Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 79

Grund der Verschiedenheit der menschlichen Talente.

01] (Raphael:) »Das sogenannte äußere Verliebtwerden in einen schönen Gegenstand ist darum an und für sich durchaus keine Sünde, kann aber zur Sünde werden - das heißt zu einem Fehler in der Ordnung des Lebens -, wenn es ungeleitet stets mehr und mehr an den äußeren Formen hängenbleibt, wo es dann natürlich schwerer wird, solch einen Geist von der schönen Äußerlichkeit zu trennen und ihn auf den Ort seiner Ordnung zurückzuführen.
02] Es werden vom Herrn aus in solchen Fällen dann allerlei schmerzliche Mahnungen und sogar Geißelungen zugelassen, durch die ein also verirrter Geist mit der Zeit doch wieder in die alte Ordnung zurückkehrt und alles Äußere verläßt, das Edlere davon in seine Ordnung verkehrt und somit wahrhaft belebt.
03] Es ist darum ein großer Unterschied zwischen Menschen deiner Art und Menschen in der Art des Ribar. Was du jahrelang suchen magst, um es zu erhalten, das kann ein Mensch, dem Ribar gleich, in wenigen Tagen, ja oft in wenigen Stunden erreichen, wenn er dazu nur eine rechte Leitung bekommt und selbst recht ernstlich will. - Verstehst du solches?«
04] Sagt Suetal, etwas mürrisch scheinend: »Ja, wohl begreife ich es, sehe aber auf einer andern Seite den Grund nicht ein, warum der Schöpfer einen Menschen so reif und geistig empfänglich und einen andern wieder so stumpf wie ein Stück Holz in die Welt setzt!«
05] Sagt der Engel: »Ja, mein Lieber, wenn du so zu fragen beginnst, da werden wir gar lange nicht fertig; denn dein Geist steckt noch zu tief unter der Haut deines Fleisches, während der Geist des Ribar schon weit über seine Haut hinausgedrungen und mit ihm sonach leicht reden ist. Du könntest ebensogut fragen, warum Gott auf der Erde so viele Steine erschaffen hat und warum nicht lauter sanftes, fruchtbares Erdreich, warum soviel Wassers, über dessen weite Flächen sich keine Äcker und Weingärten anlegen lassen, warum so viel Dorngestrüpp und so viele Distelarten, auf denen wahrlich keine Trauben und keine Feigen wachsen. Aber ich sage es dir, daß da alles im höchsten Grade notwendig ist und das eine ohne das andere nicht bestehen könnte; aber dir davon die weisen Gründe alle zu zeigen, würde nur so ganz kurz und oberflächlich hin einen Zeitraum von vielen Jahrtausenden benötigen, während alles das unendlich Viele ein geweckter und reifer Geist in wenigen Augenblicken vollkommen innehaben kann, so er sich dafür interessiert. Da aber ein vollkommener Geist ganz höhere und bessere Dinge des Lebens vor sich hat, als den Grund der Steine, des Wassers, der Dornen und Disteln zu erforschen, so überläßt er solches gar gerne der weisesten Fürsorge des Herrn der Unendlichkeit.«
06] Sagt Suetal: »Wenn so, da ist es aber dann doch auch nicht meine Schuld, wenn ich begriffstutziger bin denn so ein Ribar, der meines Wissens trotz seines offener liegenden Geistes die himmlische Weisheit noch lange nicht mit dem Löffel in sich gebracht hat!«
07] Sagt Raphael: »Menschen, wie du, müssen ja einen scharfen Verstand besitzen, auf daß daran ihre viel stumpfere Seele einen Weg zu ihrem Geiste habe, der freilich ein viel längerer und holperichterer ist als der, welchen die Geister der Liebe zu durchwandeln haben; denn ein Geist der Liebe hat das ja schon als offenes Lebenselement in und vor sich, was die stumpfere Seele erst per longum et latum (durch langes und breites, d.h. umständlich) mittels richtigen Gebrauches ihrer scharfen Außensinne erreichen kann.
08] Siehe, welche Mühe wird es dich noch kosten, bis du zur Liebe gelangen wirst! Ribar aber ist schon ganz Liebe. Diese braucht nur ein wenig geregelt und geordnet zu werden, und er steht dann fertig da; du mußt aber erst durch deinen langweiligen Verstand zur Liebe kommen, um sie dann zu besitzen, ohnedem sie unmöglich zu regeln und zu ordnen ist! - Verstehst du das?«
09] Sagt Suetal: »Wenn so, da ist Gott ja ungerecht und sehr parteiisch!«
10] Sagt der Engel: »In einer gewissen Hinsicht allerdings, aber natürlich nur aus dem Gesichtskreis des kurzsichtigsten Menschenverstandes betrachtet; aber wenn du ein Haus bauest, warum gräbst denn du ein Fundament und legst dann die größten, schwersten und härtesten Steine hinein?
11] Was haben dir denn diese Steine zuvor getan, darum du sie zuerst in den finstern Baugraben schobst und dazu noch alle Last auf ihren Rücken legtest? Hattest du denn da kein Erbarmen mit den armen Steinen? Welchen Druck müssen die Steine unter der ungeheuren Last eines Berges aushalten?
