Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 131

Aller menschliche Sorgengeist wird von Raphael verscheucht.

01] Sagt Zahr: »Sollen wir die Schlafenden nicht wecken?«
02] Sagt Raphael: »Sie werden schon wach werden, wenn der Herr erst vollends wieder bei uns sein wird!«
03] Springt die Jarah eiligst auf und fragt mit einer leidenschaftlich liebevollsten Heftigkeit: »Von wo, von wo kommt Er, die Liebe aller Liebe!? Meine Augen sehen noch nichts!«
04] Sagt Raphael lächelnd: »Macht nichts; wenn nur dein Herz Ihn sieht, so werden bald darauf deine Augen auch nicht zu kurz kommen! Er wird mit dem vollen Aufgange hier sein!«
05] Sagt Helena, die auch wach blieb: »Jarah, eilen wir Ihm entgegen! Oh, welch eine Seligkeit, Ihm entgegenzugehen!«
06] Sagt Jarah: »Ja, ja, Freundin, gehe du nur fein mit! Oh, welch eine Freude wird das sein, wenn wir Ihn schon irgend von weitem her werden auf uns zugehend erblicken!«
07] Darauf eilen die beiden flugs gegen den Wald gen Westen zu und verlieren sich bald in demselben.
08] Ouran, der auch wach war, sah den beiden nach und sagte, als sich diese im Wilde verloren: »Am Ende verirren sie sich? Das Gebirge steigt von da, wie es scheint, sich gen Süden beugend, ziemlich stark an und dürfte mehrere Stunden fortziehen!? Sie werden in ihrer Hast fortlaufen, und der Meister kann von einer andern Seite herkommen, und die werden Ihn suchen und am Ende doch nicht finden!«
09] Sagt Raphael: »Sorge dich um etwas anderes! Diese beiden werden sich ebensowenig verirren, als ich mich verirren würde oder könnte. Wo das Herz vor Liebe einmal in solch einem allerheftigsten Lichte ist, da ist ein Verirren in was immer fürder reinst unmöglich! Sie werden freilich hübsch tief in den Wald kommen; aber finden werden sie den Meister!«
10] Mit dem beruhigt sich Ouran, richtet seine Blicke abermals nach der noch stark brennenden und auch sehr stark rauchenden Stadt und entdeckt mit seinen weitsehenden, scharfen Augen, wie aus der Stadt eine Menge Wanderungen beginnen nach allen Richtungen hin. Auch gegen unsern Berg hier ersieht er ganze Prozessionen und sagt: »Nun, wohl bekomme es jedem! - Wenn die alle zu uns stoßen, woher wird sich für so viele Brot herbeischaffen lassen? Diese essen den alten Markus ja samt seiner Behausung ganz vollkommen und rein auf!«
11] Sagt Raphael: »Sorge dich auch da um etwas anderes! Die ganze Erde und alle Geschöpfe auf ihr brauchen doch sicher auch sehr viel von allerlei in jedem Augenblick, und der Herr sättigt dennoch die große Erde selbst und alle auf ihr seienden Wesen! Was ist aber die Erde gegen die Sonne, die mehr als um zehnmal hunderttausend Male größer ist denn diese Erde und stets unmeßbar viel Nahrung zur Erhaltung ihres mächtigen Lichtes und zur Erhaltung der zahllosen Geschöpfe auf ihren weiten Lichtgefilden braucht; und der Herr sorgt für sie so wie für dich, edler Freund!
12] Nun denke dir aber erst den ewig nie zu ermessenden endlosen Schöpfungsraum voll Sonnen und Erden noch viel größerer Art, als diese Erde und die ihr leuchtende Sonne es sind! Alle werden von einem und demselben Herrn stets gleich mit allem auf das reichlichste versehen, das zu ihrer Existenz taugt. Nirgends ein Mangel, sondern allenthalben der größte Überfluß! Wenn aber also und ewig unmöglich anders, wie magst du dich hernach sorgen, woher man Brot nehmen werde für so viele, die nun von der Stadt zu uns her auf dem Wege sind?«
