Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 88

Der Griechen Furcht vor dem Heilande.

01] Nun richten alle ihre Augen nach der natürlichen Sonne, die bereits ihre halbe Scheibe hinter die Berge gesenkt hatte; aber im Augenblick des Untersinkens erhebt sich die Scheinsonne mit einem gleich starken Lichte für diese Gegend und auch noch für die nächst angrenzenden Ländereien und Gegenden. Natürlich bis zu den Sternen dringt solch ein Licht nicht; daher konnten einige der anwesenden Gäste besonders gen Morgen hin, da das Firmament etwas dunkel blieb, weil das Licht der Scheinsonne bis zu den fernen Morgengegenden nur schwach gelangen konnte, mehrere Sterne erster Größe entdecken und wunderten sich sehr darüber.
02] Nun kam denn auch Ouran mit seiner Tochter Helena in tiefster Ehrfurcht zu Mir hin und sagte mit einer etwas vor lauter Ehrfurcht stotternden Stimme: »Wenn mich nicht alles trügt, was mich umgibt, und ich mir selbst keine Truggestalt bin, so bist Du ein Gott der Götter, der Geister und aller Menschen, aller Tiere, aller Lande, aller Meere, aller Seen, aller Flüsse, Bäche und Quellen, und alles dessen, was darin ist und lebt! Dir scheinen untertan zu sein auch die Winde, die Blitze und der fürchterlich rollende Donner; auch die Sonne, der Mond und alle die Sterne merken auf Deinen Willen!
03] Wenn aber Du, obschon gestaltlich ein Mensch wie ich, solches alles allein durch Dein Wort und Deinen allmächtigen Willen vermagst, da frage ich denn doch alle Weisen der Welt, was Dir zu einem ersten und vollkommensten Gott der Götter noch abginge!?
04] Ich, Ouran, ein kleiner Fürst aus den Gegenden des großen Pontus, erkenne Dich dafür; und kämen nun selbst Zeus und Apoll hierher und sageten ein lächerliches Nein, so würde ich sie selbst der dicksten Dummheit zeihen!
05] Und nun tritt du, meine liebe Tochter Helena, näher und sieh an den Gott der Götter, - sieh an, was noch nie früher jemals eines Sterblichen Auge geschauet hat!
06] Siehe, bei uns Griechen und auch bei andern Völkern ist einem höchsten, unbekannten Gott ein heiligster Tempel erbaut, der aber nie geöffnet wird! Man nannte zuweilen diesen unbekannten Gott auch das nie erforschliche Fatum (Schicksal), vor dem sogar der große Zeus nach unserer Lehre bebt wie das Espenlaub im Sturme.
07] Und sieh, dieser furchtbare Gott steht nun vor uns und gebot eben zuvor dem Apoll, mit dem Sonnenwagen innezuhalten nach dem Wünsche jenes ehrwürdigen, greisen Römers, der wahrscheinlich auch so ein kleiner Fürst irgendeiner glücklichen Provinz ist!
08] Und siehe, Tochter, Apollo rührt sich nicht weiter, bis er nicht den geheimen Wink erhalten wird von dem höchsten, unbekannten Gott, den bloß die Diener des Tempels zu Jerusalem näher kennen sollen, - was aber auch ganz gut sehr unwahr sein kann; denn so sie Diesen nicht als den allein Wahren erkennen, so sind sie auf dem schändlichsten Holzwege von der Welt!«
09] Sagt die schöne Helena: »Sie werden wohl vielleicht etwas Näheres kennen von Ihm, aber sicher nur in symbolischen Bildern; daß sie aber diesen Wundermann ganz gewiß nicht für das halten, für was du Ihn hältst, und was Er auch aller Wahrscheinlichkeit nach zu sein scheint, dafür wollte ich viel auf ein Spiel setzen! Nur das einzige begreife ich noch nicht so ganz recht, daß mein Herz stets mehr und mehr von wahrer, ernster Liebe zu Ihm erfüllt wird; und doch soll jeder Mensch einen Gott nur fürchten, verehren und Ihm Opfer darbringen!
10] Du weißt, wie strenge unser Priester, der dem Apollo zu dienen hatte, mir die Liebe zu einem Gotte untersagt hat; denn solche Liebe sei fürs erste zu unheilig für einen ersten Gott wie Apoll, und fürs zweite würde man, so sie sehr gesteigert würde und im Ernste einen ersten Gott anzöge, alsbald die allerstrafendste Eifersucht der Göttinnen erwecken und dann unfehlbar das herbe Los einer Europa, Dido, Daphne, Eurydike und Proserpina an den Hals für ewig bekommen -, und das wäre ja etwas höchst Erschreckliches.
