Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 116

Des Markus Freude über die Züchtigung der Priester.

01] Hier erwachte auch Helena wieder aus ihrem sanftesten und seligsten Liebesschlummer und erschrak nicht wenig, als sie die starke Regsamkeit unter den Menschen auf dem Berge bemerkte und zugleich die in Flammen stehende Stadt. Aber die Jarah faßte sie gleich bei der Hand und erklärte ihr den ganzen Sachverhalt, worauf Helena sich schnell beruhigte und sagte: »Es ist mir im Gemüte schon vor einer guten Stunde also vorgegangen, als stünde dieser Stadt bald nach dem schnellen Verschwinden der Scheinsonne ein solches Los nahe unvermeidlich bevor; und siehe da, es ist schon der Vollzug solcher meiner etwas trüben Ahnung vor unseren Augen und Ohren! Du, Herr, hast aber solches sicher auch schon mit der Scheinsonne vorgesehen, und es kommt erst jetzt der eigentliche Grund zum Vorschein, warum Du sie hast leuchten lassen!«
02] Sage Ich: »Ja, ja, du Mein liebes Kindlein, es möchte sich die Sache wohl also verhalten! Ein Licht, das Ich an das Firmament gestellt habe, hat stets eine Menge guter Zwecke und nicht bloß den des Leuchtens, was eigentlich nur ein sehr untergeordneter Nebenzweck ist.
03] Sieh an das Licht der Sonne! Das Leuchten für sich wäre wohl etwas höchst untergeordnet Geringes; aber betrachte du alle die freien und unfreien Geschöpfe der Erde ihrer äußeren Natur nach, und du wirst da Wirkungen des Lichtes und der Wärme der Sonne entdecken, von denen es noch keinem Naturweisen der Erde etwas geträumt hat! Alles Wirkungen des Sonnenlichtes!
04] Schon diese Erde hätte dir so viele und mannigfache Wunderdinge als Wirkungen des Sonnenlichtes aufzuweisen, daß du sie in vielen tausend Jahren mit den fleischlichen Augen nicht überschauen und noch weniger überzählen könntest!
05] Aber um diese Sonne, deren Licht schon auf dieser Erde so große Wunderdinge hervorruft, kreisen noch viele andere und noch größere Erdkörper, auf denen dasselbe Licht ganz neue und auf dieser Erde unahnbare Wunder hervorruft, und das auf jedem von dieser Sonne beleuchteten Weltkörper ganz neue und auf keinem andern Weltkörper vorkommende! Und siehe, alles Grund und Wirkung eines und desselben Lichtes!
06] Und so kannst du schon ganz sicher annehmen, daß Ich die Scheinsonne auch nicht bloß des etwas längeren Leuchtens wegen scheinen ließ! - Was meinst du da, Meine lieblichste Tochter?«
07] Sagt Helena: »O Herr, Du Großer, Du allein Heiliger, da hört wohl jede menschliche Meinung für ewig auf! Denn zu endlos groß und weise bist Da, und wer kann ergründen die Tiefen Deiner Allmacht?!
08] Es ist schon etwas endlos Großes, daß ich Dich über alles lieben kann und kann seligst sein in solcher Liebe, deren mein Herz freilich ewig nicht völlig wert sein wird! Aber dein heilig göttlich unerforschbares Wesen weiter erforschen wollen, würde ich für die größte Raserei eines menschlichen Herzens halten! Das, o Herr, ist meine Meinung!
09] Über alles zu lieben bist Du wohl, und das halte ich schon für die höchste Seligkeit; aber zu erforschen bist Du von keinem Geiste in Ewigkeit!«
