Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 151

Stahars Erlebnis mit indischen Magiern.

01] (Stahar:) »Sieh, holdester, zauberkunstgewandter Junge! Vor ungefähr drei Jahren kamen nach der Stadt etliche Morgenländer, wie sie angaben gar aus Hinterindien, wo es etwa so hohe Berge geben soll, daß deren Spitzen nahe den Mond, wenn er vorüberzieht, berühren. Nun, das mag sein; aber die Fremden, um recht viel Aufsehen zu erregen, übertrieben alles und somit auch die Höhen ihrer Berge!
02] Lassen wir aber das; denn daran liegt nichts, ob ihre Berge etwa auch um etliche Ellen niederer sein dürften! Diese äußerst merkwürdig aussehenden Hinterindier baten mich um die Erlaubnis, ihre wahren Wunder gegen eine mäßige Bezahlung vor dem Volke ausführen zu dürfen.
03] Ich sagte aber durch einen Dolmetsch zu ihnen: Bevor ich mich nicht selbst unter vier Augen, wie man zu sagen pflegt, überzeugt habe, worin ihre Wundertaten bestünden, und ob es geraten sei, solche dem blinden Volke vorzuführen, könnte ich ihnen, trotzdem ich selbst ein großer Freund alles Außerordentlichen bin, nicht die Erlaubnis erteilen, was immer für noch so unschuldige Wunder vor allem Volke zu produzieren!
04] Die Wundermänner waren mit diesem meinem Bescheide um so mehr zufrieden, als ich ihnen für ihre Produktion bloß vor mir und vor ein paar vernünftigen Kollegen ein gutes Honorar zusicherte.
05] Sie gingen in ihre in der Stadt genommene Herberge und kamen nach einer Stunde mit allerlei von mir früher nie gesehenen Zauberrequisiten zurück; da waren Stäbe, Steine, sonderbar aussehende Metalle, große und kleine verschieden geformte Gefäße, von denen mir auch keines von einer schon bekannten Form war.
06] Ich fragte ihren Obersten, wozu er alles das brauchen würde, und er sagte: Eigentlich zu gar nichts; aber es müßte etwas Einheimisches in seiner Nähe sein, ansonst er nicht so gut und sicher ein verlangtes Wunder auszuführen imstande wäre. Er fragte mich darauf, was ich von ihm zu sehen oder zu wissen wünsche.
07] Ich sagte: 'Gut, wenn ich nur zu verlangen brauche, da wirst du mit deinen Zaubereien keine weiten Sprünge tun!' Ich fragte ihn, ob er mir sagen könne, was ich mir nun denke. Ich dachte mir Rom und des Kaisers Namen. Er legte darauf seine beiden Hände über die Brusthöhle und sagte mir meinen Gedanken. Daß mich das in ein nicht viel minderes Staunen versetzte als deine Tat nun, kannst du dir leicht einbilden!
08] Darauf setzte ich ihm einen Krug Wassers vor und sagte: 'Verwandle mir dieses Wasser in Wein!' Da ging er hin, machte mit seinen Händen einige Striche und Züge über den Krug und über das Wasser und sagte darauf: 'Versuche, Herr, wie dieser Wein dir schmeckt!' Ich verkostete das Wasser sogleich, und sieh, es war ganz vollkommen Wein! Hierdurch mußte ich eigentlich noch mehr zum Staunen kommen.
09] Darauf nahm er ein irdenes Gefäß, das vollkommen leer war, goß des Weines Rest hinein, vorgeblich zur Stärkung auf der baldigen, weiten Heimreise. Als ich aber hernach sogleich das Gefäß, das sonst ganz rein aussah, betrachtete, fand ich es nicht einmal naß, geschweige etwas darin; wohl aber roch es stark nach Wein, und der Zauberer bemerkte, daß er den Wein wegen leichter Verschüttung lieber im trocken-geistigen Zustande mitnähme.