13] Sagt Ouran: »Ja, ja, nun hast du schon recht! Ich bin ja kein Weiser, sondern ein Mensch, und vergesse oft auf Augenblicke, wo ich mich nun befinde; bin aber schon wieder ganz in der Ordnung!«
14] Kommt Hebram herzu, der aus seinen dreißig Gefährten auch wach geblieben ist, und sagt: »Aber das wird heute als an einem strengen Sabbate eine große Verwirrung absetzen! Wäre dieser Brand an einem Werktage vor sich gegangen, so könnte man diese Abbrandler, die zu uns kommen werden, mit Rat und Tat unterstützen; aber so wird das für heute sogar für den großen Meister eine schwere Aufgabe werden!«
15] Sagt Raphael: »Sorge auch du dich um etwas anderes! Hast du schon einmal die Sonne den Sabbat feiern sehen, oder den Mond, oder die Sterne, oder den Wind, den Regen, oder das Wachstum der Pflanzen und derart mehreres? Warum aber feiern diese Geschöpfe keinen Sabbat? Weil des Herrn gleichfort allertätigster Wille nie und nimmer einen Sabbat, dessen Herr Er ist, feiert!
16] Oder wie kannst du Gott ein lästig Gesetz zumuten, das eben Gott nur den Menschen zu ihrer Heiligung angeordnet hat auf so lange, als es Ihm rätlich schien?!
17] Wenn Gott dir aber den Sabbat und dessen Feier nachsieht, was willst du hernach erwecken mit deinem törichten Sabbate? Möchtest du nicht auch mir den Sabbat hinaufdisputieren? Soll etwa auch ich den Sabbat heiligen durch einen nutz-, zweck-und sinnlosen Müßiggang? Oh, warte, gerade heute als an einem Sabbate, werde ich euch ein Wetter machen, daß euch darob Hören und Sehen auf Monate lang vergehen wird!«
18] Sagt Hebram: »O du überirdischer Freund, mußt mir meine Frage nicht für übel annehmen! Denke dir nur stets, daß wir Menschen sind und selbst bei unserm möglichst besten Willen bei außerordentlichen Gelegenheiten doch stets noch in das Altgewohnte, wie die Sau in eine Pfütze, hineinfallen! Du aber, o mächtiger Diener und Engel Gottes, beschütze uns alle in der Folge davor; denn wir sind alle zumal lauter schwache und sehr gebrechliche Menschen!«
19] Sagt Raphael: »Gehe hin zu deinen Brüdern und beruhige sie; denn sie schweben alle in derselben dummen Sabbatsorge, mit der du hierhergekommen bist! Zeige ihnen die große Dummheit ihrer Besorgnis! Sie werden nun nach und nach wach.« - Hebram geht und tut mit gutem Erfolge, was ihm Raphael geboten.
20] Als das in der Ordnung ist, erwacht Ebahl aus Genezareth und fragt den Ouran gleich um seine Jarah; dieser aber bescheidet ihn, was da geschehen ist, und wie die Jarah mit der Helena den Herrn suchen gegangen seien in den Wald.
21] Sagt Ebahl: »Ei, ei, das hätten sie nicht tun sollen! Der Wald wird wahrscheinlich schon von Cäsarea aus mit allerlei Gästen bevölkert sein! Wie leicht kann den beiden etwas begegnen, das sie höchst unangenehm berühren könnte!«
22] Sagt Raphael: »Sorge auch du dich um etwas anderes! Die beiden sind schon lange am rechten Orte und werden bald wieder hier sein. Mit dem vollen Aufgange kommt der Herr, und die beiden werden nicht ferne von Ihm sein!«
23] Sagt Ouran: »Wie lange haben wir noch bis zum vollen Aufgange?«
24] Sagt Raphael: »Bei einer kleinen halben Stunde noch!«


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