommen!«
04] Sagt Markus: »O hoher Gebieter, das ist mir noch sehr frisch im Gedächtnisse! Es hatte dort viel Ernstes bedurft, um jene zank- und hadersüchtigen Menschen in einer erträglichen Ordnung zu erhalten. Am Ober-Ister (Donau) in der Gegend des Fleckens Vindobona (Wien) ist es uns eben nicht am besten ergangen im Anfange; aber in ein paar Jahren hatte sich die Sache gemacht, und wir erlebten dort recht gemütliche Stunden.
05] Die Sitten und Gebräuche jener Germanen waren freilich für uns Römer etwas schroff; aber als wir bei ihnen nach und nach mehr freigeistige Bildung erzielten, so ging es dann ganz erträglich. Der von ihnen erzeugte Wein war wohl schwach und sauer; aber er ließ sich trinken, wenn man ihn einmal gewöhnt war.
06] Aber eben unweit von dem Flecken Vindobona, den Ister aufwärts, wo wir eine Eberjagd hielten, auch, glaube ich, bei vierzig Stück erlegten, da fanden wir einen langbärtigen germanischen Seher und Priester, der während unserer Eberjagd auf einer Eiche saß und zusah, wie wir mit den Ebern kämpften. Dieser Mann sprach etwas römisch und sagte eben zu uns beiden, als wir unter seiner Eiche einem Eber den Garaus gaben:
07] 'Merket es wohl, ihr beiden mutigen Jungen! In Asien, im Lande über den Gewässern, harret eurer Großes! Dort werdet ihr sehen ein Etwas, das noch kein Sterblicher gesehen hat! Hier blüht nur der Tod; wie der mächtige Eber unter der Schärfe eurer Lanzen und Schwerter verendete, so verendet hier im Lande des Todes alles! Aber in Asia blüht das Leben; wer dort sein wird, der wird einen Tod ewig nicht sehen!'
08] Dann verstummte er: und als wir weiter in ihn drangen, gab er uns keine Antwort mehr, und wir gingen weiter, noch mehr Eber aufsuchend. - Aber siehe, der Alte hatte denn im vollsten Ernste doch geweissagt, und wir erleben nun das, was uns der alte Germane geweissagt hat!«
09] Sagt Kornelius: »Schau, diesen alten Germanen hätte ich beinahe vergessen! Richtig, richtig, du hast recht! Darüber müssen wir noch Näheres miteinander verkehren!«
10] Der alte Markus ging, mit Hilfe der Dienerschaft des Cyrenius und Julius die Speisen auf die Tische zu stellen, und Kornelius sagte zu Mir: »Herr, was sagst denn Du zu der Weissagung des Germanen, die in der Tat mir und dem alten Markus, der mich im Alter bei zehn Jahren überragen dürfte, schon vor vielen Jahren in Europa gemacht wurde?«
11] Sage Ich: »Die Völker alle, die irgend auf der weiten Erde zerstreut wohnen, haben eine schon dem ersten Menschen der Erde gemachte und gegebene Weissagung von Mir und von Meiner jetzigen Herabkunft zu den Menschen dieser Erde, und ihre Priester wußten sich stets durch Sagen und durch den inneren Drang in ihrem Herzen einen gewissen Weg zu bahnen bis zu einer geistigen Anschauung und weissagten in freilich oft sehr verworrenen Bildern, die sie am Ende selbst nicht verstanden.
12] Nur in abermaligen Ekstasen (Verzückungen) der Begeisterung kamen einige dann und wann zu einer helleren Anschauung und erklärten dann etwas näher ihre schon früher einmal gehabten Gesichte.
13] So war es auch bei den Germanen. Und jener Germane befand sich eben in einer hellsehenden Ekstase auf seiner Eiche, deren Ausdünstung nebst der Angst vor euren Lanzen und Speeren ihn in eine solche versetzen half, - und er weissagte euch. Als er nach der euch gemachten Weissagung wieder wach wurde, wußte er von allem nichts, was er zu euch geredet hatte, und konnte euch auf euer weiteres In-ihn-Dringen keine Antwort mehr gehen.
14] Siehe, darin besteht das Wesen solcher Weissagungen! So ihr es annehmen wollt, da war die Hexe von Endor in jener Zeit auch in einer hellsehenden Ekstase, als Saul sie bezwang, für ihn den Geist Samuels zu beschwören, obschon sie sonst nur mit der Unnatur der argen Geister im Verbande stand und daraus weissagte Lügen und Arglist und Betrug.
15] Kein Mensch ist so tot und böse, daß er zu einer gewissen Zeit nicht irgendeine rechte Weissagung hervorbrächte; aber diese kann nicht zugleich als ein Bürge für alle seine gemachten Weissagungen dastehen, sondern ist nur für sich allein wahr.
16] So hat das Orakel zu Dodona und das zu Delphi gar oft eine sehr wahre Weissagung gemacht; aber einer wahren folgten dann tausend falsche lügenhafte.
17] Also ist es auch nicht in Abrede zu stellen, daß gewisse Hellseher und Propheten sogar Wundertaten gewirkt haben; aber dafür haben andere dann durch Eingebung der bösen Geister und durch ihren dadurch erregten Weltverstand eine Menge Blendwunder erfunden und haben damit ganze Völker auf tausend Jahre lang breitgeschlagen, und sie haben dabei gut und ganz sorglos gelebt, bis ihnen dann irgend von erweckten Sehern das schnöde Handwerk gelegt wurde.
18] Aber es ging das immerwährend nicht so leicht her; denn ein einmal breitgeschlagenes Volk läßt sich schon an und für sich nicht leicht mehr zurechtweisen, und dessen lügenhafte Priester schon am allerwenigsten, weil damit ihre großen, diesweltlichen Vorteile aufs Spiel gesetzt sind.
19] Ihr alle habt Gelegenheit, euch nun zu überzeugen, wie schwer es sogar bei Mir geht, und doch führe Ich eine Sprache, wie sie vor Mir noch nie ein Seher geführt hat, und übe Taten, die noch nie vor Mir erhört worden sind! Der ganze Himmel steht offen, Engel steigen herab und dienen Mir, und geben Zeugnis von Mir, und doch gibt es sogar Jünger, die nun stets um Mich sind und alles sehen, hören und erfahren, aber ihr Glaube gleicht noch gleichfort einer Windfahne und einem schwachen Rohre, das vom Winde, von wannen er auch kommen mag, umgedreht wird nach jeglicher Richtung! Nun, nehmen wir dann erst die andern Weltmenschen!«"


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