Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 160

Floran spricht mit Stahar und den Seinen über Jesus.

01] Als er nach wenig Schritten wieder bei den Seinen sich befindet, fragt ihn alsbald Stahar, sagend: »Nun, wie ist es? Sind wir auf dem rechten Wege?«
02] Sagt Floran: »Vollkommen! Das unterliegt keinem Zweifel mehr! Er ist zwar ein Mensch wie wir; aber es ist in Seinem Wesen ein Etwas, das sich nur fühlen, nie aber mit Worten beschreiben läßt. So Er spricht, da klingt es, als gelte gleich jegliches Wort für die ganze Ewigkeit! Man merkt es Seinem Worte ganz klar an, daß es mit noch einem 'Werde!' eine Welt voll Wunder aus sich oder auch aus nichts augenblicklich hervorrufen könnte!
03] Der kann Seine Vollgöttlichkeit nicht verbergen, und wäre ich statt allen früheren Vorbereitungen zu Ihm gekommen, so hätte ich Ihm auf der Stelle gesagt: 'Du bist kein gewöhnlicher Mensch, in Deiner Brust muß eine Fülle des göttlichen Urgeistes wohnen!'
04] Aber es war denn doch auch die weisest gehaltene Vorbereitung gut dazu, daß wir nun ganz leicht und klar einsehen können, mit wem wir zu tun haben. Er werde bald nachkommen, so versprach Er es mir. Wenn Er aber dasein wird, werdet ihr euch selbst überzeugen, daß ich recht habe!
05] Aber nun wird es mir auch begreiflich, wer zuerst unser Benehmen der Stadt dem Cyrenius verraten hat, das freilich wohl nicht sehr löblich war, - das heißt: unser Benehmen; nun aber ist alles ganz anders geworden! Der Zufall, von dem unser Messias-Jehova sicher eine bedeutende vorsichtliche Kenntnis wird gehabt haben - wenn die gestrige Nachsonne etwa nicht ganz Sein Werk war -, hat uns vom alten Joche der Dummheit mit einem Schlage frei gemacht, dessen wir nun wohl über alle Maßen froh sein können; denn was wird der leere Tempel in der Folge noch alles für die Menschheit belästigende und beleidigende Torheiten aushecken, für deren schnöde Effektuierung wieder wir im Vollmaße unsere Hände leihen müßten! Nun aber sollen sie uns nur kommen! Wir werden ihnen unser römisches Bürgerrecht sicher auf eine Art vor ihr Gesicht halten, daß ihnen darob das Hören und Sehen vergehen soll in der besten Gestalt!
06] Wir haben nun auf unserer Seite, mit ungeheuer groß Nummer eins, den Messias und einen Engel aus den Himmeln, der um vieles mächtiger zu sein scheint als jener, der einst den jungen Tobias geführt hat; und weltlich haben wir für uns, als eben von großer Bedeutung Nummer zwei, den Oberstatthalter von ganz Asien und einem Teile Afrikas, der ein leiblicher Oheim des gegenwärtig regierenden Kaisers in Rom ist. Es sollte da schon mit der ganzen Hölle von Jerusalem hergehen, und wir müßten ihrer dennoch auf die gleiche Weise Herr werden, wie der gereizte Löwe Herr jedes noch so schlauen Fuchses werden kann! - Was sagt ihr nun zu all dem?«
07] Sagt Stahar: »Nichts als das, daß es uns nun schon für die ganze Ewigkeit gut geht! Nun fürchte ich auch niemand mehr! Für Gott kämpfen ist gut und leicht; denn Gottes Kraft ist eine Schutzmauer, die kein Feind zerstören kann in Ewigkeit! Aber nur möchte ich nun noch von irgendwem aus euch in die Erfahrung bringen - wenn auch nur so annähernd hin -, was wir für die Zukunft für eine sicher neue Bestimmung antreten werden! Hat da aus euch niemand einen treffenden Gedanken? - Was meinst du, Horan?«
08] Sagt Floran: »Daran denke ich nicht und halte es unter den hier gefundenen Umständen wohl nicht der Mühe wert, nur mit einem flüchtigsten Gedanken mich dahin zu kehren! Wir sind nun bei Gott, und da sind wir versorgt nicht nur für diese Zeit, sondern für die ganze Ewigkeit! Also, diese Frage hättest du, Bruder, dir wohl ersparen können!
09] Mich kümmert nun nichts mehr in dieser Welt; denn Der, den wir hier fanden, ist mir alles über alles! Was Sein Wille sein wird, das wird meine Zukunft sein für alle Zeiten der Zeiten! Denn nur Er allein weiß es ganz, was wir sind, was wir werden sollen, und was wir zu tun haben für die Folge, um das zu werden, was Er aus uns haben will. Es ist darum nun jede eitle Versorge von unserer Seite eine Torheit; erst wenn Er zu uns sagen wird: 'Tut dies oder jenes!<, dann erst kommt für uns die Zeit, zu sorgen, ob wir das wohl stets genaust nach Seinem Willen werden vollbringen können, was zu tun uns Sein heiliger Wille zur Pflicht machen wird. - Siehe, Bruder Stahar, das ist so meine Kernansicht!
10] Aber seien wir nun ruhig; denn ich bemerke, daß der Herr mit dem Cyrenius sich anschickt, zu uns herüberzukommen! Da heißt es fest beisammensein im Herzen, sonst ertraget ihr Seine Nähe nicht! Richtig, sie kommen! Auch der Engel und ein Mädchen gehen mit; das Mädchen wird auch ein Engel sein!«
11] Sagt Stahar: »Ah, das Mädchen kann kein Engel sein; denn weibliche Engel hat es nie gegeben, wird es nie geben und kann es auch nicht geben. Denn da müßte ja doch in irgendeiner Schrift etwas davon stehen! Also kann dies Mägdlein nur irgendeines reichen Juden Tochter sein. Eine Römerin ist sie nicht, was man aus ihrem Anzuge sehen kann; der Knabe wohl, den Cyrenius an der Hand führt, ist sicher ein Römer oder gar ein jüngster Sohn des alten Herrn. Aber das Mägdlein, so recht fest betrachtet, muß auch schon ganz entsetzlich weise sein; denn ihr fester und sprechend sanfter Blick ist dafür ein untrüglicher Beweis.«
12] Sagt Floran: »Ja, ja, du sollst recht haben; aber mit deiner Behauptung, daß es keine weiblichen Engel gebe, bin ich nicht völlig einverstanden! Es werden unter ihnen wohl keine geschlechtlichen Unterschiede vorkommen; aber Gemütsunterschiede wird es sicher in einer solchen Art und Weise geben, die sich zueinander also verhalten werden, wie auf dieser Erde ein lieber Mann zu seinem allerliebsten Weibe. Und siehe du den Engel an, und sage es dir selbst, ob er nicht viel eher einem allerzartesten Mädchen denn irgendeinem Jünglinge gleichsieht! Lege ihm weibliche Kleidung an, und du hast ein Mädchen non plus ultra (unübertrefflich), wie die Römer sagen, vor dir! - Aber nun genug des Geredes für nichts und nichts! Sie werden gleich dasein!«


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