Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 140

Bericht eines Boten von der Empörung in Cäsarea.

01] Cyrenius erstaunt über des Obersten Weisheit und sagt zu Mathael: »Freund, mit dem ist nicht gut Kirschen essen! Denn da bekommt man alle Stengel ins eigene Gesicht! Mit was alles für Kenntnissen der im geheimen angestopft ist, und wie prächtig er seine gegenwärtige Lage zu rechtfertigen versteht! Ah, das ist noch gar nicht dagewesen! Man kann ihm am Ende gar nicht gram werden! - Aber nun müssen wenigstens die aus der Stadt gleich dasein, und es wird sich zeigen, was sie alles zum Vorscheine bringen werden.«
02] Sagt Mathael lächelnd: »Gar nichts, das sage ich dir; denn diese Erz - sind zu sehr mit allen Salben gesalbt und finden überall ein Loch zum Durchkommen! Kurz, um diesen Menschen auf eine verfängliche Art und Weise beizukommen, gehört mehr dazu als pur menschliche Kräfte und menschliches Wissen! Griechen und Römer getraue ich mir in einem Tage Hunderte zu heilen von ihrer Dummheit; denn was ich ihnen vortragen werde, wird ihnen neu sein, und sie werden es sogar mit sehr dankbarer Begierde aufnehmen. Aber bei diesen Menschen gibt es nichts, das man ihnen als etwas Neues vorbringen könnte; sie sind zumeist in alles Wissen eingeweiht und wissen ihre Sache auf eine so schlaue Weise zu vertreten, daß sich dagegen sehr schwer etwas entgegnen läßt.
03] Darum, meine ich auch, hat der Herr Sich ein wenig zurückgezogen, weil Er das schon im voraus eingesehen hat, daß sich mit diesen Zeloten (Glaubenseiferern) nicht gut handeln und reden läßt! Und so bin ich auch der Meinung, daß bescheidenermaßen die Kläger und Zeugen aus der Stadt mit ihnen ebensowenig als wir etwas ausrichten werden.«
04] Sagt Cyrenius: »Nun, so gibt es doch für den Augenblick eine sehr denkwürdige Verhandlung, die etwa unter solchen Umständen auf der ganzen Erde nicht zum zweiten Male vorkommen dürfte! Wenn der Unterpfleger nur bald herauskäme!«
05] Kommt ein Bote außer Atem und sagt zur ganzen Gesellschaft, ohne darauf zu achten, wo Cyrenius sich befände: »Freunde, machet euch alle eiligst aus dem Staube; denn es ist eine fürchterliche Revolte ausgebrochen! Alles sucht die entflohenen Spitzbuben von den Erzjuden und Pharisäern, und die Römer und Griechen metzeln alles nieder, was nur halbwegs einem Juden gleich sieht! Ich bin ein armer Grieche, habe nur heute aus Not einen Judenrock über meinen nackten Leib gehängt und bin damit nur mit der genauesten Not mit meinem Leben davongekommen!«
06] Sagt Cyrenius: »Bursche, ich bin der Oberstatthalter! Erkläre dich genauer! Wie und warum ist eine Revolte ausgebrochen?«
07] Sagt der Bote etwas verlegen ob der unerwarteten Gegenwart des Oberstatthalters: »Hoher und allmächtigster Herr Herr! Die Sache ist ganz einfach diese: Als gestern die Sonne oder eine sonstige Lichterscheinung nahe ein paar Stunden länger den Abend erhellte, als es normal der altgewohnte Fall ist, und hernach aber plötzlich am Firmamente verschwand - eine zwar seltene, aber darum keine neue Erscheinung auf dieser großen und weiten Erde -, da fingen die jüdischen Priester, die solches sicher ebensogut als unsereiner aus dem Fundamente der menschlichen Erfahrungen und des menschlichen Wissens einsahen, nun an, anstatt dem Volke ihres Glaubens reinen Wein zu bieten, dem blinden, abergläubischen Volke von irgendeinem ungeheuren Strafgerichte Gottes aus ihren mystischen Prophetenbüchern das nun Eintreffende zu verkünden. Dadurch entstand unter den dummen Juden ein fürchterliches Geheul; ihre Priester als vermeinte Freunde und Diener Gottes wurden nun beschworen, bei Gott gegen jedes verlangte Opfer dahin zu wirken, daß Er Seine strafende Rechte gnädigst zurückzöge.
08] Als die pfiffigen Juden so ein gewaltiges Wasser auf ihre Mühlen nur zu klar und wahr vernahmen, antworteten sie in priesterlich richterlich mystischem pathos: 'So ihr das unfehlbar nun einzutreffende schärfste Weltgericht Gottes von euch abgewendet haben wollet, so müsset ihr nun alles, was ihr an Gold, Silber, Edelsteinen und Perlen besitzet, sowie auch eure besten Mastochsen, die milchreichsten Kühe und die fettesten Kälber uns zum Opfer bringen, auf daß wir es dann auf eine würdige Weise Gott opfern können!'
