Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 132

Die Schwierigkeit einer Bekehrung von Priestern.

01] Damit geben sich nun alle zufrieden, und es ist wieder alles ruhig auf dem Vorberge, der durch eine kleine Einsattlung von dem sich weiter nach Süden ziehenden höheren Gebirge getrennt ist; aber unten am Meere wird es schon sehr lebendig, denn es sind schon mehrere Gesellschaften aus der Stadt beim alten Markus eingetroffen und klagen da natürlich mit sehr grellen Farben ihre Not und ihr unverschuldet erlittenes Unglück.
02] In der Küche des Markus geht es schon sehr tätig zu, und die beiden Söhne mit dem alten Markus bereiten mehrere Feldherde, um für so viele Gäste erklecklich viele Speisen zu bereiten.
03] Einige von den von Cäsarea Angelangten begeben sich auf den Berg, weil sie schon von weitem darauf Menschen ersehen haben. Als sie aber Römer erblicken, da ziehen sie sich gleich wieder zurück; denn sie meinen, daß diese hier auf der scharfen Wache stehen, um die Flüchtigen in Empfang zu nehmen und sie wieder nach der noch brennenden Stadt zum Löschen zu bescheiden, was den Erzjuden an diesem Sabbat ganz besonders ungelegen käme. Denn es lebten in Cäsarea einige Erzjuden, die es mit den Satzungen Mosis, ohne gerade Pharisäer zu sein, ganz entsetzlich strenge nahmen. Und das war ein Neumondssabbat, der allzeit strenger gehandhabt ward als ein gewöhnlicher! Daher waren sie, auf die verhängnisvollen Erscheinungen des Vorabends, wie neu aufgefrischt mit Asche auf dem geschorenen Haupte und mit zerrissenen Gewändern noch um vieles strenger als sonst je an einem Neumondssabbate. Es wäre für diese höchst strengen Sabbatisten sonach höchst fatal gewesen, so sie von den unsabbatischen Römern wären zum Löschen zurückbeschieden worden; daher hielten sie sich auf dem Berge ob dem Anblicke der Römer, obgleich diese noch schlummerten, gar nicht lange auf und empfahlen sich, wie gesagt, gleich wieder.
04] Raphael schmunzelte und sagte zum Mathael: »Hast sie bemerkt, die Scharfsabbater? Die haben sich schnell aus dem Staube gemacht beim Anblicke der Römer! Aber freue dich, die werden uns heute noch sehr vieles zu schaffen geben!«
05] Sagt Mathael: »Freund, mit Liebe, Weisheit und Geduld wird sich etwa und besonders mit der Hilfe des Herrn schon alles machen! Mich dauern sie! Blind im Herzen, nackt am Verstande, - gleich alten, verrosteten Nägeln in einem Balken stecken sie in ihrer Dummheit, die Armen! Na, vielleicht heilen wir sie alle!«
06] Sagt Raphael: »Freund, solange der Mensch bloß dumm ist, da macht sich die Sache leichter; aber wenn mit der Dummheit werktätig Hochmut, Herrsch- und Genußsucht in einen festen Verband treten, dann geht es mit der Besserung schwer und am schwersten beim Priesterstande hochstehender Art und Gattung!
07] Nimm du her, welche Stellung eines Menschen du willst, zum Beispiel die eines Feldherrn oder sonst eines hohen kaiserlichen Dieners! Solange er in seiner Würde steht, wird er auch auf die ihm schuldige Achtung und Ehrung Anspruch machen, und sie wird ihm gezollt; aber er kann mit der Zeit dienstuntüchtig werden und man setzt ihn in den Ruhestand, und er ist de facto (tatsächlich) nichts mehr und kümmert sich auch um sein ganzes früheres, beschwerliches Amt nicht mehr! Der hohe Priester aber behält seinen Nimbus (Ansehen) bis zum Grabe, und nach seinem Tode lassen ihm die lebenden Priester ihrer eigenen Ehre und Erhöhung wegen ein tempelartiges Grabmal setzen und erweisen ihm eine göttlIche Verehrung! Das Priestertum weiß sich demnach die Würde für lange Zeiten als unantastbar zu erhalten und zu wahren in allen denkbaren Lebensstellungen.
08] Tritt du nun hin zu solch einem eingefleischten Priester, bei dem du gar wohl merken kannst, wie sehr er im Falschen und Lügenhaften steckt, und du wirst nichts ausrichten mit ihm! Seine Würde hält er weit über die eines Kaisers, weil er sich als einen Stellvertreter Gottes auf Erden dünkt; er vertauscht darum seine Würde mit keiner in der Welt.
09] Willst du ihm etwa mit viel Gold und Silber seine Würde veräußerlich machen, so wird er dir sagen: 'Gold und Silber habe ich ohnehin; meine Würde aber ist mehr wert denn alle Schätze der Welt, denn ich bin ein Beamter Gottes und kein Beamter eines Weltfürsten, und mein Amt bleibt in Ewigkeit!' Nach solcher Entgegnung hast du dann kein Heft mehr in deinen Händen und mußt am Ende noch tanzen nach der Pfeife so eines eingefleischten hohen Priesters! Darum meine ich hier, daß sich mit diesen Erzjuden gar nicht viel wird machen lassen! Im übrigen ist dein Sinn ein ganz vollkommen gotteswürdiger; Gott dem Herrn ist aber gar vieles möglich, was uns Engeln und euch Menschen oft für unmöglich scheint.«
10] Sagt Mathael: »Ich danke dir für diese Worte; aber nun geht die Sonne auf, und wir müssen uns für die Ankunft des Herrn im Herzen bereit halten!«
11] Sagt Raphael: »Hast ganz recht; denn der Herr ist ja die rechte Sonne aller Sonnen! Wenn Der aufgeht im Menschenherzen, so ist für dieses der Tag der Tage geworden. - Siehst du Ihn schon aus dem Walde kommen, weil du gemessen hinschaust?«
12] Sagt Mathael: »Die Sonne ist zwar schon ganz überm Horizont; aber vom Herrn und von den beiden, die Ihm entgegengeeilt sind, ist noch nichts zu entdecken. Mir scheint, die Sache so ganz genau nach deiner Aussage genommen, daß du dich diesmal in deiner himmlischen Weissagung selbst ein wenig verrechnet hast! Mit dem Vollaufgange der Sonne und mit der Wiederankunft des Herrn geht es diesmal nicht so ganz auf ein Haar zusammen! Siehe, die Sonne steht schon ziemlich hoch über dem Horizonte, und noch ist vom Herrn keine Spur! Sage mir nun, wie ich deine uns gemachte Weissagung deuten soll!«
13] Sagt Raphael: »Du mußt aber deine Augen auch dorthin richten, von wannen Er kommt, und nicht nach dorten hin, von wannen Er nicht kommt! Sieh dich um, und du wirst dich gleich überzeugen, daß ich euch keine falsche Weissagung gemacht habe!«


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