Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 89

Mathaels Teilnahme und Aufklärung.

01] Nach diesem heidnisch klugen Zwiegespräch verstummen beide, Ouran und Helena, und warten den Mut ab, der da wenigstens die Helena beseelen solle für die beabsichtigte Anrede an den Mathael ums Vorwort bei Mir; aber je länger beide warten, desto mehr Bedenklichkeiten tauchen in ihren Gemütern auf, und diese vermindern den kommen sollenden Mut, anstatt ihn zu beleben und zu kräftigen. Beide betrachten zwar des Abends Herrlichkeit, aber stets mit einiger Furcht; denn das etwas fabelhafte Licht der Scheinsonne, der fremde wenig kultivierte Ort, die außerordentlichen Taten und Meine Gegenwart lassen der beiden Gemüter zu keiner solchen Ruhe gelangen, in der sie so ganz gemach des Abends Ruhe hätten genießen können.
02] Als Mathael solches gar bald merkt, tritt er zum Ouran hin und sagt: »Freund, du bist nicht heiter, und deine schönste Tochter sieht etwas leidend aus! Sage es mir, ob euch irgend etwas fehlt!«
03] Sagt Ouran ganz geheim zur Helena: »Er hat uns schon! Nun nur klug, recht, wahr und gerecht, sonst machen wir noch gar leicht einen schrecklichen Gang nach dem Orte, den Zerberus bewacht und der unerbittliche Pluto beherrscht! Rede wenig und langsam, überdenke wohl ein jedes Wort, - sonst ist's gefehlt um uns!«
04] Hier klopft Mathael dem sehr furchtsam gewordenen Ouran auf die schulter und sagt: »Aber Freund, warum schweigst du denn? Hast doch ehedem recht mutig mit mir reden können!? Was ist dir denn nun auf einmal durch die Sinne gefahren?«
05] Sagt nach einer ganz zitternden Weile Ouran: »Ah - ah - ahahah - das war ein mörderischer Schlag! Es - fehlt - mir, - gerade herausgesagt, zwar nichts, aber ich und diese - meine Tochter, wie uns erst jetzt ein Licht aufgegangen ist, sind als sterbliche Elende zu euch unsterblichen Göttern gelangt, und wie es scheint in den wahrhaftigsten Ölymp, als einem Hauptwohnort der ewigen, unsterblichen Götter!
06] Es geht hier schon zu unmenschlich wunderbar zu! Die zu große Heiligkeit dieses Ortes erfüllt uns mit Angst und Schrecken, und das darum um so mehr, da sich meiner Tochter Herz gar mit Liebe zu dem großen Gott aller Götter, wie sie es sagt und klagt, zu füllen anfängt.
07] Nach unseren griechischen Göttergesetzen ist eine solche Liebe eines der schwersten Verbrechen gegen die unbegrenzte Heiligkeit der Götter, besonders gegen den unbekannten allerhöchsten Gott aller Götter! Meine arme Tochter aber kann sich nun solcher schrecklichen Liebe nimmer erwehren! Sie will nicht, und ihr Herz sagt ein unerbittliches: 'Du mußt!'
08] Die aufrichtige Arme vertraute mir solches, und ich habe darum den Entschluß gefaßt, durch dich den großen Gott zu bitten, daß Er allergnädigst das Herz meiner armen Tochter von solch einer Liebe befreien möchte; denn es rührt solche Liebe ja nicht von ihrem Willen, sondern sicher allein von fremden, uns total unbekannten Umständen her! Möchtest du, als sicher auch ein erster Halbgott, uns solche Gnade erweisen? Möchtest du den großen Gott um die Heilung des krank gewordenen Herzens meiner Tochter bitten und mir zugleich ein Opfer für solche Gnade gebieten?«
09] Das bringt unsern Mathael zum ersten Male seit seiner Genesung zu einem wohlwollend mitleidigen Lächeln, und er sagt darauf zum Ouran: »Du bist zwar ein echter und dabei möglichst reiner Heide! Du suchest in der halben Welt Wahrheit und ein rechtes Licht; und findest du es, so erkennst du es vor lauter heidnischer Dummheit nicht!
10] Ich sage es dir, daß ich dich sehr bemitleide und deine Kurzsichtigkeit recht von Herzen bedaure; aber ich hoffe, daß es mit deiner alten Narrheit hier bald ein Ende nehmen wird!
11] Sieh, was deine Tochter als Liebe zu unserem großen, heiligen Meister in ihrem Herzen fühlt, ist ja eben das einzige und wahre Lebenszeichen des eigenen göttlichen Geistesfünkleins in ihrer Seele! Wird dies Fünklein zur Flamme in ihrer Brust, dann erst wird sie die vollste Nichtigkeit eures alten Vielgöttertums völlig erkennen, aber auch die einzig wahre, ewige Göttlichkeit Dessen, der nun dies Fünklein in ihrem sonst reinsten Herzen angefacht und belebt hat.
12] Ich sage es dir: Die Liebe ist ja das einzige Band, durch das Gott Seine Geschöpfe zu Kindern an Sein allmächtiges Vaterherz ziehet und sie am Ende denselben gleichstellet, - und du, alter blinder Heide, bittest nun um die Befreiung von jener höchsten göttlichen Gnade, die euch Gott Selbst in Seiner großen Erbarmung hier zur Erweckung des innern Lebens in eure Herzen gießet!?
13] Laß ab von deiner alten Dummheit und werde ein Mensch, dem es möglich wird, das ewige Leben in sich selbst und aus der ihm von Gott dazu verliehenen Kraft zu erwerben, sich und Gott wahrhaft zu erkennen und dadurch erst in die wahre, ewige Glückseligkeit einzugehen!«


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