Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 23

Der eigentümliche Seelenzustand der geheilten Besessenen.

01] Sagt Cyrenius: »Herr, das ist eine Sprache, wie ich eine ähnliche noch nie gehört habe! Sie ist böse und leider doch in vielen Stücken wahr. Was wird mit diesen Menschen nun wohl zu machen sein? Wahrlich, es macht alles große Augen; sogar die Jarah scheint nun nicht mehr so recht zu wissen, was sie davon so ganz eigentlich machen solle, und den Engel habe ich ein paar Male weinen sehen! Das kommt mir wahrlich nun höchst sonderbar vor! Sage darum, was ich nun mit ihnen anfangen soll!«
02] Sage Ich: »Sieh, Ich habe es dir ja zuvor gesagt, daß sie uns ein böses Wetter machen werden. Aber das macht nun nichts, es ist noch etwas von den ausgetriebenen argen Dämonen in ihren Herzen wie eine Abenddämmerung zurückgeblieben, und sie müssen sich alles dessen ganz entäußern; dann erst kann ihnen völlig geholfen werden, aber eher um keinen Augenblick. Auch müssen wir sie hier noch eine Zeit ruhen lassen, und es wird mit der Weile der heitere Tag ihre Seelen ein wenig harmonisch stimmen. Du wirst noch manches vernehmen, und es schadet das im Grunde weder dir noch jemand anderm. Denn ihre Seelen sind keine gemeinen Seelen und gehören den besseren Welten an; darum müssen wir ihnen auch viel Geduld erweisen! Wenn sie so mehr zu sich kommen werden; dann erst freue dich auf ein ordentliches Wetter! Aber gebt ihnen nun mehr Brot und Wein; denn nun erst werden sie ordentlich hungrig und durstig!«
03] Markus reicht ihnen mit aller Freundlichkeit Brot und Wein und sagt: »Trinket, Bruder, und esset dies gute Brot nach Herzenslust! Denn von nun an soll es euch nimmer schlecht ergehen auf dieser Erde, obgleich sie wahrlich kein Paradies ist!«
04] Sagen die fünf: »Du scheinst ein guter Teufel zu sein; denn sonst würdest du uns, die wir vom Grunde aus dennoch nicht deiner Natur sind, sicher nicht so einen ausgezeichnet besten Wein und ein überaus wohlschmeckendes Brot in solcher Menge verabfolgen! Ersetzen können wir dir es nicht, aber Undank sollst du dafür auch nicht haben! Siehe, du guter Teufel, mit dir, scheint es uns, läßt sich ein gutes Wörtlein reden! Wenn auf dieser Erde lauter Menschen hauseten, da wäre auf diesem Boden zu leben gar so übel nicht;aber es kommen immer auf fünf Menschen tausend Teufel, und da muß mit der Zeit doch alles rein des Teufels werden! Die wenigen Menschen werden von den Teufeln zu sehr und zu mächtig beherrscht und können darum nie einen freien Atemzug machen!
05] Siehe, alle Herrschaft geht bis jetzt vom Teufel der Teufel aus, und seine Wohnung ist vergossenes Menschenblut, gemengt mit dem Blute von armen und guten Teufeln, wie du einer bist, - und das heißt hier Gottes Herrschaft?! Jawohl, auch eine Gottesherrschaft; aber nicht die seiner Liebe, sondern seines Zornes! Warum aber ein Gott zornig ist, - das weiß kein Geschöpf! Manche Tiere sind die einzig glücklichen Geschöpfe dieser Erde, aber der eigentlich seltene Mensch ist das Lasttier alles Übels auf dieser Dreckwelt! Er kann nicht schnell genug laufen, um vor allen Übeln gleich einer Gazelle die Flucht ergreifen zu können! Seine Hände sind gebrechlich wie Wachs, er ist nackt und hat von Natur aus nicht einmal so viel Waffen, als eine Biene oder Ameise, um sich da mit ihnen gegen einen Feind zur Wehr zu stellen. Wenn du eine Herde Tiger siehst, so ist darunter alles vollkommen Tiger, und siehst du eine Herde Löwen, so ist darunter alles Löwe, also von ganz gleicher Natur, und diese Bestien leben ganz gut untereinander; aber siehst du eine Herde Menschen, so ist da nicht alles Mensch, was dem Menschen ähnlich sieht, sondern zum größten Teile Teufel! Und darum ist stets Zank, Hader und Krieg unter ihnen! In den Teufeln liegt alles Arge, und in den Menschen nur die Anlage zum Guten, die sehr verdorben werden kann unter so vielen Teufeln, und aus dem Menschen wird dann zum wenigsten ein Halbteufel, oder er muß ertragen, was wir ertragen haben! Aber es gibt verschiedene Teufel unter den Teufeln dieser schändlichen Welt, große und kleine; aber alle sind daran leicht zu erkennen, daß sie gleichfort ohne Arbeit und Anstrengung ihrer Kräfte so gut und bequem wie möglich leben wollen. Sie wollen auch allenthalben die ersten und sehr geehrt und angesehen sein; sie wissen sich überall in den Besitz der Erdengüter zu setzen, kleiden sich so prächtig und verfolgen den bis auf den Tod, der sie nicht allzeit demütigst grüßte!
