Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 156

Ein Pharisäer spricht über die Verantwortlichkeit des Menschen.

01] Hierauf bewegen sich alle ganz wohlgemut zum Cyrenius hin und fragen ihn, was in der Hinsicht zu tun wäre.
02] Und Cyrenius sagt: »Es ist schicklicher, so ihr die Sache noch ein wenig abwartet, aber dafür euch im Herzen so recht innig zu Ihm nahet, so wird Er dann schon Selbst zu euch kommen und wird es euch Selbst sagen, wer Er ist, und was ihr zu tun habt! Vorderhand kann ich euch immerhin das sagen, daß ihr auf einer ganz guten Fährte seid! Denn daß der große Gottmensch Sich sicher hier aufhalten müsse, habt ihr ja schon aus unserer Gegenwart abnehmen können! Denn um etwas Geringem willen würden wir uns hier nicht schon nahe drei Tage lang aufhalten!
03] Er ist also hier, dessen könnet ihr nun vollends versichert sein; aber nahet ihr euch Ihm zuvor im Herzen, und fasset auch den ernstlichen Willen, alle eure alten Gewohnheiten und Sünden vom Grunde aus abzulegen, so wird Er bald Selbst zu euch kommen und euch die göttliche Weisung geben, was ihr zu tun haben werdet für die Zukunft!
04] Jener aber ist es schon, von dem ihr selbst meinet, daß Er es sei! Betrachtet Ihn und denket es euch: Das ist Jehova Selbst als Mensch unter den Menschen! Das ist Der, der Himmel und Erde erschaffen hat und alles, was darinnen und darauf ist!
05] Ich sage es euch: Der ist der ewige Urgrund alles Seins und alles Lebens! In der nie erforschbaren Macht Seines Willens steht die ganze Unendlichkeit; alle Macht der Engel ist nur ein leiser Hauch Seines Mundes, und alles Licht strömt aus Ihm!
06] Kurz, denket es euch, daß dies wahrhaftigst eben Derselbe ist, der Moses auf Sinai die Gesetze gab für das Volk Israel; aber dieses Volk hat Seiner vergessen und verfiel wieder in alle Laster! Und Er kam nun, um Sein Volk Selbst wieder aufzurichten und es frei zu machen von allen Übeln der Seele.
07] Er trägt darum auch einen schön rosenroten Leibrock, um zu zeigen, wie ganz Er noch immer Sein Volk liebt. Aber durch den blauen, weiten Mantel zeigt Er an, daß Er auch zu uns Heiden gekommen ist, um auch uns zu Seinen Kindern umzugestalten.! Der Mantel umfaßt die ganze Welt, und dazu gehören auch alle Heiden.
08] Denket nun denn nur über alles das nach, was ich nun zu euch geredet habe, und es wird sich nur zu bald in euch zu manifestieren anfangen, daß ich euch keine Unwahrheit gesagt habe!«
09] Stahar und alle seine Kollegen bedanken sich gar sehr über solchen unerwarteten Aufschluß von seiten des Cyrenius und ziehen sich ehrerbietigst zurück.
10] Als sie so ganz gemach wieder das Ufer des Meeres erreichen, sagt Stahar zu seinen Gefährten: »Es ist doch sonderbar; mir wird es auf die nahezu offene Eröffnung des Cyrenius über den Messias ganz sonderbar unheimlich wohl zumute! Es bemächtigt sich meiner ein gewisses Gefühl von Versorgtheit, als ginge uns allen in der lieben Welt nun nicht im geringsten irgend etwas mehr ab! Zugleich aber befällt mich dennoch so eine höchst eigentümliche Scheu und Furcht vor dem Herrn der Ewigkeit; denn wir können uns nun nach dem, was wir gesehen und gehört haben, nicht mehr verhehlen, daß Er vollwahr das ist, als was Ihn uns Cyrenius bezeichnet hat! Eine Unterredung mit Ihm wird in uns nun eine ganz sonderheitliche Empfindung bewerkstelligen! Es wird uns unsere sonst sehr geläufige Zunge sicher den Dienst versagen!«
11] Sagt so ein recht Beherzter aus der Mitte der fünfzig: »Ja, ja, du hast da wohl sehr richtig und wahr gesprochen; aber dennoch denke ich da also: Wir können ja doch nicht darum, daß wir Menschen sind, weil wir uns sicher nicht selbst in die Welt gesetzt haben! Auch können wir für alle unsere Lebensumstände nicht, durch die wir das geworden sind, was wir waren; unsere Alten, unsere Erziehung und die dadurch wach gewordenen Bedürfnisse aller Art und Gattung haben uns dazu gemacht.
