Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 138

Cyrenius läßt Zeugen gegen die Pharisäer aus Cäsarea holen.

01] (Cyrenius:) »Aber mir fällt gerade jetzt etwas ein! Ich werde sogleich einen Boten an den Bezirkspfleger abgehen lassen, der muß mir aus der Stadt allerlei Kläger und Zeugen senden. Diese werden über diese Füchse schon etwas zu sagen wissen, und wir werden sie dann schon in die Enge treiben!«
02] Sagt Mathael: »Der Gedanke läßt sich hören! Wenigstens gewinnst du damit das, daß du sie dann unter die Wachen kannst nehmen lassen. Aber das muß schnell ins Werk gesetzt werden!«
03] Cyrenius läßt sogleich zwei Reiter vorkommen und erklärt ihnen, was er vom Bezirkspfleger will. Diese sprengen sogleich nach der Stadt.
04] Als aber die untereinander murmelnden Erzpharisäer solches merken, tritt der Oberste wieder hin zum Cyrenius und sagt: »Herr und Gebieter, warum ließest du die Reiter nach der Stadt gehen? Sandtest du sie etwa um unsertwillen dahin? Willst du dadurch etwa unsere durch euer Gesetz sogar sanktioniert rechtlichen Ansprüche zunichte machen? Herr, das wird schwer gehen; denn wir haben da ja das Gesetz und Gott für uns! Du müßtest nur neue Gesetze geben, die dir für den Augenblick ebensowenig nützen könnten als die alten; denn eines neuen Gesetzes Wirkung kann ja doch nie hinter sich nach rückwärts wirken!«
05] Sagt Cyrenius etwas ärgerlich: »Ihr redet, wenn ihr gefragt werdet! Euer Anliegen kenne ich und eure Verantwortung auch! Es kommt nun allein auf mich an. Ich muß mit mir und mit meinen Amtleuten Rat halten, ob ihr der kaiserlichen Gewährung eurer Petition wert seid!
06] Werdet ihr bei der strengsten Durchprüfung als wert befunden, so wird eurem Verlangen auch Gewährung geleistet werden; werdet ihr aber als unwert befunden, so hebt sich nicht nur jegliche Gewährung von selbst auf, sondern es folgt noch eine Strafe ob der Frechheit, daß ihr euch unterfangen habt, als strafbare Menschen vom Staate noch eine Gnade zur Deckung eurer Sünden zu begehren! Merket es euch wohl! Ein Oberstatthalter Roms urteilt ganz anders denn ihr! Er urteilt nie nach der Gunst und nach dem äußern Ansehen der Person, sondern stets ohne Unterschied allen Standes streng nach den Gesetzen und nach den Rechten.
07] Darum sehet euch wohl vor, wie ihr allergeheimst mit eurem Gewissen vor Gott und vor den Menschen stehet! Denn von euch als sogenannten Gottesdienern - obschon Gott keiner Dienerschaft benötigt, indem Seine Allmacht und Allweisheit, Seine Allgegenwart und Allwissenheit Ihm ohnehin schon von Ewigkeit her die besten Dienste leisten - und von euch als Volkslehrern wird eine viel strengere Rechnung verlangt als von dem ungelehrten Volke, das oft kaum zur höchsten Not nur einige alleräußerste Gesetze kennt und selbst bei diesen keine Ahnung hat, welchen Geist sie so ganz eigentlich in sich bergen.
08] Ihr aber kennet Gesetz und Geist und müßt es kennen und müßt eingeweiht sein in alle Wahrheit. Daher werdet ihr es auch einsehen, warum von meiner Seite schon des Volkes wegen um vieles strenger mit euch verfahren wird als mit einem Privatmenschen! Denn entweder müßt ihr so rein wie die Sonne dastehen, oder ihr seid eures Amtes nie und nimmer wert gewesen! Daher habt ihr euch auch durchaus nicht zu kümmern darüber, was alles ich, entweder zu eurer Beschuldigung oder zu eurer Entschuldigung, unternehme! Gehet aber hin und bringet eure Petition irgend zu Pergament, und reichet sie dann ein, auf daß ich ein Argument (Beweismittel) mehr, entweder) 09] Sagt der Oberste: »Hoher Herr und Gebieter! Heute ist ein Neumondsabbat, an dem uns jede Tätigkeit untersagt ist. An diesem geheiligten Tage hat der Mensch in aller Ruhe seines Fleisches sich mit nichts als allein im Geiste mit Gott zu beschäftigen; nur reden dürfen wir, aber schreiben nicht bis zum Untergange der Sonne. Nach dem Untergange aber wollen wir dir die Petition schon auch schriftlich hinterlegen.«
10] Fragt Cyrenius: »Hat euch Moses das Gesetz von der besonderen Haltung eines Neumondsabbats gegeben?«
11] Sagt der Oberste: »Moses gerade nicht, aber dessen Nachfolger, durch dessen Mund auch zu öfteren Malen der Geist Gottes geredet hat wie durch den geheiligten Mund Mosis.«
12] Sagt Cyrenius: »Daran möchte ich wohl einen starken Zweifel hegen! Denn aus den rein Mosaischen Gesetzen und Anordnungen schaut der göttliche Geist oft mit Händen zu greifen heraus; aber was da eure Neumondsfeier betrifft, da schaut nichts heraus als ein dickster Aberglaube und eine ganze Schiffsladung voll der derbsten menschlichen Dummheit. Was ist der Neumond? Ihr wisset es nicht, aber wir wissen es und müssen darum über eure Neumondsfeier aus vollem Halse lachen. Und unsere Weisen, die vieles begreifen, staunen darüber, wie es etwa doch möglich ist, daß es in der nächsten Nachbarschaft der Griechen, Römer und Ägypter solche Dummköpfe und krasseste Finsterlinge geben kann, die nicht einmal wissen, was überhaupt der Mond und was ein Neumond ist! - Sagt ihr mir doch, welche Vorstellung ihr euch vom Monde machet!«
13] Sagt der Oberste: »Sage lieber du uns, was du, hoher Herr und Gebieter, vom Monde hältst, dann wollen auch wir dir sagen, was wir vom Monde halten!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 3  |   Werke Lorbers