Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 159

Floran bei Jesus.

01] Als beide bei Mir anlangten, sagte der Engel, sich vor Mir bis zur Erde verneigend: »Herr, hier ist ein reifer Apfel! Sein Fleisch ist wie das aller Menschen; aber er als Geist ist stark und voll unverdorbener Kraft Dir allein alles Lob und alle Ehre darum von Ewigkeit zu Ewigkeit!«
02] Sage Ich: »Gut, Mein Raphael, derlei Früchte sind Mir angenehm und sehr wert! Er ist zwar einer vom Stuhle Mosis und Aarons; aber er hat sich auch die Schule eines Plato, Sokrates, Pythagoras und Aristoteles zu eigen gemacht und ist darum kein Rohr, das vom Winde hin und her geweht wird, sondern eine feste Zeder auf Libanon, die den Stürmen zu trotzen versteht! Sie steht ruhig und still; aber wenn Stürme an sie stoßen, so beugt sie sich nicht! Diesen Baum aber werde Ich lassen bis zum Aufbau des neuen Jerusalem; er soll da geben Dach und Giebel in Meinem Hause!
03] Sage Mir nun du, Floran: Hast du eine Freude an Mir?«
04] Sagt Floran: »Herr alles Lebens! Wer sollte auch keine Freude an Dir haben?! Aber ich bin ein sündiger Mensch, und Deine Heiligkeit sagt mir: 'Weiche von Mir!' Und siehe, das ist es, das mir keine Freude macht! Ich möchte nun Deiner würdig ohne Sünde vor Dir stehen; aber es ist das unmöglich, denn ich habe gesündigt, bin darum ein Sünder und schäme mich nun sehr vor Deiner Heiligkeit. Das aber zeiht in mir kein fröhliches Herz, sondern eine bittere Reue; diese aber ist nicht geeignet, ein Herz heiter zu machen. Und doch bin ich wieder Mann genug und habe Verstand, der mir eine Entschuldigung meiner Sünden vor Dir zeigt und auch zeigt, daß ich ein Mensch bin, aus sehr vielen Elementen bestehend, der seine Vollendung erst dann erreicht, wenn die vielen Elemente durch die sündige Gärung, wie die eines jungen Weines im Schlauche, sich geläutert haben und zu einem reinen, köstlichen Weine für jedermann geworden sind.
05] Du bist der Herr, und der Mensch ist die Frucht Deines ewigen Kampfes für ewig, also selbst nichts als Kampf mit Sieg und Niederlage, um einst aus beiden, gleich einem Phönix aus der Asche seines ihn vernichtenden Feuers, zu einem neuen Leben zu erstehen, das in sich wohl eins wird, aber nach außen hin dennoch ein ewiger Kampf bleiben wird und muß!
06] Vergib, Herr, mir darum nicht meine Sünde, denn sie war notwendig, um in mir den Kampf zur neuen Menschwerdung hervorzurufen; aber vergib mir die Schande meiner oftmaligen Niederlage, und ich will mich Deiner freuen, o Herr!«
07] Sage Ich zu den Jüngern: »Sehet hier einen Menschen, in dessen Seele auch kein Falsch wohnt! Diesen Menschen liebte Ich schon lange!«
08] Sagt Simon Juda: »Herr, das scheint ein zweiter Mathael zu sein!«
09] Sage Ich: »Meinst du, daß man nur in der Art Mathaels ein Weiser sein kann? Sieh, dieser Floran ist gerade das Gegenteil von Mathael, und dennoch ist er ebenso ein Weiser wie Mathael! Mathael ist ein Kundiger in den Dingen der Natur und in den Zungen der Alten; Floran aber ist ein Kundiger in aller Religion und in aller Weltweisheit und Klugheit der Alten. Und es ist darum schwerer mit ihm denn mit Mathael zu reden; aber da er nun einmal für uns gewonnen ist, so wird er ehest als ein rüstiges Werkzeug gegen allen Irrglauben, der unter den Menschen auf der Erde ist, dastehen und ihn bekämpfen mit viel Geschick und gutem Erfolge ohne Zutat von Wunderwerken. Und das ist besser bei den Kindern der Welt, auf daß sie das sie gefangenhaltende Gericht nicht noch ärger festnähme in der Seele! Für Kinder von oben sind die wunderbaren Werke wohl eine Gnade - aber nicht also für die Kinder der Welt.
10] Da ihr wisset in euren Herzen, wer Ich bin, so könnet ihr in eurer Seele wohl frei bleiben, so ihr Mich sehet Gottes Werke auf dieser Erde verrichten; aber nicht also die Kinder der Welt; denn diese werden dadurch genötigt und gefesselt und haben keinen freien Gedanken mehr und noch weniger irgendeinen freien Sinn.
11] Wenn aber Floran mit seiner Weltklugheit sie bearbeitet, so werden sie dadurch in ein gewisses Wortlicht versetzt, das ihnen zur Genüge die Stufen in den Tempel des Herzens erhellen wird; sind sie aber einmal darinnen, so sind sie dann schon auch völlig gewonnen für die ganze Ewigkeit! Aber ihr alle zusammen seid noch lange nicht so klug, als nun Floran allein es ist!«
12] Solches aber vernahm Floran nicht, da Ich davon nur im Herzen zu den Jüngern geredet hatte; er fragte Mich darum, was er tun solle.
13] Und Ich sagte: »Gehe nur hin zu deinen Brüdern, und sage es ihnen, daß Ich alsbald auch zu ihnen kommen werde!«
14] Floran sagt darauf kein Wort, sondern macht bloß eine Verbeugung und eilt zu seinen Brüdern.


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