Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 22

Verzweiflungsreden der Besessenen.

01] Sagt einer aus den fünfen: »Ja, ja, mir fängt nun an, ein Licht aufzugehen! Es kommt mir vor, als hätte ich einen bösen Traum gehabt, und aus diesem Traume kommt mir etwas in meine Erinnerung, als wäre ich einst von einer Räuberbande gefangen worden und noch vier mit mir. Wir wurden in eine finstere Höhle gebracht und alldort den Teufeln übergeben. Diese bearbeiteten uns zuerst äußerlich, um aus uns auch Raubmörder, ihnen gleich, zu machen. Da wir uns aber dagegen sehr sträubten, so bemächtigten sich die Teufel unserer Leiber. Da verloren wir die eigene Besinnung fast ganz, und ein teuflisches Sehnen und Drängen bemächtigte sich unserer Herzen, und wir waren für uns selbst so gut wie vollkommen verloren. Was wir dann in solch einem schrecklichen Zustande alles etwa gemacht und getan haben mochten, ist uns völlig fremd; aber nur dessen kann wenigstens ich mich in etwas erinnern, daß wir erst vor kurzem von römischen Kriegern gefangen worden sind. Was sich aber wieder nachher mit uns alles mag zugetragen haben, ist wenigstens mir völlig fremd, und ich weiß es durchaus nicht, wie wir hierhergekommen sind und warum so ganz eigentlich noch dazu! Wir müssen stark mißhandelt worden sein, da wir noch so voll Wunden und Beulen sind, die uns aber nach meinem Gefühle wenigstens gerade nicht mehr schmerzen. Ach Gott, uns muß es wohl sehr schlecht gegangen sein!?«
02] Sagt ein zweiter: »Weißt du, was wir ursprünglich so ganz eigentlich waren? Siehe, wir gehörten eigentlich dem Tempel an und wurden als Apostel zu den Samaritern gesandt, um diese wieder für Jerusalem zu bekehren. Wir aber wurden bei den Samaritern eines Bessern belehrt und kehrten dann zurück und wollten in Judäa Proselyten für Gorazim machen; da erst wurden wir auf der Grenze von den gewissen Teufeln gefangengenommen, die uns dann verhext haben, so daß wir dann nicht mehr wußten, was und wer wir waren, und was so ganz eigentlich aus uns geworden ist. Aber wie wir so mir und dir nichts hierhergekommen sind, davon weiß ich keine Silbe! Ja, ja, was da aus uns geworden ist, haben wir alles dem Tempel zu verdanken! Der versteht es, die Menschen so unglücklich als möglich zu machen; aber man weiß kein Beispiel, daß der Tempel unseres Wissens jemanden glücklich gemacht hätte! Die Obersten allein und die hohen Pharisäer und die Ältesten der Schriftgelehrten sind die Glücklichen im Tempel, alle andern aber armseligste Knechte und hungrige Handlanger des Tempels!«
03] Sagt ein dritter: »Ja, jetzt kann auch ich mich erinnern, wie wir im Tempel mit Fasten und allerlei andern Bußwerken geplagt worden sind! O Gott, unsern Eltern haben wir wohl all unser Unglück zu verdanken! Es steht im Gesetze Mosis: 'Ehre Vater und Mutter, auf daß du lange lebest und es dir wohl gehe auf Erden!' Wir hatten doch unsere Eltern allzeit geehrt durch die genaue Befolgung alles dessen, was sie von uns verlangten; wir wurden nach ihrem Willen Templer, obschon wir der Geburt nach nie dem Stamme Levi angehört haben. Aber das hat nichts gemacht, denn ums Geld kann man nun ja alles werden, was man nur will; aber viel Geld gehört dazu! Durch das aber, daß wir Templer geworden sind, sind wir auch von Tag zu Tag unglücklicher geworden durch allerlei Exerzitien und Proben, bis wir als Apostel nach Samaria beordert und allda alle von bösen Zauberern verhext worden sind! Was mit uns aber von da angefangen bis nun vor sich gegangen ist, und was wir getan und gemacht haben, wie wir hierher in diese ganz fremde Gegend über dieses Meer gekommen sind, und wer uns so übel zugerichtet hat, davon weiß wenigstens ich für mich nicht eine Silbe. Nur ganz dunkel kann ich mich erinnern, daß wir von den bösen Zauberern, als wir keine Raubmörder werden wollten, einer gar argen und finstern Gesellschaft übergeben worden sind, durch deren Behandlung wir in kurzer Zeit alle unsere Besinnung verloren und bis zur Stunde nicht wieder erhielten! Aber nun ist, gottlob, diese wieder zurückgekehrt! Wir wissen nun wieder, daß und wer wir sind! Aber was nun mit uns? Sollen wir wieder in den Tempel zurück, oder sollen wir etwas anderes anfangen? Mir wäre das Sterben nun am liebsten; denn diese böse Welt hat für mich alles verloren, was mir auf ihrem Boden das weitere Leben irgend wert machen könnte! Wer kann dafür stehen, daß wir leicht wieder einmal in die Hände von solchen Teufeln geraten wie jüngst?! Wer wird uns dann erretten aus ihren Klauen?«
