Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 148

Das Bekenntnis des Obersten.

01] Mit dem begibt sich der Oberste zum Cyrenius hin und sagt: »Hier steht nun ein Machtloser vor dir. Dieser bildete sich eine Zeitlang ein, daß er als Mensch dieser Erde auch von allen jenen Rechten, deren sich auch nur Menschen dieser Erde bedienen, für sich einen Gebrauch machen könne; aber er verrechnete sich, als selbst ein Künstler im Rechnen, und kam zu der Überzeugung, daß die Hohen keine andern Hohen neben sich haben wollen! Darum will ich von nun an ein Allerniedrigster sein; vielleicht werde ich dadurch den Hohen angenehmer sein!«
02] Sagt Cyrenius: »Daran wirst du sehr wohl tun! Aber nur das einzige sage du mir nun, aus welchem Grunde du dich vor mir anders zeigtest, als du warst! Habe ich dir doch wie einem Freunde die Hand geboten, und du schlugst sie aus! Was wolltest du damit denn so ganz eigentlich erreichen?«
03] Sagt der Oberste: 'Denke dir eines Menschen hohe Stellung! Neben dieser ruht stets ein geheimer Hochmutsbrief; dieser heißt 'Ehre und Macht des Amtes!' Darauf fängt man gar leicht an zu sündigen; ist man im Sündigen aber einmal so recht darin, da wird man blind und taub und sündigt sich immer höher hinauf. Leider kommt man einmal sicher so hoch, wo es dann heißt: 'Bis hierher nur und nun keinen halben Schritt mehr weiter!' Ich bin nun auf den Punkt gekommen und werde sehr froh sein, mich so bald als möglich ganz tief unten zu befinden! Achtundsiebzig Jahre zähle ich bereits und habe wenig mehr darüber zu erwarten! Von nun an, so du mir den kurzen Lebensrest meiner Lebenszeit noch hinzuschenken willst, will ich mich nur mit dem rein Göttlichen befassen!«
04] Sagt Cyrenius: »Gehe hin, - dort nahe am Hause des Markus wirst du an einem Tische Brot und Wein finden! Stärke dich damit, und wir wollen dann die Sache schlichten, ehe die Beansagten etwa anlangen!«
05] Der Oberste macht nun ein fröhliches Gesicht, dankt und begibt sich schnell zum besetzten Tische hin. Der Alte war schon sehr hungrig und durstig, und es kam ihm die Sache äußerst erwünscht.
06] Während der Alte aber sich stärkt, gehe Ich zum Cyrenius und sage zu ihm: »Also ist es recht; du hast die Sache ganz gut geleitet. Auch das Zeugnis, das du dem Nazaräer gegeben hast, war ganz in der besten Ordnung; aber Mich mit diesen Menschen völlig bekannt machen, wäre noch zu früh. Wenn die Sache in der Ordnung fortgeführt wird, wie es bis jetzt der Fall war, so könnte es sogar möglich sein und werden, diese Menschen ganz für uns zu gewinnen; aber eine Übereilung könnte die ganze Sache verderben.
07] Ich werde dir nun den Raphael zur Disposition (Verfügung) stellen. Er wird tun, was du ihm sagen wirst; aber sei bei einer Wundertat vorsichtig! Für die Herstellung der hie und da noch glühenden Stadt lasse nichts tun, obschon der Engel gar wohl imstande wäre, die ganze Stadt in einem Augenblick wieder herzustellen. Denn Ich will es, daß dieser Ort eine Zeitlang in der gedemütigten Stellung verbleibe und endlich Markus und seine Kinder diejenigen sein sollen, durch die dem Orte wieder aufgeholfen werden soll. Alles andere aber kann er dir tun - aber dennoch stets mit einer gewissen und sicheren Vorsicht!«
08] Sagt Cyrenius: »Herr, was wirst denn Du unterdessen tun?«
09] Sage Ich: »Ich werde in deiner Nähe verbleiben und tun wie ein Fremder, wie bis jetzt. Wenn du aber nun gen Mittag ein Schiff wirst ankommen sehen, so gehe hin ans Ufer und empfange die Angekommenen in Meinem Namen; aber sage es ihnen, daß auch sie Mich dieser Menschen willen nicht vor der Zeit ruchbar machen sollen, damit die Sache mit den Pharisäern nicht verdorben werde. Den Boten und Sänger Herme aber laß zu Meinen Jüngern kommen; diese werden ihm für unsere Sache den nötigen Unterricht erteilen. Ich aber werde Mich mit dem Ouran über die künftige Einrichtung seines Staates besprechen und ebenalso mit dem Mathael und mit dessen Gemahlin. - Nun weißt du, woran du bist, und was du zu tun hast!«
10] Sagt Cyrenius: »Jawohl, Du mein Herr und mein Gott; aber woran werde ich es erkennen, daß diese etlichen fünfzig Erzjuden für Dich reif sein werden?«
11] Sage Ich: »Das wirst du schon zur rechten Zeit nach dem Mittagsmahle, das wir heute um eine Stunde später einnehmen werden, erfahren. Sei darum ganz unbesorgt, und mache alles andere gut und Meiner ewigen, göttlichen Ordnung gemäß!«
12] Cyrenius war mit diesem Auftrage höchst zufrieden und voll Freude, daß Ich mit seiner Behandlung der Pharisäer völlig zufrieden war; Ich aber berief nun zugleich auch den Raphael und stellte ihn zur Verfügung unter den Willen des Cyrenius.
13] Raphael kam schnell herbei und sagte: »Ich stehe hier, Gott, dir und allen Menschen, die eines guten Willens sind, in der Kraft und Macht und im Namen des Herrn zu dienen. Sei aber vorsichtig, was du anordnest; denn ich werde alles ausführen!«
14] Sagt Cyrenius: »Freund aus den Himmeln! Würde ich handeln nach meinem Verstande, so möchte da wohl nichts als eine Torheit um die andere herauskommen. Daß es mir bisher mit den über die Maßen schlauen Pharisäern also gelungen ist, habe ich nur allein dem Herrn zu danken; denn Er gab mir Worte und den rechten Sinn ins Herz. Mein Verdienst dabei ist gleich null. Also hoffe und glaube ich, daß es auch bis ans Ziel gehen werde! Unter solchen Auspizien (Vorzeichen), Freund, können wir miteinander nach dem Willen des Herrn die weitere Durchführung des begonnenen Werkes mit den Pharisäern wohl wagen! Was meinst du da, mein Freund aus den Himmeln?«
15] Sagt Raphael: »Ah, das ist ganz etwas anderes; bei diesem Sinne ist eine Sünde in der zu vollführenden Angelegenheit gar nicht denkbar! Und so wollen wir denn das Werk mit vereinter Gotteskraft in uns wieder beginnen!«
16] Mittlerweile hatte sich der Oberste Stahar gestärkt, kam wieder zum Cyrenius zurück und dankte ihm recht von Herzen für solche ihm erwiesene Wohltat.


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