10] Ich fragte ihn, oh er denn nun aus diesem Geruche nach Wein wohl sogleich oder je wieder einen flüssigen, trinkbaren Wein zustande bringen könnte. Er fragte darauf mich und meine drei Kollegen, ob wir noch zu trinken wünschten. Wir bejahten solches, und er nahm das sichtlich leere Gefäß, das sichtlich kleiner war als mein Wasserkrug, und goß darauf so viel Weines in meinen Krug, daß der Wein überzufließen begann!
11] Ja, junger, holder Freund, da fingen uns denn doch die Haare an gen Berge zu steigen; denn das ging doch schon zu weit über unsern Weisheitshorizont hinaus! Ich wußte nicht, was ich dazu hätte sagen sollen! Wir tranken darauf recht wacker den sehr guten Wein, und - wieder ein neues Wunder! - der Krug wurde nicht ums Kennen (erkennbar) leerer!
12] Als wir uns, vom Weine schon recht begeistert, darüber hoch und teuer verwunderten, sagte der Magier: 'Aber, meine Herren, Wein ohne Brot geht denn doch nicht ganz gar! Sehen Sie hier etliche Steine; wie wäre es denn, so ich sie in Brot verwandelte?' Sagte ich: 'Tue das!' Darauf bestrich er die Steine mit seinen Händen und sagte darauf: 'Nimm ein Messer und schneide das Brot auf!' Ich tat das, und sieh, es war Brot, gutes, schmackhaftes Brot!
13] Ich sagte darauf: 'Aber Freund, wenn du solches zu leisten imstande bist, so möchte ich nun denn doch wissen, wozu du noch eine Zahlung für deine außerordentliche Kunst benötigst?' Sagt der Magier: 'Bloß der Rarität wegen, und um an Orten, da man nicht Wunder wirken kann und darf, ein Mittel zu haben, sich materiell zu versorgen.<
14] Ich war mit dieser Antwort zufrieden, versorgte den Magier mit zwei Pfunden Silbers, die er dankbar annahm, konnte ihm aber wegen der zu großen Außerordentlichkeit nicht die Erlaubnis geben, seine Kunst auch öffentlich vor dem blinden Volke zur Schau zu stellen; denn dem hätte das Volk gleich eine göttliche Verehrung erwiesen, besonders die Griechen und die etlichen Römer.
15] Er sagte mir, daß er noch eine große Menge von allerlei Wundern zu leisten imstande wäre, die noch um vieles denkwürdiger wären als das bereits Geleistete! Ich aber hatte wahrlich keinen besondern Wunsch mehr, noch weiteres zu verlangen und anzusehen. Mir hatte das bereits Gesehene den Kopf schon zu heiß gemacht, und ich war recht froh, daß diese Hinterindier sich wieder von der Stadt gänzlich entfernten; denn diese hätten das ganze Volk ordentlich rebellisch gemacht.
16] Ich fragte den Magier am Schlusse, ob er mir gegen Geld und gute Worte nur eine seiner Künste erläutern wolle. Er schlug es mir zwar gerade nicht trocken ab, verlangte aber so viel Geldes darum, daß mir darob geradewegs zu schaudern begann, und ich entließ darauf den Künstler noch um vieles leichter.
17] Siehe, du mein allerholdester Junge! Der Magier aus Hinterindien war gewiß auch so wenig ein Engel des Jehova als ich und hatte dennoch erstaunliche Taten vollbracht; warum solltest du mit deinem freilich, wie man sagt, ganz himmlisch schönen Leibe darum ein Engel sein, weil auch du vor meinen groben Menschenverstand Außerordentliches zu leisten imstande bist?!
18] Du mußt mir sonach schon mehr rein geistige Beweise von deiner göttlichen Engelschaft geben, ansonst ich dich für keinen Engel Gottes ansehen kann, und würdest du mir hundertfach größere Wunder vormachen, als das bereits verzehrte (gemeint ist der Fisch) war! Und ich meine, daß gegen diese meine höchst vernünftige Anforderung kein wahrhaft nüchtern Vernünftiger mir eine Einwendung wird zu machen imstande sein!«


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