06] Kurz, sage du, guter Teufel, was du willst, nur deinesgleichen führt die Herrschaft über die Welt, und die wenigen Menschen stecken in der tiefsten Sklaverei und können sich nimmer helfen; und das sollen nach der Schrift die eigentlichen >Kinder Gottes< sein?! Wahrlich, wenn ein Gott so für seine Kinder sorgt, wie er zum Beispiel für uns fünf Menschen gesorgt hat, und das Los der armen Gotteskinder nur gleichfort darin bestehen soll, den Teufeln in der tiefsten Niedrigkeit zu dienen, dann bedanken wir uns für solch eine Kindschaft Gottes!«
07] Sagt Markus, dem der Titel >guter Teufel< denn doch nicht so recht munden will: »Es ist wohl wahr, daß die Gotteskinder auf dieser Welt oft viel auszustehen haben; aber was erwartet sie dereinst über dem Grabe? Welch eine unberechenbare Fülle von stets wachsenden und sich in einem fort mehrenden Seligkeiten! Wenn ein Gotteskind das recht bedenkt, so kann es sich denn ja durch dies kurze Leben eine kleine Probedemütigung gefallen lassen.«
08] Sagt wieder der Sprecher aus den fünfen: »Wer gibt dir denn dafür eine Bürgschaft? Meinst du, etwa die Schrift? Geh und fahre ab mit dieser Bürgschaft! Sieh an und sage, wer die sind, die den Menschen die schöne Schrift verkünden und sich als Gottesdiener allerhöchst ehren lassen! Siehe, das eben sind erst die allerärgsten Teufel!
09] Es solle Gott selbst herabkommen in Menschengestalt und ihnen vorhalten alle ihre namenlosen Schändlichkeiten und soll sie ermahnen zur Buße. Wahrlich, so er sich nicht mit seiner ganzen Allmacht ihnen entgegenstellt, da ergeht es ihm noch viel ärger, als es zu Sodom den zwei Engeln ergangen ist, die dem Lot die Aufforderung brachten, sich mit seiner Familie aus diesen Orten weithin zu entfernen, weil sie gerichtet werden!
10] Wenn aber die Ausspender der Verheißungen Gottes nur gar zu leicht erkenntlich die allerärgsten Teufel sind und das unbestreitbar, sage uns dann, du guter, alter, aber etwas blinder Teufel, was ein Mensch oder respektive ein sein sollendes Gotteskind von solchen Verheißungen am Ende zu erwarten hat! Ich sage es dir, kraft unserer vielseitigen Erfahrungen, die wir schon traurig genug haben durchmachen müssen: Nichts, gar nichts!
11] Es gibt entweder keinen Gott, und alles, was da ist, ist ein Werk der rohen, blinden Naturkraft, die Ewigkeiten hindurch alles das, was da ist, hervorgebracht hat, oder es gibt irgendein allerhöchstes Gottwesen, das da wohl ordnet die große Erde, die Sonne, den Mond und die Sterne, aber in sich zu groß und zu erhaben ist, sich mit uns Schimmel- und Moderläusen dieser Erde abzugeben. Die ganze Schrift rührt also nur von Menschen her, und ist eigentlich auch mehr Schlechtes als Gutes darin. Und was darin noch Gutes ist, das beobachtet kein Teufel und kein Mensch; das Schlechte nur wird daraus von den Teufeln auf den breiten Nacken der Menschen geschoben!
12] 'Du sollst nicht töten!' habe Gott zu Moses gesagt; aber dem David gebot derselbe Gott, wider die Philister und Ammoniter zu ziehen und sie alle zu vertilgen samt Maus, Weib und Kind! Schönes Leben das, und eine Konsequenz sondergleichen! Hatte ein allmächtiger Gott denn nicht Mittel genug, die ihm verhaßten Völker von dem Erdboden zu vertilgen? Warum mußte denn wider das dem Moses für alle Menschen gegebene Gebot ein Mensch mit vielen Tausenden seiner Kriegsknechte aufgeboten werden, hinzuziehen und nicht nur einen, sondern viele Hunderttausende bloß darum zu töten, weil sie nach der Aussage eines Sehers Gott nicht anständig waren; was es da für eine Bewandtnis hat mit solchen Sehern und mit solchen Königen, die Gott berief, ganze Völkerschaften von der Erde rein zu vertilgen, das wird wohl er am besten wissen und bei sich geheim etwa wohl auch die Seher und die Könige!
13] Ich bin freilich der Meinung, daß ein Gott der Liebe nie Menschen, die er zur Liebe erzogen haben will, wider Menschen gleich den bösesten Hunden hetzen sollte, indem er doch selbst Mittel genug in seiner Macht hat, die ihm lästigen und abtrünnigen Teufel in Menschengestalt zu Paaren zu treiben! Ein wahrlich sonderbarer Gott das! Auf der einen Seite Liebe und Geduld und Demut gebieten, auf der andern Seite aber Haß, Verfolgung, Krieg und Vernichtung! Wahrlich, wer sich bei solch einer Wirtschaft auskennt, der muß mehr Sinne als ein gewöhnlicher Mensch haben!«


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