Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 118

Mathael wird Vizekönig.

01] Sagt Ouran: »So herrliche und im höchsten Grade menschenfreundliche Gesinnungen habe ich noch nie vernommen! Ich bin selbst Mensch und ein Herrscher über viele Hunderttausende von Menschen, und man sagt weit und breit, daß meine Untertanen die glücklichsten seien am Pontus; aber dennoch mußte ich das Gesetz walten lassen, wie es mir aus Rom zukam bis auf nur wenige zulässige Milderungen, für die mir als einem regierenden Lehensherrn von Rom aus die Bewilligung erteilt war. Aber hart kamen mir nun alle die von mir sehr gemilderten Gesetze dennoch immer vor!
02] Wie wenig wird dabei auf die Natur der Menschen irgend Rücksicht genommen, und wie gut nicht beachtet wird das, ob manchem Menschen ein Gesetz zu beachten möglich ist oder nicht, seiner Natur und Eigenschaft nach! Wie töricht wäre es zu behaupten, daß ein Schuh auf alle Füße passen solle, und wie noch törichter erscheint ein Gesetz, das auf die Naturen und Eigenschaften gar keine Rücksicht nimmt!
03] Aber danach, wie Du, o Herr und Meister, die Lebensgesetze nun ausgesprochen hast, kann ein jeder Mensch, welcher Natur und Eigenschaft er auch sei, sich leicht richten und solch ein überaus menschenfreundliches Gesetz sehr leicht beachten! Wenn ich nun wieder nach Hause kommen werde, da wird es bald anders aussehen in meinem Lande!
04] Der Mathael und seine vier Gefährten, die nun zwar alle ganz römisch gekleidet sind, werden von mir griechische Staatskleidung bekommen und mir meinen kleinen Staat bestens einrichten helfen; und den Mathael ernenne ich schon hier zu meinem ersten Ratgeber und, da ich keinen Sohn habe, zugleich zum Vizekönig.«
05] Hier tritt Cyrenius hinzu und sagt: »Und ich als der römische Oberstatthalter über ganz Asien und einen Teil von Afrika, versehen mit allen Vollmachten aus der Hand des Kaisers Cäsar Augustus, der mein Bruder war, und nun auch von seinem Sohne, bestätige diese vortrefflichste Wahl! Du, Ouran, hättest wohl in der Welt keinen Würdigeren finden können! Dixi! (Ich habe gesprochen) - Cyrenius.«
06] Sage darauf Ich: »Und Ich bestätige ihn auch, denn Meine Salbung im Geiste hat er schon länger dazu; aber du, Ouran kannst ihn daheim schon auch mit dem Nardusöle vor dem Volke und vor allen Großen deines Reiches salben, auf daß sie es wissen, mit wem sie zu tun haben, und was sie ihm schuldig sind. Er wird dein Reich vor den Einfallen der Skythen besser beschützen denn ein großes Heer von den auserlesensten Kriegern. Ich werde ihm dazu auch eine außerordentliche Macht gehen, so er das Amt wird zu verwalten beginnen; für jetzt aber bedarf er deren noch nicht, und es genügt ihm seine Weisheit!«
07] Sagt Ouran: »Herr, wäre es denn noch nicht ander Zeit und nicht möglich, die sehr gefährlichen Skythen zur besseren Erkenntnis Deines Wesens zu bekehren? Es ist gerade ewig schade für den sonst so herrlichen Menschenschlag, daß er sich gleichfort in einem allerungebildetsten Zustande befindet. Man ersieht unter ihnen leiblich so herrlich gestaltete Menschen, wie sonst vielleicht nirgends auf der weiten Erde; aber ihr Geistiges ist eine barste Null.
08] Es ist oft zum Staunen, wenn so eine majestätische Mannsgestalt oder eine mehr als paradiesisch schöne Dirne daherkommt, und beide kennen oft gar keine Sprache, sondern grunzen oft nur den Schweinen ähnlich daher, was sicher weder sie selbst verstehen und hernach um desto weniger jemand anders. Nicht aus irgendeiner Eroberungssucht möchte ich diese Skythen unter mir haben, sondern um aus ihnen Menschen zu bilden. Könnte denn so etwas, und zwar ohne Schwert, nicht geschehen?«
09] Sage Ich: »Dazu werden dir Mathaels Gefährten gute Dienste leisten, und dein Wunsch wird noch vielfach in die Erfüllung gehen; aber alle Skythen wirst du wohl schwerlich je unter dein Zepter bringen, denn ihr Reich hat eine übergroße Ausdehnung. Aber die um den Pontus! (Schwarzes Meer) wohnenden kannst du für dich haben und sie bilden nach deinem Gutdünken.«
10] Sagt Ouran: »Herr, ewig Dank Dir darum in meinem und aller Menschen Namen, die durch Deine Lehre im Geiste geweckt werden! Wahrlich, an meiner Mühe und an meinem beharrlichen Willen wird es sicher nie fehlen; gib Du mir deshalb nur Deine Gnade dazu!«
11] Sagt Cyrenius: »Und ich sage es dir, daß du dein eigen nennen kannst, was dir von den Skythen untertan wird! Willst du es heimlich an Rom einbekennen, so soll dir dafür auf zehn aufeinanderfolgende Jahre der Lebenszins für dein ganzes, großes Land erlassen werden, und deinen Nachkommen soll das volle Erbrecht zugestanden sein; und es wird fürder nach dem Ablaufe von vollen dreißig Jahren dein Land nicht an einen Meistbieter hintangegeben werden. Solche Bestätigung von all dem, was ich dir nun gesagt habe, sollst du morgen schon von mir auf Pergament geschrieben für ewige Zeiten zu deinen Händen bekommen. Nur ein fremder, auswärtiger Feind könnte es dir durch Gewalt entreißen; aber von Rom aus bleibt es dir für alle Zeiten.«
12] Sage Ich zum Cyrenius: »So gib ihm das heute noch schriftlich; denn morgen ist Sabbat, und wir wollen den Schwachen im Geist kein Ärgernis geben!«
13] Sagt Cyrenius: »Herr! Wie kann ich jetzt hier in der Mitternacht die gemachte Bestätigung schreiben? Morgen aber will ich's vor dem Aufgange tun, und das wird doch niemandem ein Ärgernis geben!«
14] Sage Ich: »Siehe da, Mein Raphael ist damit schon fertig; hier nimm diese Urkunde, und lies sie, ob sie deinem Willen vollends entspricht!«
15] Cyrenius nimmt die Urkunde, stellt sich an eine Fackel hin und liest sie, findet sie von Wort zu Wort getreu und sagt darauf: »Wäre dies das erste, so würde es mich unendlich wundernehmen; aber ich habe ja vom Raphael schon mehrere Beweise, und so wundert es mich auch gar nicht mehr, denn solches ist ihm ebenso leicht möglich, wie es jedem Menschen möglich ist, mit seinem Blicke plötzlich bis zu den entferntesten Sternen zu dringen. Nun, da die Urkunde fertig ist, so soll sie mein Ouran auch gleich in seinen Besitz nehmen.«
16] Hier überreicht Cyrenius augenblicklich dem Ouran die Urkunde mit den Worten: »Nimm sie zu deiner und deiner Nachfolger Deckung, und siehe die Menschen zu gewinnen für das Reich Gottes, fürs Reich der Liebe, fürs Reich der ewigen Wahrheit, welche in Jesu, dem Herrn aus Nazareth, gar so wundervoll aus den Himmeln zu uns Sterblichen herabgekommen ist! In Ihm sind wir, und in Ihm leben wir nun und werden leben in Ewigkeit!«


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