10] Nach diesen von der großen Liebe zu Mir noch ganz trunkenen Worten der schönen Helena kommt der alte Markus und sagt: »Herr, bei dem Feuer werden etwa wohl die vielen und schönen Fische, welche ich an die jüdische Priesterschaft als Zehent abgeben mußte, auch ganz gehörig abgesotten und gebraten werden!? Du weißt es, o Herr, daß ich aus meinem ganzen Herzen gegen jedermann nach meinen Kräften gastfreundlich bin. Wahrlich, mir hat es als Geber, so ich jemand etwas gehen konnte, noch allzeit vielleicht mehr Freude gemacht als dem, der es von mir empfangen hatte; aber der Zehent an die Pharisäer hat mich in die Seele hinein geärgert! Und wie ich es bemerke, so stehen zumeist die Judenpriesterhäuser in den allerschönsten Flammen! Das ist ein guter Zahltag für diese allergewissenlosesten Müßiggänger und Volksbetrüger! Das ist mir nun lieber, als denn mir jemand zehn der schönsten Häuser in der Stadt geschenkt hätte! Ich bin wahrlich nie ein schadenfroher Mensch gewesen; aber diesmal - vergib es mir, o Herr - bin ich es im Vollmaße!
11] Denn jemandem, der bedürftig ist, etwas geben, ist eine Seligkeit für ein gutes Menschenherz, und einem Arbeiter den verdienten Lohn und noch darüber darreichen, ist eines Menschen heiligste Pflicht. Und einem Landesherrn die bemessenen rechtlichen Steuern bezahlen, ist auch eine heilige Pflicht eines jeden biederen Staatsbürgers; denn der Landesherr hat große Sorgen und Auslagen für die Ordnung und Sicherheit in seinen Landen, und die Untertanen sind verpflichtet durch die Nächstenliebe, alles gerne zu tun, was der Landesregent für den ganzen Staat als heilsam erkennt und von den Untertanen verlangt.
12] Es kann unter den Regenten wohl auch selbstsüchtige Tyrannen geben, die das Volk völlig aussaugen; aber auf einen Tyrannen kommt gewöhnlich wieder ein guter Regent, und das Volk erholt sich bald wieder.
13] Das Priestertum aber bleibt sich gleich; es tyrannisiert vampirartig ein Jahrtausend hindurch das Volk, besteuert es oft auf eine unerhört schmähliche Weise und gibt dem Volke nichts dafür als den dicksten Betrug, - und das womöglich nach allen nur erdenklichen Richtungen hin! Ja, da muß ein Ehrenmensch denn doch Gott den Herrn loben und preisen, so Er einmal über diese siebenfachen Menschenhasser und Menschenbetrüger ein Gericht ergehen läßt! Und so tut es meinem Herzen nun ordentlich balsamisch wohl, so ich die schönen Wohnhäuser und Synagogen besonders der jüdischen Pharisäer von den schönsten Flammen zugedeckt ersehe und das gerade dazu noch an einem Vorsabbat. Morgen ist Sabbat, und die Kerle dürfen da weder sammeln noch etwas anderes tun; oh, diese schöne Lektion haben diese alten, unersättlichen Bösewichte schon lange verdient!«
14] Sage Ich: »Aber weißt du es denn, daß diese Beleuchtung der Stadt gerade den Pharisäern und auch den heidnischen Priestern gilt?«
15] »Oh«, sagt Markus, »ich war ja nun unten im Hause und habe für morgen etwas angeordnet wegen der Armen, die mich morgen besuchen dürften, und da kamen dir drei junge Griechen, denen ich Brot und Wein geben ließ, und erzählten mir im Fluge, wie es nun in der Stadt zugeht; und ich hätte ihnen ein jedes Wort mit einer großen Perle bezahlen mögen, so eine Freude habe ich darüber gehabt! Die Scheinsonne hat diese schöne Wirkung hervorgebracht!«
16] Sage Ich: »Aber morgen wirst du deine Freude dennoch bezahlen müssen; denn viele von den Pharisäern werden an deine Tische kommen.«
17] Markus: »Recht gerne, wegen dieser Freude will ich die Kerle acht Tage lang verköstigen, vielleicht wird dabei doch einer oder der andere ein Mensch; - bei Dir, o Herr, sind alle Dinge möglich!«


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