Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 117

Tadel der Schadenfreude.

01] Nach diesen und noch einigen Beifallsbezeigungen von seiten des Markus und von mehreren, die den alten Markus angehört hatten, bemerkt Helena eine außerordentlich weißhelle Flamme hoch emporschlagen, so daß davon die ganze Gegend hell erleuchtet war; auch Cyrenius bemerkt diese Flamme aus der Mitte der Stadt emporgehen, und die Flamme ward stets heller und größer und höher.
02] Nun, in der Nacht aber hat ein jedes Licht die gesichttäuschende Eigenschaft, daß es einem in der Schaulehre unbewanderten Menschen stets näher zu kommen scheint, je stärker, größer und heller es auf dem stets gleich entfernten Flecke wird. Zum Beweise dessen strecken die kleinen, noch unmündigen Kinder gar oft die Hände nach dem Vollmonde aus, weil er ihnen wegen seiner Helle ganz nahe zu stehen scheint, und die Hunde bellen ihn oft aus demselben Grunde an.
03] Also kam es denn auch hier der Helena vor, daß die stets größer und heller werdende Flamme uns näher käme, und sie bat Mich daher, der bösen Flamme zu gebieten, daß sie nicht näher käme und uns einen Schaden zufüge.
04] Da sagte Ich: »Seid nur nicht gar zu kindisch! Das Näherkommen der Flamme ist ja nur eine ganz gewöhnliche Sehtäusche; die Helle der Flamme aber rührt daher: Das Feuer ist in dem großen Wohnpalaste des jüdischen Pharisäerobersten in die große Speisekammer gedrungen. In dieser waren bei hundert Zentner des reinsten und besten Öles in gebundenen Fässern aufbewahrt, auch mehrere Fässer von reinster Naphtha zum Beleuchten seines Palastes, und nebstbei war darin noch ein großer Vorrat von Butter, Milch und Honig. Diese Dinge haben Feuer gefangen und brennen nun gar schön und hell, und bei dieser Gelegenheit werden, wie du alter Markus, vorher heimlich gewünscht hast, auch deine Zehentfische so hübsch gut gebraten werden; denn in der großen Speisekammer lagen schon eine große Menge für morgen hergerichtet in der Bereitschaft. - Was sagst du, Markus, nun dazu?«
05] Sagt Markus: »Herr, der Du in mein Herz ebenso rein und gut schauen kannst wie in die große Speisekammer des Pharisäerobersten, Du weißt es, daß ich weder jetzt noch jemals ein schadenfroher Mensch war. Ich war als Krieger wohl sehr strenge in meinem Dienste, doch habe ich aus meinem Willen nie jemanden in einen Schaden gebracht außer den, den das Gesetz zuvor verdammt hatte, - wofür ich natürlich nicht konnte. Doch habe ich dabei nie eine gewisse Freude empfunden, so des Gesetzes Schärfe jemand verschlungen hatte. Also habe ich auch hier keine so ganz eigentliche Herzensfreude über das Unglück selbst, und daß meine schönen und guten Fische nun dort bloß für die Luftgeister gebraten werden, aber daß nun diese alten Menschenquäler endlich einmal wieder eine überaus ausgiebige Lektion nach allen Seiten hin erhalten, macht mir eine rechte Freude!
06] Denn das Verzehren der Schätze durchs Feuer wäre das wenigste; aber der dadurch gänzlich mitverzehrte Glaube an ihre Lehren ist der eigentlich unersetzliche Schaden, der ihnen dadurch zuteil wird, aber dabei auch ein übergroßer Nutzen für das betrogene Volk. Denn das wird nun zur Aufnahme für die reine, göttliche Wahrheit sicher ein sehr geneigtes Ohr und Herz haben, und das ist es, worüber ich mich so ganz eigentlich freue. Und es kann vielleicht sogar möglich werden, daß die verunglückten Priesterschaften, wenn sie nicht zu sehr im Kopfe und Herzen vernagelt sind, nun für die Wahrheit zugänglicher werden, als sie es in ihren Reichtümern gewesen wären. Ich meine, der morgige Tag wird so manches denkwürdige Pröbchen uns erleben lassen! - Sage es mir, Herr, ob ich recht habe, oder ob auch solche meine Freude vor Deinen Augen etwa verdammlich ist!«
