Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 165

Von den Gefahren des Hochmutes.

01] Als er aber zum Mathael kam, sagte er (Ouran): »Heute ist mit dem Herrn nicht gut reden! Ich fragte Ihn ganz bescheiden, ob da die beansagten hohen Gäste ankämen, bekam aber wegen des Wortes 'hohen' eine so derbe Lektion, die ich mir sicher desto besser merken werde, weil sie eben so derb und trocken war! Heute ist der Herr aber auch wie umgetauscht! Gestern war Er die Liebe und Gemütlichkeit Selbst; heute aber bekommt ein jeder, der Ihm in die Nähe kommt, seine ganz wohlgemessene Lektion! Ich begreife das durchaus nicht!«
02] Sagt Mathael: Ich aber wohl! Wie könnte es mir aber auch nur im Traume einfallen, den allerhöchsten, allmächtigen Herrn zu fragen, welche 'hohen' Gäste von irgendwoher ankämen?! Was sind wir Menschen, und wer ist Er?! Und Er macht vor uns aus Sich gar nichts, ist voll Liebe und Demut, und wir wollten da vor Ihm irgend von hohen Gästen reden?! Das, mein sonst allerliebster Schwiegervater, war wohl ein wenig zu stark vergriffen, und der Herr konnte dir auf solch eine Frage unmöglich eine andere Antwort geben; denn hättest du mich ebenalso gefragt, so weiß ich kaum, ob meine darauf erfolgte Antwort nicht noch um etwas gröber und derber ausgefallen wäre! Aber der Herr als stets der Sanfteste rügt leidenschaftslos einen Fehler ja nur darum, damit wir erkennen sollen, daß wir gefehlt haben. Gehe hin und bekenne es, und du wirst von Ihm gleich ein anderes Wort haben!«
03] Sagt Ouran: »Du hast aber auch schon wieder recht; oh, wenn ich gefehlt habe, da muß der Fehler ja gleich wieder gutgemacht werden!«
04] Mit diesen Worten verließ Ouran sogleich wieder sein Gezelt, begab sich zu Mir her und sagte: »Herr, ich habe vor Dir vorhin einen großen Fehltritt mit meiner eitlen Frage gemacht! Vergib mir solchen; denn ich tat das ja nicht mit meinem Willen, sondern - geradeheraus gesagt - mit meiner altgewohnten Dummheit, wie Du, o Herr, es sicher ganz genauest wirst eingesehen haben!«
05] Sage Ich: »Mein Freund; wer einen Fehler in sich als solchen erkennt und ihn ablegt, dem ist er auch schon vergeben für immer, und wer sich darauf zu Mir kehrt, dem ist jeder doppelt vergeben!
06] Wer aber seinen Fehler wohl erkennt, ihn aber behält in seiner Natur, dem ist er nicht vergeben, und käme er auch hundert Male zu Mir!
07] Denn Ich sage es dir: Der zu Mir kommt und spricht: 'Herr, Herr!, der ist Mein Freund noch lange nicht, sondern nur der, der Meinen Willen tut (vgl. mt.07,21); dieser aber will, daß ihr euch wegen eines Amtes nicht auch in eurer Person über die andern Menschen erheben sollet!
08] Wohl sollet ihr allzeit euer Amt treu, gut und gerecht handhaben, - aber dabei niemals auch nur einen Augenblick vergessen, daß die, über welche ihr ein gutes Amt ausübet, vollkommen euch ebenbürtig und somit eure Brüder sind!
09] Die wahre Nächstenliebe aber lehrt euch solches von selbst aus der wahren Liebe, die ihr als Kindlein zu Mir habt.
10] Wenn es nötig ist, da lasset das Ansehen und die Ehre eures Amtes walten; aber ihr selbst seid voll Demut und Liebe, so wird euer Gericht über eure verirrten Brüder und Schwestern stets ein nach Meiner Ordnung gerechtes sein!
11] Ich sagte dir, was Ich dir gesagt habe, nur, um dir auch darin Meine Ordnung und Meinen Willen zu zeigen; denn Ich sage es dir: Wer da nicht abläßt vom kleinsten Stäubchen Hochmutes, dem wird in der Folge Mein Reich nicht geoffenbart werden im Geiste, und er wird nicht eher hineinkommen, als bis er das letzte Stäubchen Hochmutes wird aus sich geschafft haben!
12] Gehe nun hin und verkünde solches jedem, bei dem du irgendein Hochmütlein entdeckst!«
13] Nach diesen Worten verneigte sich Ouran wieder tiefst nach seiner Sitte und begab sich schnell zu den Seinigen. Und Mathael fragte ihn, wie Ich das aufgenommen hätte.
14] Sagt darauf Ouran: »Der Herr war mir sehr gnädig und zeigte mir die Wahrheit und die Ordnung und die Gerechtigkeit in der wahren Demut, und ich bin wieder so glücklich wie zuvor.«
15] Sagt Mathael: »Ja, Vater und Bruder in der wahren Demut! Unser Amt ist zwar ein erhabenes Amt gegenüber von Millionen unserer Brüder und Schwestern, - aber auch ein schweres Amt vor dem Angesichte des allmächtigen Gottes! Man muß sich sehr in acht nehmen, daß man nicht selbst von der Erhabenheit des hohen Amtes in der Person mitgerissen wird, wo man dann sehr stolz und hochmütig würde und sich für mehr denn für einen Menschen hielte, der von Gott dazu gesalbt ist, allen seinen Brüdern aufs beste zu dienen und so gewisserart ein Knecht der Knechte zu sein.
16] Und wer unseres Amtes und Standes sich aber erhebt, der wird sicher sehr gedemütigt, wie wir solches an der ganzen Reihe der Könige Judäas gar leicht ersehen können. Wie es aber war, also wird es bleiben bis ans Ende der Welt! Es ist sehr schwer, in Gold und Edelsteinen zu prangen und dabei dennoch demütiger zu sein im Herzen denn ein jeder Untertan! Nur des Herrn Gnade und große Erbarmung kann einen König inmitten seines irdischen Glanzes auf dem Standpunkte der Ordnung der Himmel erhalten!«
17] Sagt Ouran: »Ja, du hast recht! - Aber nun kommen die drei Schiffe schon ganz nahe dem Ufer; gehen wir doch auch hin, auf daß wir die Angekommenen begrüßen können!«
18] Darauf eilen alle nach dem Landungsplatze.


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