Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 142

Weitere Untersuchungsfragen des Cyrenius.

01] Sagt Herme: »Herr Herr, dort bei zehn Schritte von diesem Tische steht mit einem Mägdelein ein Mann von wunderbar freundlichem und dabei doch höchst weisem Aussehen; ein Mägdlein gar lieb und herzlich bespricht sich mit ihm, und sagt er etwas, so äußert sie eine unbeschreibliche Wonne darüber! Wer ist doch dieser gar liebe Mann? Ach, welch eine Würde strahlt doch förmlich aus seinem ganzen Wesen! Wie edel ist doch des Menschen Form in solch einer wunderherrlichen Gestalt! Es sind fast auch aller Augen auf ihn gerichtet! Der Tracht nach ist er offenbar ein Galiläer! Kannst du mir über diesen Mann eine Auskunft geben? O Götter, je mehr ich den Mann betrachte, desto mehr werde ich ja förmlich verliebt in ihn! Ich verdanke es meinem Weibe und meinen drei Töchtern nicht, so sie ihre Augen von ihm nahe gar nicht mehr wegwenden können! Da setze ich wohl mein Leben zum Pfande, daß dieser Mann ein guter, edler und weiser Mensch ist! Aber wer, wer, wer und was ist er! Gib Herr Herr, mir darüber einen Bescheid, und wir wollen dann gleich die Hauptspitzbuben zu bearbeiten anfangen! Oh, diese kommen uns in keinem Falle mehr aus; nur dürfen wir ihre Aussagen nicht in irgendeine bedenkliche Erwägung ziehen!«
02] Sagt Cyrenius: »Freund Herme, was jenen Mann betrifft, so sage ich dir vorderhand so viel, daß Er unter uns Menschen so gar als ein Gott dasteht! Er ist zwar vorderhand nur ein Arzt aus Nazareth, - aber was für ein Arzt! Einen ähnlichen hat diese Erde noch nicht getragen! Alles andere wirst du schon noch später erfahren! - Jetzt aber machen wir uns an unser Geschäft, und du sage künftighin zu mir nicht mehr >Herr Herr<, sondern >Freund und Bruder 03] Sagt Herme: »Ganz gut, ich weiß jedes Gebot zu ehren und möchte für dieses aus Dank sterben in der allerhöchsten Achtung und Liebe zu dir! Aber nun sage mir noch zuvor, du hoher Freund, wer denn jener gar so schöne Jüngling in der Nähe des Arztes ist! Ist das etwa sein Sohn und das Mägdlein seine Tochter?«
04] Sagt Cyrenius: »Ja, ja, Freund, da hast du schon recht geurteilt; - aber jetzt an unser Geschäft!«
05] Nach diesen Worten läßt Cyrenius den Pharisäerobersten wieder in die Nähe treten und fragt ihn, ob er den Boten kenne.
06] Sagt der Oberste: »Wer sollte den berühmten Sänger und Zitherspieler nicht kennen?! Wir haben uns schon oft wundersam vergnügt an seinen Gesängen! Es ist nur ewig schade, daß er nicht zur Religion unserer Väter zu bewegen ist; wahrlich, der würde unsern großen David übertreffen! Er ist ein äußerst ehrlicher, biederer und gefühlvollster Mensch; nur ist er uns nicht geneigt, was wir ihm aber gerne nachsehen, da wir ja doch nicht verlangen können, daß er unsere oft stark inhuman (unmenschlich) scheinenden Satzungen in seinem Geiste fassen und begreifen soll!«
07] Sagt Cyrenius: »Dieser Herme aber ist euer stärkster Ankläger und hat mir nun zum zweiten Male das nur zu unumwunden bestätigt, was ehedem ein glaubwürdigster Zeuge über euch ausgesagt hat! Ihr stehet nun dadurch als gar schändliche und gemeinste Verbrecher vor mir, besitzet aber dabei noch die allerschändlichste Keckheit, mich um einen Schadenersatz dafür anzugehen, daß ihr durch eure höchst eigene, böse Habgier zu den verworfensten und abgefeimtesten Mordbrennern geworden seid! - Was sagt ihr dazu?«
08] Sagt der Oberste ganz gelassen: »Herr, was den Herme betrifft, so haben wir darum nicht den geringsten Groll auf ihn; denn das wissen wir schon lange, daß ein Mensch, der in einer Sache nicht die nur irgend ein wenig hinreichende oder eine andere Kenntnis besitzt, nicht anders urteilen kann, als die Sache seinem beengten Verstande vorkommt. Wer würde je einem Menschen grollen können, der vom Dache fällt und durch seinen Fall einen unter dem Dache sitzenden Menschen erschlägt?! Will der gute Sänger Herme nun auch unser Feind sein, so sei er es; wir aber werden ihm dennoch nie zu Feinden werden! Im Grunde ist auch alles vollkommen wahr, was er von uns ausgesagt hat. Aber es soll in Europa bei Sizilien eine gefährliche Meeresstelle geben, die man die Szylla und Charybdis nennt; wer die Szylla glücklich umschifft, den verschlingt dann die Charybdis! Wir aber schwebten heute nacht auch in einer wahren moralischen Szylla und Charybdis und wir fragen dich nun: Was hätten wir denn eigentlich tun sollen, das euch Römern vollends recht gewesen wäre?«