07] Sage Ich: »Oh, mitnichten; denn hätte Ich nicht denselben Grund gehabt, dieses geschehen zu lassen, darüber du dich so ganz eigentlich freust, so hättest du die Scheinsonne nicht gesehen, und diese Feuerszene wäre unterblieben. Aber du hattest anfänglich wohl so ein wenig eine kleine Schadensfreude darum in deinem Herzen, weil du den Pharisäern wegen des herz- und gewissenlosen Zehents gram warst. Und siehe, das war es eigentlich, was Ich dir vorher so ein wenig ausstellte und darum du morgen mehrere abgebrannte Priester abspeisen wirst; aber es wird auch das dein Schaden nicht sein!
08] Sieh, ein rechter und vollkommener Mensch muß in allen seinem Fühlen, Denken und Handeln vollkommen sein, ansonst er noch lange nicht geschickt ist fürs Himmelreich Gottes!
09] Wir sehen zum Beispiel einen recht derben, mutwilligen Übertreter des Gesetzes der guten menschlichen Bestandsordnung, so einen rechten Auswurf aller besseren Gesittung, kurz, so einen Kerl, der ganz gut ein Bruder des Satans sein könnte. Lange Zeit übt der Mensch ungestraft seine allerderbsten Bosheiten aus; denn man kann seiner nicht habhaft werden, weil seine echt satanische Schlauheit ihn davor beschützt. Wie viele Menschen wünschen da nichts sehnlicher, als daß der Bösewicht doch ehestens von dem strafenden Arme des Gerichtes irgend bald erreicht werden möchte!
10] Endlich gelingt es dem Gericht, den kecken Frevler mit fester Hand zu ergreifen und ihn zu der lange verdienten schärfsten und peinlichsten Strafe und Verantwortung zu ziehen! Nun frohlockt groß und klein, daß der Bösewicht endlich einmal zur lange verdienten Strafe gezogen wird; ja, es wird dabei ganz biedere Menschen gehen, denen es leid tut, daß ihnen bei dieser Strafgelegenheit nicht die gesetzliche Befugnis zusteht, bei dem allgemein verhaßten Verbrecher selbst Scharfrichter sein zu können, um den Auswurf von einem Verbrecher so recht nach aller erdenklichen Herzenslust peinigen zu können!
11] Nun aber frage man sich im reinen Herzen, aber auch bei einem ebenso reinen Verstande, ob solche Freude auch für einen vollkommenen Menschen sich ziemt! Und ein reines Herz und ein reiner Verstand wird da auch sicher also antworten: 'Daß die durch diesen Bösewicht Jahre hindurch geplagte Menschheit von diesem Unhold endlich einmal erlöst wird und nun wieder ruhig leben kann, (darüber) freue ich mich wohl; aber noch mehr und eine noch viel größere Freude hätte ich, so der Unhold seine Bosheit erkannt, sie bereut, sich also gebessert, zu einem nützlichen Menschen umgewandelt und so nach Möglichkeit getrachtet hätte, den irgend zugefügten Schaden wieder gutzumachen!'
12] Saget, welche Gesinnung gefällt euch wohl besser: die erste Straffreude oder die zweite, gesellt mit einem reinen und wahrhaft menschenfreundlichen Wunsche?«
13] Sagt Markus: »Da bleibt ja gut keine Wahl übrig; denn das zweite geziemt sich für Menschen, und das erste ist nach meiner Ansicht noch sehr roh, selbstsüchtig und tierisch!«


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