Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 152

Stahar erzählt die Ermordung des Hohenpriesters Zacharias.

01] Sagt Raphael: »Es handelt sich nun nur darum, ob du wohl die Wahrheit geredet hast oder nicht! Ich kann es dir bestimmt sagen, daß du nun, bloß um mein Geistiges näher zu prüfen, ganz abscheulich und stinkend gelogen hast nach deiner ungebundensten Phantasie, und daß von all dem, was du nun ganz gar erzählt hast, nicht eine Silbe wahr ist!
02] Der fingierte Magier soll dir deinen Gedanken erraten haben; und ich habe es nun erraten, daß du uns alle nun nach der Elle angelogen hast! Und da ist denn nun die Lüge von den Magiern an mir für dich zur Wahrheit geworden!
03] Der fingierte Magier hat nach deiner Lüge Wein aus Wasser gemacht; siehe, auch das kann ich dir in der Tat zeigen! Siehe, da steht auch ein leerer Krug; lassen wir ihn mit Wasser füllen! (Der Krug ward mit Wasser gefüllt.) Sieh, hier steht er voll Wassers! Ich habe den Krug nicht berührt, und doch ist das Wasser zum besten Weine geworden! - Koste ihn, ob er dir schmeckt!«
04] Stahar kostet das Wasser und findet nun im Ernste, daß es zum besten Weine geworden ist.
05] Spricht der Engel weiter: »Der Magier aber machte darauf den Wein in einem andern Gefäße verschwinden; und sieh, ich rühre das Gefäß nicht an, und doch ist nun auch kein Tropfen Weines mehr darin! (Der Krug war trocken leer.) Aber dein fingierter Magier machte darauf bloß aus dem Geruche wieder Wein; und sieh, dieser Krug riecht gar nicht mehr nach Wein, und ich will dennoch, daß er abermals voll des besten Weines werde! - Sieh, der Krug ist voll!
06] Aber du hast ja kein Brot zum Weine und magst den puren Wein nicht leicht trinken! Dein Magier bedurfte etlicher Steine, um sie in Brot zu verwandeln; ich brauche nichts als meinen Willen, - und sieh, schon liegt vor dir eine Menge Brotes! - Verkoste es, ob es nicht besser schmeckt als dein erlogenes!
07] Du beschenktest darauf deinen Magier mit zwei fingierten Pfunden Silbers; und ich schaffe dir hier aus der Luft zweihundert Pfunde wirkliches, gediegenes Silber als gute Zahlung für deine Lüge! - Sage, ob du nun damit zufrieden bist!«
08] Stahar macht hier übergroße Augen und sagt nach einer Weile: »Nein, da kann es unmöglich mit natürlichen Dingen und Kräften zugehen! Da wirkt offenbar mehr als irgendeine noch so unerforschliche Naturkraft! Da steckt ein allmächtiger Gotteswille dahinter, und du, Junge, bist entweder ein wirklicher, verkörperter Engel, oder du bist einer der größten Propheten Gottes wie Samuel oder wie Elias!
09] Ja, jetzt glaube ich, daß du ein Gottesbote aus den Himmeln zu uns armen, sündigen Menschen bist, um uns vom rechten Wege weit Abgewichene wieder auf denselben zu setzen!
10] Es ist wahr, großer, holdester Bote des Herrn, daß meine dir ehedem erzählte Historie (Geschichte) von den hinterindischen Magiern so gut als von mir ersonnen war, - aber dennoch nur nach dem Muster, wie sie mir selbst von jemand einmal erzählt wurde. Ich erzählte sie nur, um dich näher zu prüfen, fand aber, daß du im Ernste Herz und Nieren durchschaust, und daß deinem Willen wirklich das Unmöglichste gar spielend leicht möglich wird.
11] Und also glaube ich aber nun auch eisenfest, daß du trotz deines schönsten Leibes ein vollkommenster Bote Gottes bist, und habe nun eine große Freude in meinem Herzen, daß auch ich einmal erlebt habe, was da beschrieben ist im Buche, daß solches auch dann und wann in den alten Zeiten die frommen Väter erlebt haben!«
12] Sagt der Engel: »Du erlebtest aber nun nicht zum ersten Male etwas, das die alten Väter erlebt haben! Du hast ja vor dreißig Jahren auch schon etwas Ähnliches im Tempel erlebt, worauf dann eben der damalige Oberpriester hauptsächlich durch deine Hand zwischen dem Altare und dem Allerheiligsten fiel! Warum glaubtest du denn damals nicht dem offenbaren Wunder, und warum wurdest du grausam gegen einen Oberpriester sogar?!«
13] Sagt Stahar: »Liebster, allmächtiger Bote des Herrn, erinnere mich nicht an eine Zeit, in der ich sicher nur durch einen Fluch das Licht der Welt erblickte, und an eine Tat, die ich nachher mehrere tausend Male tiefst bereut habe! Aber es war damals für mein Gemüt und für mein Wissen nahe nicht anders möglich!
