Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 147

Die gefälschte Urkunde.

01] Am Ufer aber sagt der Oberste zu seinen Kollegen: »Ihr habt die Sache gut gemacht; denn das Auftreten scheinbar wider mich war gerade zur rechten Zeit, zu der ich euch durch mein Schweigen das Zeichen gab! Nun sind sie vernagelt und wissen nimmer, wo aus und wo ein! Wenn nur die drei Beansagten nicht kämen, die allein uns ein wenig Mucken machen könnten! Oder sie brächten gar etwa den berühmten Nazaräer mit! Ja, wenn das, dann sind wir aber großartig verlesen! Da hilft uns nichts mehr!
02] Daher wäre meine Meinung diese, wir sollten nun trachten, uns frühzeitig auf dem Wasser zu empfehlen, und lina recta (geradewegs) uns nach Jerusalem wenden; denn kommen die Beansagten einmal an, dann dürfte es sehr zu spät werden! Cyrenius hat die Wachen eingezogen, wir haben kein Hindernis! Ziehen wir uns daher längs dem Ufer am Meere etliche Morgen aufwärts, da werden wir wohl etwa mit einem Fahrzeuge eines griechischen Fischers zusammenkommen, auf dem wir uns in die Sicherheit können bringen lassen!«
03] Sagt der frühere Bemerker: »Aber die Volkswachen aus der Stadt! Wie werden wir diesen entgehen? Denn die werden hinter den Gebüschen auf uns lauern, und haben sie uns, da sind wir auch verlesen!«
04] Sagt der Oberste: »Das ist freilich eine ganz verzweifelte Geschichte! Wie wäre es denn, so wir ganz gebieterisch keck ein sicheres Geleite vom Cyrenius verlangen würden?! Auf das kaiserliche Dokument hin kann und darf er es uns nicht vorenthalten! Gehe du, Sprecher, hin und tue das!«
05] Der Bemerker tut das; aber Cyrenius hat sich zuvor bei Mir schon Rates geholt, und Ich sagte ihm natürlich alles das, was die Pharisäer am Ufer geredet und beschlossen hatten, und Cyrenius wußte nun, woran er war, und was er vorderhand zu tun und zu verfügen habe.
06] Als der Bemerker seine Forderung so keck und gebieterisch als möglich an den Cyrenius stellte, sagte Cyrenius: »Mein Freund, es erschreckte mich wohl vorher die gewisse Urkunde; denn ich wußte ja noch nicht, daß sie eine falsche ist! Da ich aber nun in dieser Sache ein ganz anderes Licht erhalten habe, so erschrecke ich mich nun nicht mehr und werde dem Verlangen deines Obersten durchaus nicht nachkommen!
07] Übrigens gehe du hin und sage es dem Obersten, daß er mir die bewußte Urkunde alsogleich ausliefern soll, sonst wird sie ihm mit Gewalt abgenommen werden; sollte er aber etwa sich bemühen, das Dokument zu vernichten, so kann er heute noch die Kreuzigung für gewärtig halten! -. Gehe hin und sage ihm das!«
08] Der Bemerker macht nun seine tiefe Verbeugung und entfernt sich mit großem Beben am ganzen Leibe. Wie er sich dem Obersten naht, sagt er vor großer Angst stotternd: »Wir sind - verloren! Das verfluchte, falsche Dokument - hat unseren - Lumpereien - die Krone - aufgesetzt! - Wenn heute - etwa noch nicht, - so morgen sicher - 's Kreuz! - Händige sogleich ohne Zaudern und Zögern das verfluchte Dokument dem Oberstatthalter ein, sonst hängst du heute noch am Kreuze! - Ein Satan muß dich verraten haben! - Cyrenius weiß um alles!«
09] Als die schwarze Gesellschaft samt dem Obersten solches vernimmt, wird ihr und ihm etwas sonderbarlich zumute, und der Oberste nimmt das Dokument, übergibt es dem Sprecher und sagt: »Da nimm es, und trage es hin; wir sind verloren, denn mit dem ist unsere letzte Stütze gebrochen!«
10] Der Sprecher tut das, bringt das Dokument dem Cyrenius und sagt: »Hoher Gebieter, hier ist das Dokument! Wir alle sind große und grobe Verbrecher und appellieren nun allein an dein Menschenherz!«
11] Cyrenius nimmt das Dokument, liest es durch und sagt nach einer Weile: »Schau, wie fein und schlau! Sage du mir nun nichts anderes, als bei welcher Gelegenheit der Oberste zu dieser Charta alba (Unbeschriebene, nur mit Unterschrift versehene Urkunde) gekommen ist!«
12] Sagt der Bemerker: »Hoher Herr, ich weiß vieles; aber das weiß ich im Ernste nicht! Er hat das als Oberster schon von Jerusalem mit hierhergebracht; wer es ihm aber dort wohl verschafft hat, weiß ich nicht!«
13] Sagt Cyrenius: »Weißt du es aber wohl gewiß, daß er dieses Dokument schon von Jerusalem mit hierhergebracht hat?«
14] Sagt der Sprecher: »Er hat es uns gezeigt und gesagt und hat uns darauf in solche seine Macht einverleibt. Das ist alles, was ich weiß; mehr wird auch keiner von uns wissen!«
15] Fragt Cyrenius weiter: »Wie hat er sich denn sonst als Mensch benommen?«
16] Antwortet der Sprecher: »Ich weiß nichts Arges über ihn; er vertrat sein Amt stets strenge und dem jüdischen Geiste angemessen. Daß er übrigens seine Renten oft auf eine eben nicht sehr barmherzige Art eintrieb, ist bekannt; doch wüßte ich kaum, daß er sich je gegen jemand zu hart benommen hätte. Er mag vielleicht von früher her so manches auf seinem Gewissen haben, was er uns freilich nie enthüllte; aber seit seiner Amtierung hier wissen wir nichts, außer daß er gestern im Ernste bei der wunderlichen Gelegenheit etwas zu stark auf Opferungen drang. Freilich gab dazu das Volk selbst den meisten Anlaß!«
17] Fragt Cyrenius weiter: »Hat der Oberste etwa zu öfteren Malen mit diesem Dokumente einen Mißbrauch gemacht?«
18] Antwortet der Sprecher: »Bis auf heute haben wir nie etwas davon bemerkt.«
19] Fragt Cyrenius: »Ist das alles reinste Wahrheit, was du mir nun kundgegeben hast?«
20] Sagt der Sprecher: »Hoher Herr, dafür will ich sterben, so daran ein mir bekanntes unwahres Jota hängt!«
21] Sagt Cyrenius: »Gut denn! Gehe hin und sage es dem Obersten, daß ich nun mit ihm reden will und er darum zu mir kommen soll; denn ich will sehen, was sich in dieser Sache noch zu eurem Wohle tun lassen kann!«
22] Diesmal geht der Sprecher schon mit mehr Mut und weniger Fieber zum Obersten hin und überbringt ihm solches. Der Oberste bedenkt sich eine Weile und sagt dann: »Je nun, was wollen wir hier anders mehr machen - als zum bösen Spiele ein freundlich Gesicht?! Es ist immerhin besser, nur etwas zu verlieren denn alles!«


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