11] Ich habe es nach der wahrhaft weisen Lehre unseres Apollopriesters in meinem Gemüte - wie dir bekannt - dahin gebracht, daß ich mich vor einer möglichen Erscheinung eines auch des allerschönsten Gottes um nichts weniger entsetzt haben dürfte als vor dem erschrecklichsten Haupte einer Medusa, Gorgo oder Megära!
12] Von einer Liebe zu einem Gott konnte also bei solchen Umständen keine Rede mehr sein! Und sieh, ich gestehe es dir offen, daß ich trotz alles meines innersten Kampfes und trotz der allerfurchtbarsten Vorstellungen, die ich mir wegen der erwachten Liebe zu einem Gott in einem fort ins Gedächtnis rufe, diesen Gott dennoch stets mehr und mehr liebe! Ja, ich möchte aus Liebe zu Ihm in den bittersten Tod gehen, so Er mich dafür nur eines freundlichen Blickes würdigen würde!
13] O Himmel der Himmel! Wie unaussprechlich liebenswürdig ist Er trotz Seines Ernstes! Oh, da haben die Götter nicht gut getan, daß sie uns Menschen sie zu lieben verboten haben!«
14] Sagt Ouran: »Ja, meine Tochter! Die Götter sind höchst weise und wissen, was sie den Menschen zu gewähren haben! Wir müssen durch unser Leben auf dieser Erde uns erst so rein machen, daß an unserer Seele kein Makel mehr zu finden ist auch durch das schärfste Gericht der drei unerbittlichsten Richter Äakus, Minos und Rhadamanthys; sind wir von diesen als völlig rein erklärt vor den Ohren und Augen aller Götter, dann erst wird uns im ewigen Elysium als größte aller Seligkeiten gestattet sein, die hohen Götter wenigstens ganz geheim lieben zu dürfen!
15] Aber hier auf der Welt im unlautern Fleische mußt du dich ja über alles hüten, gar in diesen allerhöchsten und allerersten Gott dich etwa gar zu verlieben! Denn das wäre wohl das Erschrecklichste des Allererschrecklichsten! Fühlst du wirklich schon eine Art Liebe zu Ihm, so wird es geraten sein, uns so schnell als nur immer möglich von diesem Orte zu entfernen!«
16] Sagt Helena: »Das wird aber mir sehr wenig mehr nützen; denn ich habe Ihn schon zu sehr in meinem Herzen und kann Ihn nicht mehr hinausbringen! Sieh aber du nur jenes noch sehr zarte Mägdlein an, das scheint Ihn auch sehr stark zu lieben, und doch geschieht ihm dem Ansehen nach nichts Arges!«
17] Sagt Ouran: »Liebe, weißt du denn, ob das nicht irgendeine Göttin ist? Nicht so sehr Ihn, aber um desto mehr sie hättest du dann zu fürchten! Wer weiß es denn, ob sie nicht wenigstens eine zehnfache Juno ist?!«
18] Sagt Helena, ganz trübsinnig und mit Tränen im Auge: »Ja, ja, du könntest da wohl sehr recht haben! Oh, wie glücklich sind doch die Götter und unglücklich dagegen die Menschen! Ein Herz, das nicht lieben darf, ist wohl das Unglücklichste, was ein Mensch in der Welt nur immer unglücklich nennen kann! Ärgert mich mein Auge, so kann man es blenden; ärgert mich eine Hand, so kann ich sie mir abhauen lassen, desgleichen einen Fuß, und ärgert mich meine ganze zarte und weiße Haut, so kann ich sie mit Ruten züchtigen lassen und dann beschmieren mit Kot; aber was kann man mit dem Herzen tun, so es mich gar sehr zu ärgern beginnt? Hat man einen Druck im Magen, so hat dafür Äskulap den Saft der Aloe zu nehmen geraten, und es werde dann bald besser mit dem Magen; aber gegen den Druck im Herzen hat er meines Wissens kein Mittel angeraten!
