Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 143

Urteil des Pharisäerobersten über den Heiland.

01] Sagt Cyrenius: »Das sei ferne von mir; aber woran mir alles liegt und alles gelegen sein muß, ist, daß ich euch nur vom Grunde aus bessern und zu wahren Menschen machen möchte! Ihr könnt zwar euer Inneres durch äußere, wohlüberdachte kluge Worte sehr verdecken, und hier um so leichter, weil die Umstände sich in einer gewissen Beziehung zu euren Gunsten gestaltet haben und keiner aus uns mit erweisbarer Sicherheit behaupten kann, was ihr, wenn zum Beispiel der Brand nicht erfolgt wäre, mit den einmal eingenommenen Opfern getan haben würdet. Aber ich sage euch nun etwas anderes und frage euch, ob ihr wohl mit dem reinsten und ruhigsten Gewissen das, was ihr mir vorgeredet habt, auch einem allkundigen Propheten Elias oder einem Engel Gottes, der euer Herz und eure Nieren durchprüft, also vorgeredet hättet?
02] Wahrlich wahr, bei meinem kaiserlichen Ehrenworte, das wahr und mächtig ist, ich sage es euch: es gibt etliche Weise hier in meiner Gesellschaft - nicht von meinem, sondern von eurem Glauben -, denen des Menschen geheimste Gedanken so hell und klar sind als eine alleröffentlichst vollbrachte Tat! Wenn euch diese prüften, würdet ihr ihnen wohl mit so leichtem Gewissen zur Rede stehen als mir, da ihr wohl wisset, daß es mir, wennschon nicht am Verstande und Scharfsinne, so aber doch an der Allwissenheit mangelt?! Ich habe diese Menschen scharf geprüft und habe gefunden, daß mit ihnen durchaus nicht zu scherzen ist! Durch diese werde ich auch euch prüfen lassen. Verhält sich die Sache also, wie ihr sie mir nun vorgetragen habt, dann soll euch auch alles und noch viel mehr gewährt werden, als um wieviel ihr eure Bitte gestellt habt; wo aber die erwähnten Weisen etwas anderes von euch aussagen, dann wird des großen Kaisers Bruder und Oheim des nun auf dem Throne sitzenden Herrschers wohl auch recht gar wissen, was er tun wird!«
03] Sagt der Oberste: »Wodurch aber kannst du uns die Versicherung geben, daß diese von dir erwähnten Weisen unsere Freunde und nicht unsere Feinde sind, und ob sie nicht uns gegenüber einen Mißbrauch ihrer Weisheit machen werden? Denn wir sind einmal Pharisäer und sind als solche in Galiläa verhaßt, weil wir uns streng an die Satzungen halten und nur Moses und die Propheten predigen, während sich geheim schon fast ganz Galiläa zur ägyptisch-griechischen Philosophie bekennt. Wenn nun deine Weisen Galiläer sind, so werden sie ihre Weisheit über uns nicht gar reden lassen, und wir verwahren uns daher schon im voraus gegen alle galiläischen, uns feindlichen Weisen!
04] Zudem steht es auch geschrieben, daß aus Galiläa nie ein Prophet aufsteht und aufstehen kann, weil eben die Galiläer als Judenketzer zu weit von der alten, mosaischen Weisheit entfernt sind! Sind es aber Weise aus Judäa, dann wollen wir sie auch anhören!«
05] Sagt Cyrenius: »Die Weisen, deren ich erwähnt habe, sind so gestellt in meinem Glauben und in meinem Herzen, daß jedes Wort aus ihrem Munde für mich so gar als rein aus den Himmeln kommt, obschon ich gerade nicht darauf sehe, ob etwas, das wahr sein soll, geradewegs darum aus den Himmeln kommen sollte; denn jede Wahrheit bleibt auf der Erde so gar Wahrheit als auf den Schwingen des Lichtes aus allen Himmeln! Denn eine Birne und noch eine Birne müssen ja im Himmel ebensogut als auf der Erde zwei Birnen ausmachen, - wenn nicht, da ist der Himmel eine Lüge!
06] Unter andern noch eine Frage an euch! Ihr habt euch soeben vor den galiläischen Weisen verwahrt, und ich habe daraus entnommen, daß ihr vielleicht noch einen andern Grund dazu habt als gerade die griechische Philosophie! Es soll ja um Nazareth ein Mann aufgestanden sein, der große Dinge von der wunderbarsten Art verrichtet, den Menschen eine neue Lehre, angeblich aus den Himmeln, lehrt und ihre Echtheit durch nie erhörte Wunder bestätigt! - Saget es mir, ob ihr von diesem Menschen noch nichts gehört habt, und was ihr von ihm haltet!«
