Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 78

Vernunft und Gefühl.

01] Sagt nach einer Weile Ribar: »Freund, da ließe sich noch gar mancher Gegensatz zu dem finden, was du nun ausgesprochen hast! Aber weil du ein sehr starker Vernunftheld bist, so würdest du mir dennoch gleich wieder mit etwas entgegenzukommen wissen. Ich will dir in der diesweltlichen Hinsicht in keinem Falle unrecht geben, und es muß in der Weltmenschenbildung also vor sich gehen, wie du dich nun ausgesprochen hast. Diese Bildung muß stets ein notwendiger Vorläufer zu der späteren höheren Bildung des Geistes sein; aber sie soll nicht schon ein Ultimum der Bildung sein und kann es auch bei aller noch so raffinierten Verfeinerung nie werden.
02] Denn so die Vernunft uns als ein ursprünglicher Regulator unserer Gefühle gegeben wurde zur möglichsten Veredlung derselben, so muß dann ja in den dadurch reif gewordenen Gefühlen irgend etwas entsprechend Ähnliches liegen wie in einer reif gewordenen Frucht am Baume. Damit die Frucht aber hat zu einer Reife gelangen können, war freilich das Licht der Sonne samt der Wärme nötig und ebenso dann und wann ein befruchtender Regen. Wenn aber die Frucht einmal reif geworden ist, so wird man sie vom Baume nehmen und sie in der guten Speisekammer bestens aufbewahren, damit sie aus sich heraus noch reifer und lebensschmackhafter werde; wirst du aber die reife Frucht gleichfort am Baume hängen lassen, so wird sie dadurch nicht nur nichts mehr gewinnen, sondern nur gänzlich verderben!
03] Und also ist es sicher auch mit den Gefühlen des Menschen der Fall. Haben sie einmal die gewisse Reife erlangt, so müssen sie dann der äußeren Vernunftpflege enthoben und zu einer höheren Lebensreife aus sich selbst heraus gebracht werden, ansonst die ganze vorangehende Reifmachung der Gefühle eine rein vergebliche war. Aus diesem Grunde sagte ich denn auch, daß wir, da wir mit der Vernunft nichts Weiteres mehr erreichen können, eben diese äußere Vernunft über Bord werfen und uns nunmehr unsern reif gewordenen Gefühlen zur weiteren Lebensleitung überlassen sollen!«
04] Sagt Suetal: »Bruder, in dich muß von irgendwoher ein göttlicher Hauch dringen! Denn ich kenne dich; das ist nicht deine Sprache! Du gehst ja schon ganz in die Mathaelische Weisheit über! Ja, sieh, da kann ich dir durchaus nichts mehr einwenden; denn ich fühle es durch und durch, daß da im Ernste vollkommen recht hast und in der Wahrheit stehst! Ich bin zwar noch nicht soweit, aber ich fühle es, daß es nun auch bei mir vorwärtsgeht.«
05] Es sagen aber nun auch die andern zehn, daß sie dasselbe bei sich zu empfinden anfangen.
06] Nach diesen Gesprächen kehrt Raphael wieder zu den zwölfen zurück, klopft mit seiner Hand beiden beifällig auf ihre Achseln und sagt: »So, so ist es recht, Freunde; so gefallet ihr mir besser denn ehedem mit eurer räudigen Vernunft, und ich darf euch nun sagen, daß ihr euch vollkommen auf dem rechten Wege befindet!«
07] Nach diesen Worten Raphaels steht Ribar auf, umfaßt Raphael mit aller Kraft seiner Liebe, drückt ihn an sein Herz und sagt mit großer Bewegung: »O du Himmel und du, mein Himmlischer! Warum konnte ich dich denn nicht schon früher mit aller Glut meines Lehens lieben!?« - Denn seit Ribar den Fuß und die Hand und die Augen des Engels näher besehen hatte, ward er sogleich doppelt bis zum Sterben verliebt in ihn.
08] Raphael aber sagt: »Freund, die Liebe ist wohl besser als gar keine Liebe; aber sie taugt dennoch nicht in den Bereich der Seele und ihres innersten Lebens. Du liebst an mir nur die Form, die nun mein natürlich Alleräußerstes ist; die Liebe ist aber das eigentlich Innerste des Menschen und solle sich nie an etwas Äußerstes hängen; denn dadurch wird bald das Innerste zum Äußersten und somit zum Abbilde der Hölle. Dadurch wird die göttliche Lebensordnung verkehrt, der Geist der Seele, welcher die Liebe ist, wird nach außen gekehrt, und es geschieht dadurch, daß er also verkümmern muß, als wie da eine Frühgeburt verkümmert, die durch einen gewaltsamen Stoß von außen viel vor der Zeit aus dem Mutterleibe abgetrieben ward.
09] Meine Außengestalt darf dich sonach nicht fesseln, sondern nur die Wahrheit, die du aus meinem Munde vernimmst. Diese wird dir bleiben und dich allenthalben frei und in deiner Seele wahrhaft glücklich machen; meine einstweilige Außengestalt aber diene dir bloß zu einem Beweise dafür, daß du siehst, wie schön die volle Wahrheit gepaart mit der Liebe in ihrer Reinheit ist! - Verstehest du solches?«
10] Sagt Ribar, von seiner gewaltigen Umarmung abstehend: »Ich verstehe es wohl; aber bei deinem Anblicke wird unsereinem der Verstand wahrhaft zu einer Bergeslast!«
11] Sagt darauf Suetal zu Raphael: »Das ist schon ein altes Übel bei meinem Freunde Ribar. Eine schöne Gestalt, ob männlich oder weiblich, kann er, ohne leidenschaftlich zu werden, nicht vertragen; mir wieder ist das ganz einerlei. Mir gefällt wohl auch eine schöne Gestalt offenbar besser denn eine häßliche, aber leidenschaftlich werde ich darum nie! Darum haben auch bis zur Stunde alle noch so schönen Weiber und Mägde vollkommen vor mir Ruhe gehabt!«
12] Sagt Raphael: »Solches gehört aber nicht dir zu irgendeinem Verdienste, sondern deiner Naturbeschaffenheit! Denn ein Blinder kann kein Verdienst haben, daß er von irgendeiner Schönheit der Welt nicht verlockt wird, und dem Tauben gereicht es nicht zur Tugend, so er sein Ohr nicht an den Mund der Ohrenbläser legt. Aber Menschen deinesgleichen sind denn auch in ihrer Seele um vieles schwerer zu wecken als solche, deren Gemüt im Anfange der geistigen Entwicklung offener ist als irgendein anderes am Ende derselben.
13] Siehe, beim Ribar steht Geistiges, wenn auch noch ungeläutert, schon durch sein Fleisch ausgegossen, daher ihn denn auch sogleich irgend etwas Schönes und in seiner Art Vollkommenes anzieht, da alles äußerlich Schöne offenbar irgendeinen geistig vollendeteren Grund in sich haben muß; und so ist das gewisse äußerliche Verliebtwerden in einen schönen Gegenstand ein zwar stummes, aber dennoch gegenseitig geistiges Erkennen und Erwärmen. Nur muß es frühestens schon einer guten Leitung anvertraut werden, durch die es auf den eigentlichen Lebensgrund gewisserart zurückgeleitet wird, was eben keine zu schwere Arbeit ist, da der eigentliche Lebensgeist, der sich durch die Liebe kundgibt, das eigentlich intelligente Wesen im Menschen ist und somit das seiner Natur und Ordnung Entsprechende leicht faßt und werktätig begreift.«


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