19] Aber nun fällt mir etwas ein: Siehe, dieser Gott ist ja auch ein Heiland aller Heilande! So wir Ihn darum bäten, so würde Er mir vielleicht wohl helfen?! Denn Er half uns ja, als wir Ihn darum unmöglich bitten konnten, da wir Ihn nie gekannt haben; so dürfte Er mir ja nun auch helfen, da wir Ihn kennen und Ihn darum bitten und sicher bereit sind, Ihm jedes verlangte Opfer zu bringen!?«
20] Sagt Ouran: »Siehe, das war ein guter Einfall von dir, und er wird uns vielleicht auch gute Früchte tragen! Aber da uns der höchste Gott Selbst den weisen Mathael zugeteilt hat zu unserer Belehrung, so können wir uns nur durch ihn an den Gott wenden! Mathael selbst aber scheint auch so zum wenigsten ein sehr mächtiger Halb-Hauptgott zu sein, gleichwie jener Jüngling, den ich, weißt du Helena, zwar geheim, aber dennoch unfehlbar für den Gott Merkur halte.«
21] Sagt die Helena: »Ja, ja, ja, das wird ganz so recht sein, und der Junge ist Merkur! Aber, mir fällt nun wieder etwas ein! Am Ende sind wir auf der Erde schon gestorben, haben das scharfe Gericht wohl bestanden, haben Lethe (Strom der Unterwelt. Wer daraus trank, vergaß die Vergangenheit) getrunken und dadurch die Erinnerung verloren, daß wir auf der Erde gelebt haben und vielleicht erst vor kurzem gestorben sind?! Wir sind vielleicht schon im Elysium, aber die Götter wollen uns solches nicht gleich offenbaren und lassen durch allerlei Umstände uns solches selbst erkennen!?
22] Sieh du nur die unbeschreibliche Herrlichkeit dieser Gegend an! Kann, frage ich, das Elysium wohl noch herrlicher sein?! Eine Sonne geht unter, und eine andere geht an derselben Stelle auf, und auch die Sterne fehlen dem herrlichen ewigen Morgen nicht! Wenn das, Vater, - da wäre meine Liebe dann wohl kein Arges mehr!«
23] Sagt Ouran: »Kind! Diese deine Bemerkung hat sehr viel für sich, obschon ich sie gerade noch nicht gleich als eine volle Wahrheit unterschreiben möchte! Kurz, der Mathael ist uns nicht umsonst beigegeben worden, der wird uns schon den rechten Aufschluß geben!
24] Sind wir schon im Elysium, so sind wir darin Neulinge und kennen uns in dieser neuen Welt noch lange nicht aus; aber der Führer Mathael wird uns beide schon zurechtbringen! Jetzt sieht es hier allerdings sehr elysäisch aus; doch früher, während der gänzlichen Sonnenverfinsterung, hat es eben nicht sehr elysäisch ausgesehen, sondern eher ein wenig orkisch (Orkus ist das Totenreich in der griechischen Sage.). Aber jetzt, ja; doch, wie ich es vernommen habe, wird diese elysäische Herrlichkeit nur kaum zwei Stunden mehr andauern, - und dann, man kann's zwar nicht wissen, dürfte es hier vielleicht wieder sehr gemein tellurisch (wie auf der Erde) aussehen!? Aber kurz, wir haben ja den Mathael, - der wird uns schon in allem den richtigsten und möglich wahrsten Bescheid darüber geben! Aber rede du, Helena, ihn an; denn ich habe noch nicht so den rechten Mut dazu! Euch Weibern gelingt das immer besser als uns Männern!
25] Er ist zwar nun sehr in ein Gespräch mit dem alten Fürsten vertieft, und der Gott spricht auch mit einem römischen Hauptmann! Wie gesagt, ich habe den Mut für diesen Augenblick nicht, und man könnte mir es am Ende doch etwas übelnehmen; aber du bist ein weibliches Wesen, man wird dir irgendeine kleine Zudringlichkeit gar nicht für ein Übel nehmen, - daher versuche nun zuerst nur du dein Glück!«
26] Sagt die Helena: »Wird mir nun wohl auch etwas ängstlich zumute, und ich weiß es nicht, wie ich die Sache so recht klug anstellen soll; aber laß mir jetzt nur ein wenig Zeit, es wird sich dann diese Sache etwa wohl geben!«
27] Sagt Ouran: 'Eile mit Weile!' ist ein alter Orakelspruch von Dodona, dessen Erfinder der weise Plotin gewesen sein soll, der noch vor Homer gelebt habe; darum magst du dir schon überall ein wenig Zeit lassen!
28] Was immer ein Mensch tut, das solle er klug anstellen und dabei stets denken, welche Folgen daraus entstehen können; man vermeide darum jeden voreiligen Schritt, und man wird leicht einer Fallgrube ausweichen! Langsam, aber darum sicher an ein Werk gehen ist stets besser, als mit mutiger Hast über einen tiefen Graben springen, dessen Breite man vorher wenig bemessen hatte und darum in den Abgrund stürzt! Oh, der alte Ouran ist in seiner Art auch klug und weise und hat bisher noch keinen zu bereuen gehabt; vielleicht werden ihn die guten Genien auch in der Folge davor bewahren!«


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