12] Wären wir Kinder armer Landleute, so wären wir sicher auch das, was unsere Alten waren; aber es hat Gott gefallen, uns Kinder von sehr angesehenen und reichen Alten werden zu lassen. Diese ließen uns im Tempel erziehen und uns dann völlig dem Tempel weihen. Dafür können wir doch unmöglich etwas! Daß wir das geworden sind, was wir waren, dabei hat denn doch sicher auch der Wille des Allmächtigen etwas zu tun gehabt!
13] Daß wir uns dann manches erlaubten, was nach den Gesetzen nicht ganz in der Ordnung war, das ist freilich dann unsere Sache gewesen; aber ich denke mir dabei dann doch immer und sage: So deine Alten aus dir einen Fischer erzogen hätten, der sich nur kümmerlich seinen Lebensunterhalt hätte verdienen müssen, so dürfte wohl gar manches unterblieben sein, was man sich in der Wohlversorgtheit erlaubt hat, weil einen das wohlgemästete Fleisch und Blut dazu antrieb! Also sind auch unsere Gebrechen wider das Gesetz zum Teil eine Folge von den Umständen, in die wir durch Geburt und Erziehung gesetzt worden sind.
14] Wenn nun der große Messias zu uns kommen würde, so könnte ich gewisserart ganz ohne Furcht und besondere Scheu mit Ihm reden; denn ich kann nicht weniger sein, als ich bin, und Er sicher auch nicht mehr, als Er ist von Ewigkeit zu Ewigkeit!
15] Sage mir, ganz offen gesprochen: Kann ein Baum etwas dafür, so er vom Sturme ganz gewaltig hin und her bewegt wird?! Oder kann das Meer darum, wenn mutwillige Winde seinen glatten Spiegel aufwühlen und verursachen, daß eine Woge die andere wie ein Raubtier seine Beute verschlingt?! Oder kann das schwache Schilfrohr darum, so es von den Wogen nach allen Seiten hin gebeugt wird?!
16] Wir sind keine Urkraft und hängen von allerlei geheimen auf uns einwirkenden Kräften ab. Was nützt dir der gute und ernste Wille, nie zu fallen, so eine Brücke, über die du zu gehen hast, dir unbewußt irgend morsch geworden ist und im Momente einstürzt, als du eben ganz harmlos über dieselbe wandelst?! Was ist das Leben, welche Stützen hat es wohl, auf die wir mit Sicherheit bauen könnten?! Wer kennt die Fundamente des Denkens und Willens?! Durch den tierisch stummen, nahe oft alles ernsten Denkens baren Beischlaf wird es von Tieren und Menschen auf eine und dieselbe Art gebildet! Weder das Tier, noch der Mensch hat ein Fünklein Bewußtseins von dem, wie durch den sinnlich stummen Beischlaf ein Lebensorganismus gestaltet wird, dessen bloß materiell technischer Teil schon so höchst kunstvoll zusammengestellt ist, daß ein großer Weiser daran tausend Jahre zu studieren hätte, um alle einzelnen Bestandteile und ihre ursächlichen Konjunkturen (Verbindungen) nur höchst oberflächlich zu durchschauen und zu erkennen! Aber dann hätte er erst die Maschine vor sich; wo ist aber dann noch das Prinzip des Lebens selbst, wie wirkt es in der Maschine, und wie bedient es sich der zahllosen Einzelteile in derselben?