09] Die jüdischen Hauptspitzbuben von Priestern haben das kaum ausgesprochen, so kam schon ein förmlicher Wolkenbruch von den verlangten Opfern! Das sahen unsere ebenfalls nicht gerade aufs Gehirn gefallenen Priester und suchten, ob sie ihr Volk etwa durch einen glücklichen Wurf nicht auch könnten zu so ergiebigen Opfern stimmen. Auch sie fanden aus der alten Götterlehre etwas, das ihnen zu dem Opferzwecke recht gute Dienste leistete. Sie ließen den guten Apollo sich in irgendeine neue Daphne vergaffen und ihr einen etwas schmutzigen Besuch machen. Das merkte gleich sein Feind, der Herr Pluto, und stibitzte unterdessen die Sonne; und die Gäa, der Apollo und seine neue Schöne befanden sich nun in der grimmigsten Patsche! Daß daraus ein allergräßlichster Götterkrieg entstehen müßte, könne ein jeder Grieche und Römer wohl einsehen! Vielleicht, wenn der mächtigste Zeus durch Opfer und Bitten recht angegangen würde, könnte er diese gefahrvollste Sache noch schlichten! Diese Erfindung trug unseren Priestern auch recht viel ein, aber bei weitem nicht das, was das von den jüdischen Priestern ihren Schafen verkündete Gottesweltgericht eintrug.
10] Ein recht weiser, Herz und Kopf auf dem rechten Fleck habender Grieche belehrte einige nüchterner Denkende, und diese belehrten, so gut als es in der großen Verwirrung nur möglich war, die bedrängten Griechen und Römer über die Naturerscheinung und zeigten ihnen so hübsch handgreiflich die schnöde Gewinnsucht der Priesterkasten, denen wohl auch die Lust zum Opferfordern und - nehmen vergehen möchte, so an ihren ominösen Verkündigungen nur ein wahres Wort hinge. Sie sollten überhaupt beide Verkündigungen, nämlich die förmlich beschworene jüdische und dann die griechische und römische miteinander vergleichen, und sie würden es ja doch einsehen, daß beide nicht effektuiert (verwirklicht) werden könnten! Denn entweder müßte das geschehen, was die Judenpriester, oder das, was die Griechen verkündigt haben! Die Götter aber werden doch nicht so dumm sein und nun für eine jede Nation eine höchst eigene Wurst braten gehen, indem sie doch sonst ihre Himmelsgaben stets ganz gleich unter alle gläubigen und ungläubigen Menschen verteilen!
11] Solche und ähnliche Belehrungen brachten das Volk gleich zur besseren Besinnung. Man richtete auch an die bekannten besseren Juden ähnliche Belehrungen; aber da warf man Erbsen an die Mauer. Diese Gotteskälber stießen im Gegenteile noch Drohungen aus und beschuldigten das Heidentum als Ursache an dem bevorstehenden Übel!
12] Solches führte bald zu Tätlichkeiten, und die Griechen und Römer zündeten den dummen Juden bald ein jüngstes Gericht über ihren Häuptern an und forderten von den Priestern die Herausgabe der allerungerechtest bei solcher Bedrängnis erpreßten Opfer. Als solches einer ganz bescheidenen Aufforderung nicht gewährleistet werden wollte, kam man mit Gewalt besonders zu den Judenpriestern, die dann der Gewalt wohl wichen und sich durch den Qualm der auf allen jüdischen Ecken brennenden Stadt aus dem Staube machten.
13] Der weise, römische Stadtpfleger aber hatte darauf gleich noch gar wichtige Erhebungen von weiter Verzweigung über die jüdischen Erzspitzbuben von Priestern gemacht und dann dem Volke gezeigt, wie sie ganz allein die Ursache an solcher verheerenden Katastrophe wären. Da erst erhob sich die Revolte von unserer Seite gegen alles Judentum und ist bereits zu einer recht abscheulichen Wirtschaft geworden; denn die Juden werden dir nun nach der Elle massakriert, und in der Stadt gibt es ja schon nahe mehr Blut als Milch und Wein.
14] Wie es mir vorkommt, so stehen ja dort unter der großen Zypresse eben die entwischten Judenpriester! Na, guten Tag, denen wird's bald schlecht gehen, wenn sie nicht augenblicklich das Fersengeld nehmen, wozu ich den Hauptlumpen sicher keinen Rat erteilen werde! Mit diesem Wurfspieße, der mir in der Meinung, daß ich ein Jude sei, nachgeschossen wurde, als ich hierher floh, mich aber zum Glücke nicht traf, werde ich noch selbst ein paar niederstoßen! Die zwei Reiter sind mir am Stadttore begegnet und werden zu tun haben, zum Unterpfleger zu gelangen! Herr Herr, nun weißt du alles; und was ich dir sagte, ist reine und nackte Wahrheit, für die ich dir mein Leben einsetze!«
15] Sagt Cyrenius: »Ich bin dir für diese Nachricht sehr verbunden; du hast deine Sache gut gemacht! Aber jetzt bleibe du hier, und hast du Hunger und Durst, so nimm hier Brot und Wein! Ich werde unterdessen ein paar Kohorten nach der Stadt beordern zur Schlichtung des Aufstandes; darauf wirst du mir als ein guter Zeuge gegen jene jüdischen Priester dienen!«
16] Der Bote nimmt diesen Antrag sehr gerne an, da er schon sehr hungrig und durstig war; und Cyrenius winkt dem anwesenden Julius nur, und dieser weiß schon, was da zu geschehen hat, da er selbst den ganzen Vortrag des Boten auch mit angehört hat.


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