Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 24

Vom Unterschied der Seelen für Hellsehende.

01] Sagt abermals unser Markus, dem schon die Geduld etwas zu enge werden will: »Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich aus euch machen soll. Ich kann euch zwar eben nicht viel einwenden, aber recht geben kann ich euch auch nicht völlig. Es ist wohl etwas an eurer Klagerede, aber dabei scheint ihr denn doch die Sache nun mehr in eurer unglücklichen Aufregung schwärzer zu sehen, als sie an sich wirklich ist. So du aber sogar mich für einen Teufel hältst, so sage es mir, ob denn am Ende diese ganze Gesellschaft etwa aus lauter Teufeln besteht!«
02] Sagt der Redner aus den fünfen: »O mitnichten! Da siehe den Mann (auf Mich zeigend) neben dir; das ist ein sehr vollkommener Mensch, ein wahrer Gottessohn! Es wird aber gar nicht lange währen, und die Teufel werden ihn aufreiben! Weiter rückwärts stehen noch zwei Jünglinge und ein Mägdlein, die sind auch von oben her, werden aber auch noch zur Genüge verfolgt werden, so sie keine Teufel werden wollen. Dann sehe ich aber noch einige arme Menschen, die scheinen Fischer zu sein; alles andere, samt dir und deinem ganzen Hause, aber sind so ziemlich gute Teufel, auf dem Wege Menschen zu werden, was ihnen aber noch gar manche Mühe und Sorge machen wird! Weißt du nun, wie du daran bist?«
03] Sagt Markus: »Aber sage du mir, weil du schon einmal in der Rede stehst, woher du das alles so genau wissen kannst; denn sieh, ich sehe um mich nur Menschen von minderer, höherer und höchster Vollendung; aber Teufel sehe ich nicht unter ihnen. Worauf gründest du demnach deine Behauptung, an der irgend etwas zu sein scheint?«
04] Sagt der Redner aus den fünfen: »Auf das, was ich schaue; die Leiber sind wohl gleich, aber die Seelen unterscheiden sich gewaltig! Die Unterscheidung aber besteht in der Farbe und in der Gestalt; die Seelen der von mir dir Bezeichneten sind weiß wie frisch gefallener Schnee auf den hohen Bergen und haben eine wunderliebliche Gestalt, die um vieles noch rein menschlicher aussieht denn ihre äußere Leibesgestalt; eure Seelen aber haben noch eine dunklere Farbe als euer Leib und sehen bei weitem nicht einmal so menschlich aus wie euer Leib, sondern es sind an euren Seelen noch ganz deutliche Spuren von irgendeiner Tiergestalt wahrzunehmen!
05] Aber ich entdecke in euren Tierseelen noch eine sehr kleine Lichtgestalt, die auch eine vollkommene Menschengestalt hat; vielleicht, so diese in euch wächst, wird sie eure Tierseele auch in eine rein menschliche Gestalt über sich gleich einer Haut ausdehnen! Das jedoch weiß ich dir nicht näher zu beschreiben, und du kannst dir darüber bei den vollendeten Menschen eines rechten Rates erholen.«
06] Sagt Markus weiter: »Aber sage du mir noch, wie das kommt, daß du das alles also sehen kannst, und ich nicht!«
07] Sagt der Befragte: »In meinen großen Leiden, bei denen dem Leibe gar oft das Hören und Sehen verging, öffnete sich die Sehe meiner Seele, und mittels dieser kann ich nun denn auch die Seelen der andern Menschen sehen und wahrnehmen auf das handgreiflichste den großen Unterschied zwischen Menschen und Menschen, zwischen Gotteskindern und den Kindern der Welt, oder, was dasselbe ist, zwischen Engeln und Teufeln!
08] Aber aus den Weltteufeln können auch Engel werden, - doch kostet sie das viele Mühe und Selbstverleugnung; aber auch: aus den Engeln können Teufel werden. Das kostet aber eine noch größere Mühe und ist nahezu unmöglich, weil in den Engelseelen eine zu mächtige Selbständigkeitskraft vorhanden ist. An uns fünfen hat sich die Hölle versucht, ob wir nicht zu gewinnen wären. Bis jetzt sind alle ihre ärgsten Versuche an uns gescheitert; aber wie es uns noch fürder ergehen wird, das wissen wir nicht, sondern ein Gott nur, der uns werden und sein hieß, sich aber nun fürder wenig oder gar nicht mehr um uns kümmert, so daß wir darum schon sämtlich auf den Gedanken gekommen sind, daß es entweder gar keinen Gott mehr gibt, oder der zu erhabene Gott kann und will sich um uns nicht kümmern!«


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