Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 144

Die Pharisäer urteilen über ihren Obersten und Jesus.

01] Hier machen alle die Erzpharisäer große Augen, und einer macht ganz leise die Bemerkung, sagend: »Na, das ist unserm scharfsinnigen Obersten wieder einmal gelungen! Ein Hauptkamel das! Jetzt können wir zusehen, wie wir uns aus dieser Pfütze werden erheben können! Hätte das Kamel von einem Obersten den Nazaräer ins Angesicht des mächtigsten Gebieters nicht loben können über einen Glückstag, und die ganze Geschichte hätte nun ein ganz anderes Gesicht?! Das Kamel mußte es ja doch so gar wie unsereins dem Cyrenius schon an der Nasenspitze angesehen haben, daß er für den wundertätigen Nazaräer über Hals und Kopf eingenommen ist, und doch zieht er gegen den Liebling des Oberstatthalters los, als wäre er wirklich Gott weiß wie stark von seiner allfälligen Schändlichkeit überzeugt, und hat ihn aber nie gesehen, gesprochen und geprüft! Ah, dieses Vieh von einem Obersten können wir durchaus nicht mehr brauchen! Er werde abgesetzt! Denn führt er noch eine Zeitlang das Wort, so kommen wir alle noch heute uns Kreuz! Es ist da mit dem Oberstatthalter kein Scherz zu treiben!«
02] Nach dieser Bemerkung sagen geheim die andern zu ihm: »Gehe du und bitte den Oberstatthalter ums Wort; aber der Esel von einem Obersten darf kein Wort mehr reden! Vielleicht hauen wir uns noch durch! Und du sollst unser Oberster werden, wenn du uns hier aus dieser Schlinge frei machst!«
03] Sagt der Bemerker: »Gut, ich will's versuchen, - auch ohne darum ein Oberster werden zu wollen!«
04] Darauf tritt er aus der Schar vor den Cyrenius hin und bittet, daß auch er reden dürfe.
05] Sagt Cyrenius: »Ich warte noch auf ein zweites Urteil über den Nazaräer von seiten des Obersten!«
06] Sagt der Bemerker, auch ein Pharisäer, der seinesgleichen sucht: »Hoher Gebieter, der ist schon fertig; seine Klugheit hat Schiffbruch gelitten, und darum schweigt er wie ein Kamel in der Wüste! Er hat sich verhauen und verwickelt ins Fanggarn und weiß nun nimmer, wie er sich frei machen soll. Der gute Nazaräer hat ihm wahrscheinlich unsichtbar eine Maulschelle versetzt, und er hat darauf die Mundsperre bekommen und macht es nun, wie er es noch immer gemacht hat!
07] Du, hoher Gebieter, mußt dich bei deiner Verstandesschärfe schon lange überzeugt haben, daß dieser unser Oberstmensch ein Hauptvieh ist! Hätte ich oder ein anderer aus uns das Vorwort führen dürfen, so hätte der Prozeß schon lange ein Ende; darum horche du, hoher Gebieter, nun ja nicht mehr auf ihn, sondern laß mich reden!«
08] Sagt Cyrenius: »Gut, so rede du! Wir wollen sehen, was du zum Vorscheine bringen wirst!«
09] Sagt der Bemerker weiter: »Hoher Gebieter! Was da betrifft die Anschuldung, als wären wir die eigentliche Ursache des Feuers, so kann das wohl zur Not gelten, was der Oberste dir gesagt hat, obschon ich dir dagegen offen bekennen muß, daß wir trotz der sehr kitzlichen Umstände dennoch nicht gar so schneeweiß und unschuldig sind, als sich eigentlich unser Oberster weiß zu waschen versucht hat; denn das Abfordern der Totalopfer war sein Gebot. Ob es aber zur Herstellung der Ordnung und Ruhe gerade nötig war, den armen Glaubensgenossen alles bis aufs Hemd wegzureißen, wenn sie es nicht gleich freiwillig hergaben, das ist nun eine ganz andere Frage! So ist es auch wegen der Zurückgabe der einmal dem Volke entrissenen Opfer eine ganz schwer zu beantwortende Frage! Man hätte ihnen etwa wohl gegen bedeutende Zinsen Geld und auch Sachen geliehen; aber mit der Zurückgabe, die der Oberste wie von selbst verständlich erklärte, dürfte es, wohl sehr die geweisten Wege gehabt haben! Uns hat es schon alle bis ins Innerste empört, als wir unser Kamel von einem Obersten gar so hirnlos darauf losschwätzend anhören mußten; wir konnten jedoch nichts dagegen einwenden, weil an einem hohen Sabbate nur der Oberste allein reden kann und darf. Für solch eine dümmste Fürrede aber, durch die wir alle gar leicht uns Kreuz kommen könnten, soll unsern Obersten der Satan auch an einem Sabbate holen!