17] Wir wissen wohl, daß wir nun sind, und daß wir leben und denken und wollen, auch werden wir der verschiedensten Regungen und Triebe in uns gewärtig; aber wie entstehen sie in uns, wer ruft sie wach, und wohin kommen sie, wenn wir sie gesättigt haben mit dem, wozu sie uns gezwungen haben?
18] Siehe, das sind gar triftige Reflexionen, durch die vor jedem Gott wenigstens vier Fünftel unseres Daseins nach jeder reinsten Vernunft zu entschuldigen sind, und ich fürchte darum auch keinen Geist und keinen Gott! Böses habe ich nie irgend begangen, außer daß ich dann und wann geradehin als Mensch an einer üppigen Maid ein Wohlgefallen fand; und daran war doch abermals wieder meine Natur schuld! Warum mußte mir die Üppigkeit einer schönen, jungfräulichen Maid denn gar so gefallen? Habe ich selbst solche vorwaltende Begierlichkeit in mein Wesen gelegt? Ich weiß nichts darum! Wer gab mir denn das Gefühl der schwer zu befriedigenden Liebe? Wer ist der Schöpfer des Durstes und des Hungers in mir? Weshalb muß ich denn essen und weshalb trinken? Siehe, das alles bewirken höhere Kräfte in uns, denen wir kein positives Gesetz entgegenstellen können! Wir können uns wohl bis auf einen gewissen Grad hin selbst verleugnen, aber darüber hinaus um kein Haarbreit mehr! Wenn aber also, welche noch reinere Vernunft und Weisheit kann da wohl imstande sein, mich meines Standes und meines Handelns wegen vor ein strenges Gericht zu ziehen? Eine menschliche, die nur mir gleich helle denkt, nicht, - um soviel weniger eine allerhöchste und hellste göttliche! Warum sollte ich dann eine höchst läppische Furcht vor einem Gott haben?«
19] Sagt Stahar: »Aber es steht doch geschrieben, daß der Mensch Gott fürchten soll, indem Gott allmächtig und der Mensch höchst ohnmächtig ist, der sich nie Gott mit seiner Macht entgegenstellen kann!«
20] Sagt der Redner: »Ganz richtig! Er soll ja Gott fürchten; das ist aber nur gesagt zum moralischen Menschen, - aber nicht zum Totalmenschen in allen seinen Lebensfunktionen! Aber selbst diese Furcht ist nur eigentlich eine Liebefurcht, die des sittlichen Menschen in einer gewissen Hinsicht freiem Willen ein ähnlicher Lebensleitfaden sein soll, wie da ist die Kindesliebefurcht zu den Alten für die Kinder. Aber laß dir von einem Gott ein Gesetz geben, das dir das Atmen verbietet oder die Verdauung oder den Pulsschlag oder das Altern, das Wachsen der Haare, der Nägel oder das Riechen und das Schmecken und das Empfinden von Lust und Schmerz! Welch nur einigermaßen weiser Gott könnte das tun?! Wo haben wir denn den Maßstab, nach dem man genau ermitteln könnte, wo der Mensch in allen Richtungen des Denkens, Wollens und Handelns in seiner moralischen Absolutheit frei von allen den notwendigen Lebensfunktionen seinen positiv bestimmten Standpunkt hat und nimmt?!
21] Wer kennt die Fäden, mit denen das Naturleben mit dem reingeistigen, an sich völlig freien zusammenhängt, und inwieweit es sich, ganz absolut (unbeschränkt) von den Fäden, als selbständig bewegen kann?! Ja, man sieht es wohl, daß ein jeder Mensch in einer gewissen Hinsicht frei ist - er kann gehen, wohin er will, er kann stehen oder sitzen, er kann mit seinen Augen nach allen Richtungen beliebig hinschauen -; aber all dem geht dennoch eine Notwendigkeit voran, die vom begrenzten Naturleben ausgeht!
22] Es fragt sich darum sehr, wo der eigentlich freie Moralstandpunkt des Menschen zwischen dem notwendigen Naturleben und dem freien geistigen Wesen im Menschen gesetzt ist! Solange der nicht klar ermittelt ist, kann weder von einer Sünde noch von irgendeiner Tugend die Rede sein!«


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