12] Oder erbarmen dich die Wurzeln eines Baumes nicht, darum sie stets in dem finstern Modergrunde der Erde stecken müssen, während des Baumes Äste gar stolz im Luftäther und im alles erquickenden Lichte prangen?
13] Siehe, sind das nicht lauter >Ungerechtigkeiten< schon in den untersten Schichten des geschaffenen Naturlebens?! Wie konnte ein so weiser Gott als Schöpfer da wider allen gesunden Verstandessinn gar gleichgültig und gefühllos darüber hinausgehen?
14] Ebenso könnten sich ja auch deine Füße gegenüber deinen Händen tiefst beklagen und sagen: 'Warum sind denn gerade wir, so gut Fleisch und Blut als ihr, euch herumzutragen verdammt, während ihr euch ohne Mühe in der freien Luft gar lustig herumbewegen könnet?'
15] Und so könnten noch eine Menge anderer Glieder des Leibes gegen das Haupt eine ganz gerecht scheinende Klage erheben; aber wer würde da die Dummheit einer solchen Beschwerde nicht augenblicklich einsehen?
16] Sieh, in gleicher Weise hat der Herr denn auch die Menschen dieser Erde mit verschiedenen Fähigkeiten begabt, einige mit größeren und einige mit minderen; aber keinem ist das Tür in den großen Tempel der Vollendung verschlossen, sondern einem jeden der Weg gegeben, und es kann sich demnach niemand beschweren und sagen: 'Herr, warum gabst Du denn nicht auch mir die Talente, deren sich mein Bruder im Vollmaße zu erfreuen allen Grund hat?!' Denn da würde der Herr zu ihm sagen; 'Fühlst du einen Mangel, so gehe zu deinem Bruder, und er wird dir aushelfen! Hätte Ich allen Menschen ein Vollgleiches gegeben, da hätte keiner gegenüber dem andern einen Mangel, der Bruder würde des Bruders nimmer benötigen! Womit sollte dann die alles belebende Nächstenliebe im Menschen erweckt und gestärkt werden?'
17] Wo wäre aber ein Mensch ohne die Nächstenliebe, und wie würde er ohne diese dann erst die reine Liebe zu Gott finden, ohne die an ein ewiges Leben der Seele gar nicht zu denken ist?!
18] Siehe, damit ein Mensch aber dem andern dienen und sich dadurch dessen Liebe erringen könne, muß er ja doch irgend etwas zu leisten imstande sein, was ein anderer nicht so leicht kann, weil ihm dazu die erforderlichen Talente mangeln; dadurch aber wird dann ein Mensch dem andern zu einem Bedürfnisse, und durch den gegenseitigen nötigen Dienst wird die Liebe zunächst erweckt und durch das Gute solcher gegenseitigen Dienstleistung stets mehr und mehr gestärkt.
19] In der Stärke der Nächstenliebe aber liegt allezeit die innerste Offenbarung der reinen, göttlichen Liebe und in dieser das ewige Leben.
20] Wenn du nun aber von dir selbst behaupten kannst, daß dich gewisserart nichts zu irgendeiner Liebe reizen kann, weder eine schöne Gestalt noch irgendeine ausgezeichnet gute Handlung, da möchte ich selbst von dir dann erfahren, durch welch ein drittes mir ganz unbekanntes Mittel der Mensch die Liebe in seinem Herzen erwecken kann und durch was sie stärken bis zur Kraft der Offenbarung der göttlichen, reinsten Liebe im Herzen!?
21] Wo aber diese sich nicht offenbart in Wort oder Tat, da sieht es mit dem ewigen Leben der Seele nach des Leibes Tode doch sicher auch noch sehr düster und trübe aus!
22] Kurz, so in deinem Herzen noch irgend Zweifel über das Fortleben der Seele nach des Leibes Tode obwalten, da ist die Lebensoffenbarung noch nicht erfolgt; was der Mensch aber nicht hat, daran zweifelt er stets, daß er es je haben werde, wenn er es auch haben möchte. Hast du aber einmal das ewige Leben der Seele durch die Offenbarung der reinen, göttlichen Liebe in deinem Herzen also gefunden wie einen verlorenen Groschen, dann wirst du darob auch keinen Zweifel mehr haben über den vollen Besitz dessen, was du aller Wahrheit und Wirklichkeit nach besitzest!
23] Aber solches kann nur durch die Nächstenliebe erreicht werden; und es ist deshalb der Ribar dem wahren Lebensziel um sehr vieles näher als du, der du wohl deinen Gehirnkasten mit dem Naturlichte dieser Welt erhellt hast, aber dafür dein Herz ohne Feuer und Licht gleich einem Wild im finstern Dickicht der Sumpfwälder Europas umherirren lässest!
24] Ich rate darum dir, dies dir von mir nun Gesagte wohl zu beachten, sonst gehst du hohl mit allem deinem Verstande, und die goldene Frucht an deinem Lebensbaume wird lange vor der Reife von den Würmern zernagt werden; und die Würmer heißen Zweifel, die am Ende deinen gesamten Gehirnkasten durchfressen werden, und aus deiner Lebensfrucht wird ein stinkendes Aas werden, das den Raubvögeln zu einem schnöden Fraße dienen wird! - Hast du mich verstanden?!«


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