09] Sagt Cyrenius: »So ihr aber wohl wußtet, was an der gestrigen Erscheinung gelegen war, warum erklärtet ihr denn euren Glaubenskindern nicht den wahren Sachverhalt, wodurch offenbar alle Gemüter wären beruhigt worden?! Warum lüget ihr das Volk an und legtet dadurch den Grund zur größten Bestürzung und Verwirrung und zum gegenwärtigen Aufstande wider euch?! Warum erpreßtet ihr die unerhörtesten und allertyrannischsten Opfer vom Volke, da ihr doch wußtet, was an der Erscheinung war, und daß sie keine Spur von der Weissagung Daniels in sich barg?!
10] Gebet mir darüber einen Aufschluß und rechtfertiget solch ein unerhörtes Benehmen von eurer Seite gegen das arme, blinde und durch euch dumm und abergläubisch gemachte Volk!«
11] Sagt der Oberste: »Ich habe dir soeben von eurer Szylla und Charybdis Meldung gemacht; allein du scheinst die Sache nicht begriffen zu haben! Sieh, als gestern die Sonne wie zu Josuas Zeit ungewöhnlich lange den Abend erhellte, so fiel das vielen von unseren angesehensten Glaubensgenossen auf. Sie kamen zu mir in die Synagoge, fragten mich um Bescheid und verkündeten es mir auch, daß darob alle Juden sehr bestürzt seien. Ich redete ihnen, so gar es ging, die Sache auch beim ersten Besuche aus und erklärte ihnen diese Erscheinung als etwas in dieser Zeit der Annäherung zur Tag- und Nachtgleiche ganz Natürliches. Sie gingen, vermochten aber das Volk nicht zu beruhigen; denn das wollte gen Osten hin Sterne vom Himmel fallend gesehen haben und verwies die Beruhiger gleich auf Daniels Weissagung. Zugleich drohte das Volk, wenn ihm so etwas verheimlicht werden würde! Nach einer Zeit aber verschwand die Sonne oder die Lichterscheinung plötzlich, und es ward zum Entsetzen stockfinster! Nun war es aber auch aus mit allen Beruhigungsversuchen! Nun mußte das Ende der Welt da sein; ein Wort von unserer Seite dawider hätte uns einen augenblicklichen Garaus gegeben!
12] Siehe, das war die Szylla! Wir waren also durch solche Umstände genötigt, den Daniel nun vollauf zu predigen und nach der sichtlichen Größe des Umstandes auch die stärksten Bußmittel zu verlangen, um dadurch im Volke wenigstens einige Hoffnung zur Nachsicht Gottes in den Volksgemütern zu erhalten! Wir sahen aber gar wohl ein, daß wir am heutigen, reinen Morgen in die Charybdis geraten werden; aber wenn man zwischen zwei Übeln zu wählen hat, wählt man lieber das erste und kleiner scheinende als das zweite, das uns den Untergang sogleich bringen muß. Wir handelten also nach den sich ergebenden, von uns nicht hervorgerufenen Umständen recht und gerecht, weil es unmöglich war, anders zu handeln. Wie magst du als ein gerechter Römer uns dafür nun richten wollen? Erkläre uns das!«
13] Sagt Cyrenius: »Ja, ja, die Sache läßt sich hören; aber es fragt sich, was ihr mit den eingenommenen Totalopfern gemacht hättet! Denn das Ende der Welt, für dessen Verhütung ihr die Opfer verlangtet und nahmt, ist, wie zu sehen, heute nicht gekommen! Hättet ihr sie dem armen Volke je wieder zurückerstattet?«
14] Sagt der Oberste: »Hoher Gebieter! Das ist wohl eine sonderbare und höchst überflüssige Frage! Das versteht sich ja doch von selbst, was aber jedoch mit aller Klugheit und Vorsicht der Blindheit des Volkes wegen hätte geschehen müssen; aber jetzt stelle du diese Frage an das Feuer, das alle Opfer und alle unsere Vorräte verzehrt hat, was dieses nachderhand tun werde!
15] Wegen unserer durch Umstände und Not geforderten Predigt der Weissagung Daniels hat es als Folge gar nicht nötig gehabt, unsere Häuser und Synagogen zu verbrennen, was von deinen weisen Glaubensgenossen aus altem Groll gegen uns ist bewerkstelligt worden. Wir kamen darum nicht nur für uns, sondern auch für unser Volk zu bitten, indem wir nun ohne unser Verschulden zu Bettlern geworden sind. Wie magst oder wie kannst du uns dafür nun, statt uns zu helfen, richten und gar strafen wollen?! Bedenke die ganze Sachlage, den Grund und das Faktum, und du müßtest mit mehr als mit siebenfacher Nacht geschlagen sein, so du hier uns eine Schuld beimessen wolltest!«


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