Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 137

Verhandlung mit den Pharisäern.

01] Sagt Mathael geheim zum Cyrenius: »Das ist schon wieder eine Nuß, die aufzuknacken unsere Zähne zu schwach sein dürften! Markus hat seine Sache sehr gar gemacht; aber was können wir tun, so wir ihnen aus ihren Satzungen keine Pflichtverletzung erweisen können? Hören wir aber noch den Ebahl und den Julius an! Aber viel wird uns auch das, was sie vorbringen werden, nicht nützen; denn der Alte ist zu sicher in seiner Sphäre und ist imstande, jede seiner noch so schmählichen Handlungen aus der Schrift vollkommen zu rechtfertigen. Was läßt sich dagegen dann tun?«
02] Sagt Cyrenius: »Gut, so verdamme ich aus meiner Machtvollkommenheit alle jene Schriftstellen, die wider die gesunde Vernunft des Menschen lauten, und wir haben ihn dann am Bunde!«
03] Sagt Mathael: »Es wird sich nicht tun, weil er dann sagen kann: 'Die gesunde Menschenvernunft verlangt aber auch, daß man ein Gesetz zuvor gibt und es sanktioniert, bevor man nach demselben jemand richten will.< Was wirst du dann dem einzuwenden haben? Da heißt es sich ganz absonderlich fassen, um gegen diese Kerle von menschlicher Seite aus etwas ausrichten zu können! Es dürften nun bald der Kornelius, der Faustus, der Kisjonah aus Kis und ein gewisser Philopold aus derselben Gegend dasein; diese werden uns sicher sehr gute Dienste leisten! Ich freue mich sehr auf ihre Ankunft!«
04] Nach einer mäßigen Weile des Nachdenkens über das Gesagte sowohl von seiten des Obersten als auch über das etwas mehr geheim Bemerkte vom Mathael und über dessen Freude über die beansagte Ankunft des Kornelius und Konsorten fordert Cyrenius den Ebahl auf, etwas Haltbares über die Erzpharisäer vorzutragen.
05] Und Ebahl erhebt sich und sagt: »Hoher Freund! Füchse und eure Proteusse (wendige Menschen) sind schwer zu fangen; die Füchse, weil sie stets zwei Ausgänge haben, und die Proteusse, weil sie sich in alles verwandeln können, selbst in die Elemente. Daher ist hier meine Meinung diese: Da du zufolge dessen, was dir von dem wahrhaftigsten und getreuesten Zeugen, den du so gut als ich kennst, über diese Menschen gesagt wurde, durchaus keinen Zweifel haben kannst über das, ob es also stehe oder nicht, anderseits als weltlicher Richter aber der Welt gegenüber dennoch nur nach dem ein Urteil fällen kannst, wovon sich dein Ohr und dein Auge nach außen hin überzeugen kann, so wäre mein Rat hier folgender: Entlasse du diese lästigen Petenten ohne die geringste Gewährung dessen, was sie haben wollen, und ohne sie durch ein Urteil zu irgendeiner Strafe zu verdammen! Du hast dadurch der inneren geistigen Wahrheit und den Sinnen der Welt vollends Genüge geleistet! Das wäre so meine Meinung!
06] Ich könnte dir über die vielfachen Volksbetrügereien und gewissenlosesten Volksbedrückungen Hunderte von Fakten (Tatsachen) erzählen, die ich bei so manchen Gelegenheiten mit diesen sein wollenden Gottesdienern erlebt habe; aber was wird dir das nützen? Die finden dir sicher noch ein Loch, durch das sie ins Freie schlüpfen können! Sie decken sich sorgsam gegen jeden äußern ihnen schädlich werden könnenden Wind mit den Decken Mosis und mit dem Mantel Aarons und der Propheten zu, und kein noch so kalter Wind kann ihnen auch nur einen Schnupfen verursachen!
07] Was aber aus den Schriften der Propheten der äußere Verstandessinn alles machen kann, das wissen wir ganz gut; denn die taugen für gar alles, solange man ihren inneren, geistigen Sinn nicht kennt, und das ist ein Hauptversteck für diese Leute. Darum wird da nicht viel anderes zu machen sein, als was ich dir angeraten habe.«
08] Sagt Cyrenius: »Ja, ja, du hast ganz recht, ich erkenne das ganz aus dem Fundamente; aber dennoch meine ich, daß man diesen Menschen vielleicht gar mit etwas erweislich Kriminellen entgegenkommen könnte, wo sie mir dann sicher nicht mehr auskämen!«