14] Ich war geheim in der Philosophie der Griechen schon durch und durch bewandert und wußte, warum ich ein Mensch ward. Plato und Sokrates, sowie auch Aristoteles, waren mir um tausend Male lieber als alle meine finsteren und höchst mystischen Propheten, die ich bis zur Stunde noch nicht verstehe und auch nie verstehen werde, weil sie eigentlich nicht zu verstehen sind, besonders aber die Hohenlieder Salomonis, die eher einem Wahnsinnigen als einem Weisen gleichsehen. Ich hatte darum eine ordentliche Wut gegen alles bekommen, was nur irgend im geringsten Streite mit der reinen Euklidischen Vernunft stand, nach dessen Werken ich so ganz eigentlich zu einem Rechenmeister geworden bin.
15] Mein allmächtiger, himmlischer Freund! So mir jemand sagt: 2 und 2 sind 4, und daß der Tag Licht hat und die Nacht Finsternis, dann hat er die volle Wahrheit geredet, und ich werde ihn als Freund an meine Brust drücken. Wenn einer aber kommt und mit starrem Sinne mir ins Gesicht behauptet, daß 2 und 2 = 5, und daß der Tag finster und die Nacht licht sei, so schlage ich einen solchen Ochsen gleich mit einem Schlage tot; denn so ein Geistesmörder ist bei mir ja bei weitem ärger als ein jeder Dieb und Straßenräuber und Mörder!
16] Und sieh, also war es damals im Tempel! Man fing schon an, das Unsinnigste zu behaupten, und setzte sogar Strafen darauf, so jemand gegen einen noch so salomonisch finstern und dummen Weisheitsspruch nur eine geringste Entgegnung zu äußern sich unterfinge!
17] Der besagte Oberpriester war so ein rechter Salomonianer und hielt streng auf die allermystischste Weisheit; er fing sogar an zu besingen ein hellstes Licht, das nun in die Welt käme. Dieses werde nun erleuchten alle Finsternis in der Nacht also mächtig, daß selbst die finstersten Löcher unter der Erde heller leuchten würden denn die Sonne des hellsten Mittags; aber aus dem Tage der Welt würde werden eine finsterste Nacht, und des Tages Finsternis werde so groß werden, daß daran sterben würden Menschen und Tiere. Das Licht der Nacht sei schon in der Welt und erleuchte bereits schon die Finsternis der Nacht, daß da sogar die Blindgeborenen sähen wie die Sehenden am hellsten Tage!
18] Dies nun Gesagte ist nur so ein ganz leiser Anfang, der natürlich vom Alpha bis Omega (Erster und letzter Buchstabe des griechischen Alphabets) kernfest erlogen ist, da ich noch bis zur Stunde durch volle dreißig Jahre außer dem Vollmonde kein Nachtlicht bemerkt habe, - die gestrige verlängerte Abendbeleuchtung auch ausgenommen, die aber ganz gut hätte ausbleiben können, wodurch viel Unglück wäre verhütet worden. Niemand durfte ihn fragen, was darunter zu verstehen sei, und dennoch verlangte er den vollsten Glauben.
19] Das in Jehovas Namen hätte ich noch ertragen - denn zu vielem Unsinn noch ein wenig mehr Unsinn, das macht nichts, weil man dabei noch immer für sich rein und wahr denken kann -; aber da fing er einmal an: 'Die 7 werden nun 1, und die 666 werden nun 111, und 777 und 1/2 und 1/3 und 1/4. Wer da rechnen kann, der soll nun anders rechnen; denn das Alte wird nun gerichtet und verdammt werden!'
20] Dergleichen Unsinn noch mehr setzte mich und mehrere Schüler des Euklid in die allergrößte Besorgnis, Angst und Wut; wir verschworen uns und machten der zu beleidigenden Dummheit durch einige gut gezielte Steinwürfe ein Ende!
21] Aber wir haben damit eben nicht viel gewonnen; denn die Nachfolger des Getöteten waren hernach noch um hundert Male ärger. Da war es denn aber für unsereinen im Tempel auch gar nicht mehr zum Bleiben; ich besann mich, spielte einen Erzgleißner und ward infolgedessen bald hierher als ein Oberster gesetzt mit allen Rechten des Oberpriesters. Hier ließ ich mir nichts abgehen und spielte äußerlich den Strengen; aber innerlich war ich ganz gut und voll guter Dinge. Da hast du nun auch den Grund, warum der Zacharias getötet ward! - Was sagst du nun wohl dazu?«


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