Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 149

Der Oberste Stahar gibt seine Glaubensansichten kund.

01] Cyrenius schob den Dank von sich, sagend: »Freund! Dem Herrn Himmels und der Erde gebührt allein aller Dank und alles Lob; du aber wirst mir nun als höchst Eingeweihter im ganzen Judentume und als ein völliger Schriftgelehrter zu meiner Belehrung die Aufklärung geben, welchen Sinn du mit dem Begriffe >Engel< verbindest! Was sind denn so ganz eigentlich die Engel Gottes, und wie dienen sie Gott und wie den Menschen?«
02] Sagt Stahar: »Hoher Gebieter, das ist eine sehr kitzliche Frage, zumal es denn doch noch immer nicht vollauf erwiesen ist, daß es im Ernste wirklich Engel gibt! Die Schrift erwähnt ihrer wohl bei verschiedenen Gelegenheiten; aber dessen erwähnt sie nirgends auch nur mit einer Silbe, was und wer eigentlich die Engel in sich selbst sind, und wie und in welcher Weise sie Gott und den Menschen dienen!
03] Nach dem Dahahlmud (Talmud: jüdisches Lehr- und Gesetzbuch) sollen darunter nur die vom Gottwesen ausströmenden Kräfte in der Form von Flammenbündeln, die sich in der undenklichsten Gedankenschnelle nach allen Richtungen vom ewigen, unerforschlichen Zentrum Gottes wirkend bewegen, ungefähr wie die von der Sonne ausgehenden Lichtstrahlen, zu verstehen sein. Das kommt mir auch noch am annehmbarsten vor; ob nun aber das eine richtige und der Wahrheit gemäße Definition (Erklärung) ist, das ist eine andere Frage, worüber wahrscheinlich schwer je ein sterblicher Mensch eine wahre Antwort zu geben imstande sein wird.
04] Man habe nach der Schrift die Engel auch zu öfteren Malen als Jünglinge von ungemeiner Schönheit auf der Erde den Menschen dienen sehen! Nun, das ist für starke Denker auch wohl ein starkes Stück Glaubens; ich und alle meine Kollegen haben wenigstens nie etwas Ähnliches zu Gesichte bekommen! Kann sein! Aber es kann das auch ebensogut eine alte, lyrische Redensart sein, durch die man der größeren Versinnlichung wegen die geistig wirkenden Kräfte personifiziert hat, ihnen die volle, jugendlich muntere, kräftige Form eines schönsten Jünglings gebend; denn einer Engelin hat noch nie ein Vers erwähnt, - wahrscheinlich weil die begeisterten Dichter sich in einer noch so vollkommenen und reizenden Jungfrau nie die große Kraft dachten wie in einem vollen, gesunden Jüngling.
05] Sieh, hoher Gebieter, also sind da der reineren Vernunft nach die Meinungen sehr verschieden! Etwas Reelles scheint überall an der Sache zu liegen; aber was daran das eigentlich Wahre ist, läßt sich von uns Menschen wohl nicht ermessen. Da heißt es, das Volk schon beim Sinnenglauben lassen und erhalten, weil man ihm im Grunde denn doch nichts Besseres dafür bieten kann! Das ist aber nun auch schon alles, was ich dir auf deine sehr gewichtige Frage als eine allerbeste Antwort geben kann; denn dir kann ich doch nicht mit dem kommen, was man darüber das Volk lehrt!«
06] Sagt Cyrenius: »An die Möglichkeit einer leibhaftig persönlichen Erscheinung eines Engels glaubst du also nicht völlig?«
07] Sagt Stahar: »Nicht nur nicht völlig, sondern gar nicht; denn ich habe noch nie die Ehre und das Glück gehabt, etwas Ähnliches selbst nur in einem Traume zu sehen, geschweige irgend in der Wirklichkeit. Ebenso konnten mir alle meine Kollegen, mit denen ich je in dieser Sache eine offene Besprechung geführt habe, nichts anderes sagen, als was ich selbst schon lange erfahren habe.
08] Ich will zwar damit nicht gerade die äußerste Möglichkeit in eine volle Abrede stellen, außer für mich allein; aber das ist sicher, daß sich ein solcher Engelsgeist unseren Sinnen noch viel weniger als etwas formell Seiendes darstellen kann ohne ein naturmäßiges Medium, als sich der Lichtstrahl irgend als solcher manifestieren kann, wo er durchaus kein rückwirkendes Medium findet.
09] Der Lichtstrahl der Sonne durchzieht sicher eher die Luft, als er wirksam den Boden der Erde berührt. In der Luft aber, als in einem noch zu geringen Medium, kann er kein Gras werden; aber am Boden der Erde kann er sich gleich einem Proteus schon in alles verwandeln, wozu er in der Materie nur irgendeine Disposition findet.