09] Sagt Ebahl: »O je, mit allem eher als mit dem; denn diese Kerle kennen dir ein jedes Jota (Buchstabe) des römischen Gesetzes und verstehen sich darauf mehr denn jeder Advokat, das Gesetz so zu umgehen, daß ihnen kein Satan an den Leib kann. Sie werden derlei Vergehen entweder persönlich oder teilhabend in Menge begangen haben. Vor Gott werden sie sich freilich nicht verbergen können; aber wir kommen ihnen nicht an den Leib, so wir gesetzlich mit ihnen vorgehen wollen! Vielleicht der Kisjonah, Kornelius, Faustus oder der Grieche Philopold? - aber von uns, außer dem Herrn und dem Engel Raphael, kommt ihnen keiner an den Leib!«
10] Cyrenius schüttelt den Kopf und sagt: »Ich könnte sie als verdächtige Leute dennoch bewachen lassen; vielleicht würde solch ein Ernst auf ihr Gewissen denn doch ein wenig erschütternd einwirken!?«
11] Sagt Ebahl: »Versuche es; aber ich stehe dir dafür, daß du nach den ersten Protestationen des Obersten die Wächter nicht schnell genug wirst können abziehen lassen! Wir haben für die Außenwelt ja gar keinen Dunst von irgendeiner causa criminis (Strafrechtssache). Da gibt es keinen Kläger, und es kann daher auch keinen Richter geben! Des Herrn stille Aussage können wir aus doppelter Hinsicht nicht als Klage ansehen. Fürs erste ermangelt sie jedes weltlichen Überführungscharakters, und fürs zweite wäre der Herr Selbst vor der Welt nur als ein halber Zeuge anzusehen; denn wenigstens für jetzt könnte man sich nicht auf Seine Göttlichkeit, ja nicht einmal vollgültig auf Seine Weissagungsgabe gesetzlich beziehen, ante forum Romanum (vor dem römischen Gericht)! Wir freilich wissen es genau, wie wir mit ihnen daran sind; aber das trockene römische Gesetz kennt unsern Herrn und Meister noch lange nicht und somit auch Seine Aussage aus Seiner Weisheit nicht, und doch kannst du nun trotz aller deiner innersten Überzeugung über diese Menschen nur nach dem urteilen, was du von Menschen äußerlich als Beschuldigungsbeweis aufbringen kannst. Und dazu gehört doch vor allem einmal ein Kläger, und dann kommen erst die eidlichen Zeugen! Oder gilt bei euch der Ausspruch eines Propheten oder eines Orakels irgend etwas, wenn beide nicht zu eurer Religion gehören?«
12] Sagt Cyrenius: »In außerordentlichen Fällen wohl, besonders wenn der Prophet sich vorerst vor einem ordentlichen Gerichte als jedes Glaubens würdig erweisen hat! So das Gericht gegen ihn kein Bedenken trägt, kann er für sich, sowie ein Ausspruch eines erprobten Orakels als ein vollgültiger, ganzer Beweis dienen! Denn nur der Richter hat allein das Recht, die Gültigkeit des Zeugen anzunehmen oder nicht anzunehmen, oder anzuerkennen und zu bestimmen, ob er zulässig oder nicht zulässig ist!«
13] Sagt ebahl: »Gut, wie aber dann, wenn ein Prophet sich weder als Kläger und ebensowenig als Zeuge gebrauchen läßt? Durch was wirst du ihn dazu zwingen können?! Zum Zeugen meinetwegen noch eher; aber zum Kläger schon gar nie! Hier haben wir freilich einen; aber womit wirst du diesen großen Einen zwingen und womit den Engel Raphael, daß sie entweder als Kläger oder als Zeugen auftreten?«
14] Sagt Cyrenius: »Da läßt sich freilich nirgends ein Zwang anbringen! Warten wir somit ab; denn die Angemeldeten werden ja etwa doch nicht zu lange mehr auf sich warten lassen! - Mir kommt es vor, als sähe ich in einer noch ziemlichen Ferne auf dem Meere Ruder spielen!«
15] Sagt Mathael: »Das bemerkte ich auch seit einer halben Stunde Zeit; aber es bleibt die Geschichte nahe gleichfort auf demselben Flecke! - Nun, wie steht es mit dem Verhöre? Seid ihr noch auf demselben Flecke?«
16] Sagt Cyrenius: »Nicht um ein Haarbreit weiter! Du hattest recht, und Ebahl hat auch recht, und ich sehe es ein, daß wir mit aller unserer Machtvollkommenheit in Weltdingen mit ihnen wenig oder nichts ausrichten, und die Ankommenden werden höchstwahrscheinlich auch nicht viel helfen.«


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