Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 158

Über Demut und Hochmut.

01] Sagt Floran: »Warum denn Stahar, unser Oberster, und meine andern Brüder nicht? Sind sie denn irgend weniger Menschen denn ich? Ziehe hin allein! Sind meine Brüder nicht wert, dem Herrn der Ewigkeiten vorgestellt zu werden, so bin ich's um so weniger, weil sie meines guten Wissens besser sind denn ich!
02] Merke es dir, du Engel - so du dir auch etwas merken kannst -, daß ich ein Feind jeder Bevorzugung an meiner Person bin! Ja, ich will mich freuen an den Vorzügen meiner Brüder; aber ich will stets nur der Geringste unter ihnen sein! Ich liebe die Menschen wahrhaft; das man aber wahrhaft liebt, dem räumt man gerne jeden Vorzug und Vorteil ein und ist dennoch ganz selig dabei! Frage alle meine Brüder, ob ich je anders gedacht und gehandelt habe! Und ich sollte mich nun im Angesichte meiner Brüder das erste Mal in meinem Leben bevorzugen lassen?! Nein und ewig nein! Tausend Legionen solcher Machtgeister, wie du einer bist, und zehn allmächtigste Jehovas werden, solange mir der Gedanke und der Wille freigelassen wird, meinen Sinn ewig nicht umgestalten!
03] Siehe, du mein allmächtiger Freund, das ist auch eine Ordnung, aus der mich keine Verlockung, selbst von tausend offenen Himmeln, und keine Furcht vor ebenso vielen offenen Höllen heben wird!
04] Gehe nur allein hin zum Herrn! Ich folge dir mit freiem Willen nimmer! Und es nimmt mich überhaupt wunder, daß du als ein allwissender Geist solche meine diamantfeste Gesinnung nicht zuvor erspäht hast, als du mir den Vorzug gabst! Ich halte da fest an meinem Ausspruche! Du kannst zwar meinen Leib hintragen, wozu du Macht und Stärke in Überfülle besitzest; aber meines Herzens Sinn wirst du ewig nimmer überheben, außer - dir ist es möglich, mir solchen Sinn zu nehmen und einen andern hineinzulegen! Aber dann hast du mein gegenwärtiges Ich erst nicht im geringsten umgewandelt, sondern es nur vernichtet und dafür ein anderes in diese morsche Maschine gesteckt!«
05] Sagt der Engel gar freundlichen Angesichtes: »Aber lieber Freund und Bruder, wer sagt dir denn, daß ich dich dadurch irgend bevorzuge, daß ich dich nach dem Willen des Herrn als den schon am meisten Reifen vorerst zu Ihm bringen soll? Hast du denn schon je gesehen, daß auf einem noch so edeln Baume alle Früchte zu gleicher Zeit reif werden, und wem würde es vernünftigerweise je einfallen, einer zuerst reif gewordenen Birne darum einen Verzug einzuräumen, weil sie zuerst reif geworden ist?! Man genießt sie wohl früher als die erst etwas später reif werdenden, - aber daß man sie darum für vorzüglicher hielte denn die später reif werdenden, von dem ist ja ewig keine Rede bei uns in den Himmeln! Da müßte Moses auch vorzüglicher sein als nun der Herr Selbst, weil er nahe über tausend Jahre vor Ihm berufen ward! Oh, das gibt dir keinen Vorzug, - im Gegenteil! Wer ist am Wege der Vorzüglichere: der, der den Weg angelegt hat, oder jener Heerführer und sein Gefolge, der den Weg darauf betrat und sein Heer weiterführte?
06] Siehe, Freund, das hast du mit deiner reinen Vernunft nicht gar zu gut herausgetipfelt! Ich kenne den ziemlich starren Sinn deines Herzens wohl, stellte es darum auf eine äußere Probe nur und fand aber im Hintergrund deines sonst bestsinnigen Herzens auch so ein verkapptes Hochmütlein, das die rechte Demut in sich selbst zu einer Vorzüglichkeit seines Ich's vor dem Ich der andern gestellt hatte, um dennoch in einer gewissen Hinsicht als Einziger und Unübertrefflicher dazustehen, dem in dieser Sphäre niemand gleicht! Und es ist am Ende eine gewisse Sache, wer unter den zweien der Hochmütigere ist: der, welcher unter allen Menschen der Letzte und Niedrigste, oder der, welcher der Erste und Höchste sein will!
07] Kennst du nicht die griechische Geschichte vom König Alexander aus Mazedonien und dem gewissen allerunansehnlichsten Menschen Diogenes? Sieh, dieser lebte jahrelang in einem Fasse, das er am Sandufer zu einem Wohnhaus aufgestellt hatte!
08] Eines Tages besuchte der große Held und König diesen Sonderling, der sicher einzig und allein in seiner Art dastand. Alexander stellte sich vors Faß hin; dieser Stoiker gefiel ihm, und er fragte ihn: 'Was willst du, daß ich dir tue?' Und Diogenes erwiderte flehentlich: 'Daß du mir von der Seite dich entfernest, von welcher die Strahlen der wohltätigen Sonne mich erwärmen!'
09] Dieser stoische Gleichmut gefiel zwar dem großen Helden; aber dennoch sagte er: 'So ich nicht schon Alexander wäre, zöge ich es vor, ein Diogenes zu sein!'
10] Was sagte Alexander aber hiermit? Siehe, das ist der Sinn: 'Die ganze Welt huldigt mir; aber welche Kämpfe hat es mich gekostet! Der genießt ein mich nahe überbietendes Weltansehen und macht sich auch unsterblich, - und es kostete ihn aller dieser unsterbliche Ruhm nur ein altes Faß!'
11] Findest du hier nicht, daß zwischen dem Hochmut Alexanders und Diogenes kein sonderlicher Unterschied war?! Im Gegenteil war Diogenes in seiner Art hochmütiger als Alexander!
12] Es ist ganz recht, der letzte sein wollen aus wahrer Liebe und Demut; aber die rechte Liebe und Demut schließt den Gehorsam besonders gegen den allerhöchsten Herrn Himmels und der Erde nicht aus. Daher, so da eines rechten Sinnes bist, da tue du nun das, was der Herr will, und es wird dann alles recht sein; denn der Herr weiß es am besten, warum Er etwas; will!«
13] Sagt endlich Floran: »Ja, nun folge ich dir, weil du mich freundlichst überzeugt hast, daß ich im offenen Unrechte mit meinem Sinne war.« - Und Floran folgte allein dem Engel, der ihn zu Mir hinbrachte.


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