10] Und so meine ich, da man in der großen Natur aller Dinge überall eine gewisse Mußordnung entdeckt, aber nie etwas entstehen sieht, wo nicht auch ein tauglicher Grund voranginge, und wo zu irgendeinem Effekte nicht ein taugliches Medium schon im Vordergrunde da wäre, da man ferner auch bei der sorgfältigsten Beobachtung der Naturdinge nirgends irgendeinen Sprung entdeckt, so bin ich denn auch gegen alle sogenannten Wunder und gegen das formell persönliche Auftreten eines Geistes unter was immer für einem Begriffsnamen, - sei es nun ein Engel oder ein Teufel, ein Gott oder sein Gegenpol.
11] Ja, ein höherer Geist kann sich manifestieren, aber nie anders als im Fleische und Blute; was darüber ist, ist entweder eine Phantasie eines geistreichen Menschen, oder es ist eine bare Lüge!
12] Leider, daß gerade wir, die wir die Wahrheit schon lange erkannt haben, mystisch aussehende und tuende Verbreiter und Erhalter der Lüge und des dicksten Aberglaubens sein müssen! Wir müssen da fromme Gesichter schneiden, wo wir über eine zu große Dummheit aus Ärger geradewegs zerbersten könnten! Aber da ist Moses, da sind die Propheten, - lauter herrschgierige Menschen, die das Volk zuerst mit allerlei natürlichem Spukwerk breitschlagen mußten, damit dieses sie dann für alle Zeiten zu ihren Beherrschern krönte und ihnen das Recht einräumte, es zu tyrannisieren mit allem, was nur immer >Übel< heißt!
13] Ist ein Volk aber einmal breitgeschlagen und gehörig durch lauter Wunder bis in den tiefsten Lebensgrund verfinstert, dann gib solch einem Volke nur Licht, aber ein wahres Licht, und das wird über dich wie ein Tiger herfallen und dich in Stücke zerreißen!
14] Darum ist es noch immerhin besser, so man ein einmal sehr verdummtes Volk beim uralten, dummen Glauben läßt und denselben durch falsche Wunder neu auffrischt und belebt, als so man solch ein Volk aufzuklären sich bemüht, weil ein einmal sehr verdummtes Volk im allgemeinen gar nicht mehr aufzuklären ist!
15] Es hat für mich eine Zeit gegeben, in der ich jeden Menschen, der mir mit einem Wunder die ohnehin schon höchst verdummte Menschheit offenbar noch dümmer zu machen sich bemühte, wie ein Tiger voll Grimm und Wut für sein schändliches Unternehmen anfiel und ihn womöglich sogar tötete; aber mit der Zeit erst kam ich nach vielen sublimen Versuchen zu der Überzeugung, daß die einmal zu verdummte Menschheit gar nicht aufzuklären ist, und fand dabei aber auch, daß ich sehr unrecht hatte, gegen jene Menschen zu Felde zu ziehen, die durch künstliche Wunder das Volk in reinem alten Aberglauben auf das wirksamste zu bestärken suchten.
16] Ich meine mich dir nun offen gezeigt zu haben. Daß ich mich natürlich gegenüber dem Volke ganz anders zeigen mußte, wirst du hoffentlich auch ohne Ärger einsehen! Daß ich aber für mich stets anders dachte, dafür bürgt dir meine innere, bessere Überzeugung, die ich dir nie hätte zeigen können, wenn sie nicht in mir vorhanden wäre! Nun mache ich mir aus den Wundertätern aber nichts mehr; nur sollen sie gegen geweckte Menschen meinesgleichen nicht, wie gewöhnlich, aus Brotneid zu Felde ziehen, sondern sie sollen uns schön unter die Arme greifen, und wir werden dabei alle gut bestehen.
17] Denn man muß es die unaufhellbare Menschheit nie merken lassen, daß eigentlich hinter uns gar nichts steckt, sondern man muß sie durch künstliche Wundertaten in der Meinung und in dem blinden Glauben erhalten, daß hinter uns unergründliche Geheimnisse stecken, die nur ein vom Gottesgeiste durchdrungener Priester und ein von Gott eigens erweckter Prophet bis auf den Grund verstehen kann.
18] Es genügt, daß da nur wenige einsehen, daß alle Lehren über irgendein Gottwesen nichts als - unter uns gesagt - eitle, alte Fabeln sind, die in der menschlichen Phantasie und sonst nirgends einen Grund haben.«


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