10] Ich rede nun ganz offen, wie mir und allen andern ums Herz ist. Hat etwa unser kamelweiser Oberster eine besondere Vorliebe zu solch einer Erhöhung, so soll er sie an seiner kreuzschlechten Person nur vollführen lassen! Wir werden uns darum nicht in unsern Tränen um ihn ersäufen; aber wir schaffen von solch einer besonderen römischen Auszeichnung vorderhand nichts!
11] Nun, was aber jenen von dir, hoher Gebieter, uns erst näher bekanntgegebenen Nazaräer betrifft, so können wir ja aus ganz natürlichen Gründen um Jehovas willen doch unmöglich etwas pro noch contra (für noch gegen) sagen; denn wir haben nur von weiter Ferne her so manches wispeln hören. Eines klang sehr löblich, anderes wieder, wahrscheinlich von seinen Feinden herrührend, freilich sehr abenteuerlich, wennschon geradewegs nicht schlecht. So soll er wirklich Tote ganz vollkommen wieder ins Leben zurückgerufen haben! Nun, wir sahen es nicht und hörten davon nur reden; wenn man aber bedenkt, was das sagen will, einen wirklichen Toten ins Leben zurückrufen, so wird es, glaube ich, doch sehr verzeihlich sein, so man aus höchst handgreiflichen, natürlichen Ursachen daran zweifelt! Ich will aber damit die Möglichkeit nicht in Abrede stellen, sondern so nur die große Schwierigkeit darstellen, und daß dazu mehr als selbst die ausgebildetsten und vollendetsten physischen und geistigen Lebenskräfte eines Menschen erforderlich sind.
12] Wohl sagt man vom Propheten Elias, daß er einst einen Haufen Totengebeine befleischt und belebt habe; aber wir waren nicht dabei. Auch ist dieses nur eine Sage von Mund zu Mund und steht in keinem Buche geschrieben, nicht einmal in den apokryphischen Teilen der Schrift! Wie schwer ist demnach für einen denkenden Menschen ein Glaube daran!
13] Die Essäer erwecken wohl auch die Toten ums Geld, und das gewöhnlich um viel Geld; aber hinter dieses Geheimnis ist man bereits gedrungen und weiß, was daran ist.
14] Da nun aber du selbst von dem Nazaräer ein so günstiges Zeugnis abgibst, und das als ein höchst gebildeter und mit aller Erfahrung bereicherter Mann, der vor tausend andern Weisen allen Glauben verdient, so kann ich und auch alle diese meine besseren Kollegen nicht umhin, dem Nazaräer alle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
15] Das ist nun meine Antwort auf deine Frage, hoher Gebieter. Es ist ein reiner Wein, und es verhält sich alles also, wie ich dir's nun treulichst ausgesagt habe. Diese alle bis auf unsern Obersten stehen dir dafür als Zeugen, und du, hoher Gebieter, aber laß uns Gnade für Recht widerfahren!«
16] Sagt Cyrenius: »Offenbar bin ich mit deiner Aussage zufriedener als mit der des Obersten, der ein sehr schlauer Fuchs sein wollte und meinem Fanggarne so lange auswich, als es nur immer möglich war; da ich aber die Umgarnung vermehrte, so verwickelte er sich dennoch und steht nun da als ein abgefeimter, arger Lügner. Jedoch eine wahre Reue und volles, treuwahres Eingeständnis kann alles wieder gutmachen; denn er gehört zu jenen Menschen, die geheime Freunde von allerlei Lüge und Betrug sind, vor den Menschen aber dennoch zufolge ihrer Stellung in einem hohen und allerehrbarsten Ansehen stehen möchten. Sie wollen für sich das Ansehen eines Propheten; aber handeln möchten sie wie ein räuberischer und umherziehender Skythe!
17] Darum kann eine wahre Reue, volle Lebensänderung, Besserung und offenes Geständnis von dem wahren Sachverhalte alles noch gutmachen; denn ich bin nicht hierher gezogen, um das in meiner Macht stehende unerbittlich strengste Gericht über wie immer geartete Sünder zu halten, sondern ihnen nur auf den rechten Lebensweg zu helfen. Aber sie dürfen bei meinem höchst menschenfreundlichen Bemühen mir keine Steine unter die Füße legen! Wie kann man aber als ein weise sein wollender Mann, und gar als ein Priester-Oberster, gar so infam lügen?!
18] Mein Oberster, rede du nun und sage die volle Wahrheit aus: denn deine Gefährten haben noch nicht alles ausgesagt, was der ganzen, vollen Wahrheit gemäß gewesen wäre! Sie wollten sich eigentlich auf Kosten der deinigen ihre eigene Haut sicherstellen, und das lobe ich an ihnen gar nicht! Ich weiß, was ich weiß, aus dem Grunde des Grundes, und magst du lügen, wie du willst und kannst, so nützt dir das nichts; denn mich kannst du unmöglich hinters Licht führen. - Rede sonach nun die Wahrheit!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 3  |   Werke Lorbers