04] Sagen der vierte und der fünfte: »Da sind wir mit dir ganz einverstanden! Nur einen guten, schnellen Tod, und dann ewig kein Leben mehr! O wie gut ist das Nichtsein gegen ein Sein, wie wir es genossen haben! Kurz, nur aufhören zu sein! Aber wohl ganz aufhören! Denn unsere Erfahrung hat uns das Dasein auf ewig unerträglich gemacht! Warum müssen wir denn überhaupt sein? Haben wir in unserem vorgeburtlichen Nichtsein ja doch nie einen Wunsch zum Sein äußern können! Oder kann irgendein weiser Schöpfer je eine Lust daran haben, gar so entsetzlich unglücklichen Wesen unter seiner sicher allerseligsten Allmacht umherwandeln zu sehen? Aber was können wir ohnmächtige Würmer?
05] Jedes Tier ist besser daran als der Mensch, der sich hochdünkende Herr der Schöpfung! Wohl könnet ihr Römer mit euren scharfen Schwertern bekämpfen des Löwen Grimm, und Tiger, Leoparden und Hyänen müssen fliehen vor dem lauten Geklirre eurer Schilde und Lanzen; aber wenn ihr irgend von argen Dämonen überfallen werdet, was habt ihr diesen unsichtbaren Feinden für Waffen entgegenzustellen? Ihr wisset wohl davon vielleicht wenig zu erzählen, obschon ein delphischer Spruch oft mehr Gewalt hatte, denn ein ganzes Kriegsheer! Aber wir haben solch eine geheime Kraft und Macht genossen und hatten keine Waffen ihr entgegenzustellen! Wir hätten Teufel werden sollen, und da wir solches nicht wollten, nahmen uns die argen Dämonen alle unsere Besinnung, erhielten dem Leibe wohl ein Maschinenleben und benutzten diese Maschine dann Gott weiß zu was! Daß sie sicher zu nichts Gutem benutzt worden ist, dafür zeugt das elendste Aussehen unserer Haut! Darum nur den Tod her; aber den vollkommenen Tod! Kein wie immer geartetes Leben nach dem Grabe mehr!«
06] Sagt wieder der erste: »Ja, wenn das möglich wäre, so würde uns derjenige, der uns mit aller Bestimmtheit einen solchen Tod geben könnte und würde, wohl die unendlich größte Wohltat erweisen! Denn was sollen wir uns auf dieser elendsten Welt noch mehr martern lassen! Teufel zu noch größerer Plage der Menschen wollen wir durchaus nicht sein! Wir aber das nun nicht sein will auf die eine oder die andere Art, der hat stets das verfluchtest elende Sein auf dieser wahren Dreckwelt! Nichts ist darum auf dieser Welt zu machen! Man verberge sich vor den Menschen, die nun zumeist pure Knechte des Satans sind! Was nutzt einem aber das?! Die Teufel finden den Versteckten bald, und diesen kann er sich nicht widersetzen. Folgt er ihrem Begehren, so ist er ohnehin des Teufels; folgt er den Teufeln aber nicht selbstwillig, so tun sie ihm der Gewalttätigkeiten fürchterlichste an, und er ist darauf noch mehr des Teufels!
07] Geht und fahrt uns ab mit solch einer verfluchten Welt und mit solch einem verfluchten elendesten Dasein! Das ist ja selbst für die ärgsten Teufel zu schlecht, geschweige für eine harmlose unschuldige Menschenseele! Ein Gott über allen Sternen kann wohl lachen; aber der arme, ohnmächtig geschaffene Mensch muß leiden, weinen, fluchen und verzweifeln! Wo ist denn der Heiland, der uns dieses elende Bewußtsein, daß wir freie Menschen sind, wieder gab? Wahrlich, auf unsern Dank dafür soll er nie sich eine Rechnung machen; denn er hat uns dadurch nur einem neuen Elende preisgegeben! Und für solch eine Wohltat werden wir ihm ewig nie dankbar sein, vorausgesetzt, daß wir solch ein verfluchtes Leben ewig genießen sollen! Kann er uns aber mit Bestimmtheit den ewigen, vollkommenen Tod geben, so wollen wir ihm zum voraus im höchst möglichen Grade dankbar sein!
08] Wer seid ihr, glänzende Römer, wohl? Euch dürfte es auf dieser Welt wohl besser gehen denn uns! Ihr seht sehr gut aus! Ja, ja, wer so recht dem Satan im Glanze und aller andern Pracht zu dienen versteht, dem geht es gut auf der Welt! Wer nicht von Teufeln geplagt sein will, der werde selbst ein Teufel, und er hat dann Ruhe vor den Teufeln! Gottes Diener sein, oh, absurdeste aller Lächerlichkeiten! Gottes Hilfe soll man begehren und Gott lieben aus allen seinen Kräften! O schöne Worte, und doch kein Funke Wahrheit darin! Wer waren ja Gottes Diener mit Leib und Seele und schrieen schon gleich den Vögeln von Kindheit an: 'Herr Gott Zebaoth, hilf uns und allen Menschen, die eines guten Willens sind!' Und seht uns an, wie uns der liebe Herr Gott Zebaoth geholfen hat! Ihr habt zwar auch eine Macht, und zwar die der Teufel, in euren Händen, und könnt nun mit uns machen, was ihr wollt; aber soviel bitten wir euch, gehet doch ein wenig menschlicher mit uns um als die vorigen Teufel, die uns in einem fort geplagt haben! Wollt auch ihr uns abermals zu Teufeln machen, da machet nur gleich lieber ganze statt halbe Teufel aus uns! Wir werden dann sehen, ob wir als ganze Teufel besser bestehen werden denn als gezwungene halbe!«


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