07] Bemerkt heimlich Mathael: »Jetzt hast du sie beim rechten Fleck gepackt! Jetzt werden sie auch gleich ihre Farbe und ihre Worte zu wechseln anfangen!«
08] Antwortet darauf der Oberste: »Sind denn die Betrügereien jenes uns sehr übel berüchtigten Quacksalbers, dem das Zimmermannsbeil zu schwer geworden ist, und der lieber im süßen Müßiggang sein Fortkommen sucht als in solider Arbeit, auch bis zu deinen Ohren vorgedrungen? Sieh, uns als gesetzliche Priester willst du nun um jeden Preis richten, wie wir es aus jedem deiner Worte und Mienen nur zu deutlich entnehmen; aber so ein Galiote (Galiot >Galeot< = Galeerensklave oder = Sträfling. >Ital./österr. ungr. Fallot = Betrüger, Gauner<), so ein Volksverführer mit Hilfe einiger erlernter morgenländischer Zaubereien hat von dir gewisserart einen Freipaß, kann tun, was er will, und sein Wort dürfte vor dir ein viel größeres Gewicht haben denn das unsrige, für dessen Wahrheit doch der Verstand, die bessere Vernunft und ein in der gesetzlichen Ordnung seiendes Menschengefühl laut sprechen! Ich kenne jenen Galioten, den du meinst, und habe dir hiermit aber auch schon alles gesagt!«
09] Sagt Cyrenius, ob dieser Äußerung sichtlich erregt: »Ganz gut; ihr habt mir nun eure Meinung über einen Mann ausgesprochen, wie sie zu eurem Nachteile nie besser hätte ausfallen können! Aber diesmal habt ihr wenigstens dahin die Wahrheit geredet, daß ihr mir euer Innerstes gerade also zeigtet, wie es ist. Ich kenne jenen euren Galioten nur zu gut und weiß, was an ihm ist; aber ich kenne nun auch euch vollkommen und weiß es nun, was alles an euch ist! Daß ich nicht jedermann sogleich per Bausch und Bogen als eine bare Münze annehme, bis ich ihn nicht bis auf ein Atom durchgeprüft habe, davon liefere ich soeben an euch den sicher unleugbarsten Beweis!
10] Hier vor euch steht der nunmalige König vom Pontus. Gestern morgen stand er noch als ein klein gefesselter Verbrecher vor mir und hätte leicht zum Kreuze verdammt werden können; aber ich prüfte alles genau, fand seine gänzliche Unschuld und machte ihn als einen sehr weisen Mann zu dem, was er nun ist!
11] Ich bin strenger als jeder andere Richter, bin aber voll Gerechtigkeit gegen jedermann. Ist jemandem während des nötigen Examens ein Leid geschehen, und ich fand seine Unschuld, so verstehe ich, ihm dann, soviel es nur in meinen Kräften steht, sein ausgestandenes Leid in Freud und Glück umzugestalten, wofür euch dieser neue König zu einem Beweise dienen kann.
12] Ärger denn jeden andern aber habe ich eben jenen Nazaräer geprüft und gefunden, daß er ein so vollendeter Mensch ist, wie dieser Erde Boden weder je vor ihm von jemand betreten ward, noch je jemand wieder nach ihm betreten wird. Er ist aber darum auch vom wahren Gottesgeiste ganz erfüllt und durchdrungen und handelt und redet auch nur aus endloser, nie ermeßbarer Kraft und Allmacht. Also habe ich den Nazaräer kennengelernt und bin nun von der höchsten Achtung und Liebe zu ihm durchglüht, obschon er im eigentlichsten Sinne des Wortes und der Bedeutung ein Erzjude ist.
13] Oh, auch wir Römer verstehen das Judentum zu achten, wenn es ist, wie es nach Moses und nach allen Propheten sein soll: voll Geist, Kraft, Liebe, Wahrheit und Weisheit; aber ein Judentum, wie es von euch nun gepflegt wird, ist für uns Geist und Wahrheit liebende Römer ein Greuel der vollsten Verwüstung auf der heiligen Stätte, wie ihn euer Prophet Daniel vorausverkündet hat! Nun habt ihr mein Zeugnis über den von euch so tief verachteten Nazaräer. - Was könnt ihr mir nun dagegen einwenden?«


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