Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 80

Ein Verstandesmensch sucht die Liebe.

01] Sagt Suetal: »Verstanden wohl, aber es wäre mir beinahe lieber, so ich dich nicht verstanden hätte! Wie kann ich mich denn zur Liebe nötigen, wenn ich derer von Natur aus nahe gänzlich unfähig bin? Ich kenne nur einen Beifall meines Verstandes bei Erscheinungen und Handlungen; aber eine Liebe im Herzen ist mir fremd! Sage mir denn doch, wie es einem Menschen wird, - oder woran erkennt er, daß Liebe in seinem Herzen wach geworden ist? Es muß da ja doch irgendein Zeichen der Wahrnehmung im Leben des Menschen geben, sonst ist ihm die ganze Liebe umsonst; denn er kann sie vielleicht in aller Fülle besitzen, weiß aber nicht, daß ein solcher Zug seines Lebens 'Liebe' heißt. Was ist ihm da mit der ganzen Liebe geholfen und gedient!?«
02] Sagt Raphael: »Erinnerst du dich denn gar nicht mehr so weit zurück, als du noch ein Kind warst? Was fühltest du damals zu deinen Eltern, die dich sehr liebten und dich als ihren Liebling mit allerlei Wohltaten überhäuften?«
03] Sagt Suetal: »Ist wohl schon lange her; aber ich kann mich noch so mancher Begebenheit erinnern, wo ich so recht gerührt war, daß mir darob Tränen in die Augen kamen. Sollte etwa ein solch kindliches Gefühl Liebe sein?«
04] Sagt Raphael: »Ja, ja, das ist Liebe; wem diese mangelt, dem mangelt am Ende alles, was zum Leben gehört, und so ein Mensch ist dann nur eine Maschine seines naturerleuchteten Gehirns und weiß kaum von dem Wesen seiner höchst eigenen Seele etwas!
05] Die Liebe der Kinder muß daher wieder wach werden im Herzen bei jedem, der dir gleicht, ansonst es unmöglich ist, einen bloßen Verstandesmenschen einzuführen in das innere Reich des Lebens.
06] Was nützt es dir, so du auch alles begreifst mit deinem Verstande und magst aber doch dein eigenes Leben nicht fassen und sehen, wie es ist, und wie es sich gestaltet und ausbildet?!
07] Was nützt es einem Gärtner, in fremden Gärten das üppige Wachstum von allerlei edlen Pflanzen zu bewundern, dabei aber seinen eigenen Garten brachliegen und nur das Unkraut darin nach Belieben wuchern zu lassen?! Man bestelle die Beetlein des eigenen Gartens, reinige sie vom Unkraute, dünge sie mit dem rechten Dünger und besäe sie mit Samen von edlen Pflanzen, auf daß man dann zur rechten Zeit auch eine rechte Freude wird haben können an dem üppigen Pflanzenadel des eigenen Gartens! - Aber nun nichts mehr weiter von dem; denn es wird nun von seiten des großen Meisters etwas Neues unternommen werden, und da heißt es Herz und Kopf am rechten Flecke haben!«
08] Sagt Ribar: »Aber sage uns, du Himmlischer, ob wir nicht eher (vorher) uns zum Meister hinbegeben sollen und Ihm danken für all das Gute, was wir hier sicher nur durch Seine große Güte und Gnade leiblich und geistig zum Genusse bekommen haben!«
09] Sagt Raphael: »Er sieht nur aufs Herz; ist das in der Ordnung, so ist dann alles in der Ordnung. Wenn Er euch aber reif finden wird, dann wird Er euch schon berufen und euch die gemessene Weisung geben, was ihr in der Zukunft zu tun haben werdet.
10] Aber jetzt heißt es, sich im Herzen, sich im ganzen Wesen bereit halten; denn so Er etwas tut, da gilt das nicht nur für uns hier auf diesem Flecke, ebenso auch nicht für dieses Land oder für diese ganze weite Erde, sondern das gilt gleich unter einem für die ganze Unendlichkeit und Ewigkeit! Daher heißt es da alles wohl fassen in seiner tiefsten Tiefe! Solches verstehet und beherziget es wohl! Denn jedes Wort aus dem Munde, der vom ewigen Geiste Gottes in die Bewegung gesetzt wird, und jede darauf erfolgte Handlung hat stets die unendlichste Tragweite! - Jetzt aber muß ich eure Gesellschaft wieder auf eine Zeitlang verlassen und muß mich fügen dem Willen des großen Meisters.«
11] Darauf verließ der Engel die Gesellschaft der zwölf und begab sich wieder zu seinem Josoe, der nun schon so manches mit ihm zu verhandeln hatte; denn die vielen Reden von allen Seiten haben den Josoe etwas verwirrt gemacht, und Raphael hatte nun zu tun, um seinen Jünger in allem zurechtzubringen.


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