Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 239

Julius berät Pharisäer bezüglich Jesus.

01] Darauf wandte sich Julius abermals zu seinem jungen Pharisäer und sagte: »Nun, Freund, haben wir schon ein rechtes Mittel aufgefunden, durch das ihr samt euren Alten vor dem Tempel und allen seinen Forderungen als vollkommen gerechtfertigt erscheinen müsset und eure Alten am Ende sogar eine gerechte Klage wider den Tempel beim römischen Pflegeramte erheben können, worauf der Tempel sicher zum Ersatze an eure Alten für euren Verlust verurteilt wird, weil ihr zufolge der vom Tempel genötigten Nichtbeachtung der Gesetze Roms in Hinsicht der ordentlichen Wanderscheine, von denen der Tempel noch bis zur Stunde ganz hartnäckig keine Notiz nehmen will, von uns Römern gefangengenommen und sogleich unter das Militär der Fremdenlegion gesteckt worden seid! Ihr seid sonach nun schon gefangengenommen zu eurem Besten. Ist es euch angenehm?«
02] Sagen alle: »O Herr, wer du auch sein magst, diesen göttlichen Rat hat dir nur ein Gott geben können! Wahrlich, so erreichen wir den guten Zweck für uns und nicht minder für unsere Alten. O Wonne, wie süß schmeckest du, und um wieviel weiser ist das große Rom nun als unser allerschmutzigstes Jerusalem! Alter Wirt und Vater dieses Hauses, gehe und bringe uns auf diese für uns überfrohe Kunde noch einen Wein; denn nun muß alles leben, was sich hier befindet! Wir sind ja aus der Hölle in alle Himmel auf einmal erhoben worden. Die blinden Juden warten noch immer auf einen verheißenen Messias, der sie vom Joche der Römer befreien soll. Und sieh, wir haben aber nun eben bei und in euch, ihr lieben Römer, den echten und allein wahrhaftigen Messias aller Menschen gefunden! Die reine Wahrheit ist der wahre Messias aller Menschen. Diese aber ist nun in eurer Mitte, und so seid ihr mit der vollsten und reinsten Wahrheit unter euch und in euch der einzige und wahre Messias aller rein und bieder denkenden Juden, wie auch aller Menschen, deren Gemüter mit allerlei alten, nichtigen und durch und durch verdorbenen Lehren und daraus abgeleiteten noch schlechtesten Gesetzen gefangengehalten sind. Alter Wirt, geh, geh, und laß uns noch einen Wein aufsetzen auf das Wohl unserer Erlöser und Messiasse!«
03] Markus läßt sogleich noch mehr Brot und mehrere Krüge voll Wein auf den Tisch der Fremden bringen; und der junge Redner fragt noch einmal den Julius, wer sich denn doch alles bei der Gesellschaft befinde, und wer er eigentlich selber sei.
04] Sagt Julius: »Ich habe es dir ja zuvor gesagt, wem der von dir so sehr verrufene Julius von Genezareth irgendein Unrecht, freilich wider seinen Willen, zugefügt hat, dem wird er es auch zur rechten Zeit wieder gutzumachen sich sicher alle mögliche Mühe geben. Und der von euch so gefürchtete Julius bin ich selbst, und da, mir gegenüber, sitzt der erhabene Oberstatthalter von ganz Asien und Ägypten - Cyrenius, zu dem ihr nach Sidon ziehen wolltet. Und nun, sage mir, wie du mit uns harten, unerbittlichen Römern zufrieden bist!«
05] Als der junge Pharisäer solches vernimmt, erschrickt er anfangs sehr samt allen seinen Gefährten; aber er faßt sich bald wieder und sagt: »Hoher Gebieter, bist du uns gram wegen meiner früheren Rede, die dir doch offenbar nicht sehr schmeichelhaft hat vorkommen können? Aber ich kann da ja unmöglich dafür, wie auch du hast offenbar nicht dafür können, daß du uns mit durch Lehm verpichten Augen und Ohren nach Kapernaum hast transferieren lassen. Hättest du uns damals gekannt wie jetzt, so hättest du uns solches nicht angetan. Du hieltest uns aber für gewöhnliche Pharisäer schlechtesten Gelichters, und das entschuldigt nun vollkommen deine damalige harte Handlung mit uns. Vergib aber nun nur uns und besonders mir; denn du weißt es schon, was, wie und weshalb!«
06] Sagt Julius: »Mit freimütigen Menschen rede ich gerne, und nie wird mich die freie Rede beleidigen von Männern, die die Wahrheit ohne alle Furcht und Scheu frei heraus von sich geben ohne irgendeinen Hinterhalt; aber wehe auch denen, die anders denken und fühlen und ganz anders reden! Nichts ist vor mir häßlicher als die Lüge, und ich verdamme sogar eine Notlüge; denn es ist vor Gott und vor allen ehrlichen Menschen besser zu sterben - als sich zu retten durch eine Unwahrheit! Aber wie gesagt, bei euch gefällt mir eure offene Sprache. Und da mir eure Verhältnisse so ziemlich bekannt sind von Jerusalem und Bethlehem aus, so weiß ich es auch, daß ihr hier so ziemlich ohne Vorhalt euer Anliegen vorgebracht habt. Es steckt zwar noch etwas im Hintergrunde bei euch; das jedoch ist eine Kleinigkeit, und ihr werdet es auch erreichen, so ihr uns Römern eine wahre und stets offene Treue und brüderliche Ergebenheit erweisen werdet!«
07] Sagt der junge Redner: »Hoher Herr, sei auch du ganz offen und sage es gerade heraus, was das ist, das wir noch im Hinterhalte hätten, was zu diesem unserem Anliegen gehört! Denn freilich, wohl gibt es noch so manches in uns, das wir hier nicht haben kundtun können, da fürs erste die Zeit zu kurz war und man fürs zweite in einer so großverehrlichen Gesellschaft denn doch über so manches nicht mit der ganzen Tür ins Haus fallen kann, besonders wenn ein höchster Herr als der Oberstatthalter von ganz römisch Asien zugegen ist, dessen Höhe und Majestät wir uns nicht einmal ganz offen anzusehen getrauen, seit wir wissen, daß er es ist. Zudem befindet sich auch ein Mägdlein an eurem Tische und ein Jüngling, und da heißt es denn doch: Halte deine Zunge ein wenig im Zaume! Wenn wir aber allein beisammen sein werden, dann werden wir gewiß vor dir, hoher Herr, nichts mehr irgend geheimhalten! Aber da du mit uns armen Sündern schon einmal so gnädig und barmherzig bist, so sage es uns in der Stille, was dir an uns noch als unbehaglich erscheint, und ob das etwa auch irgendein hoher Römer ist, mit dem du zuvor unsertwegen römisch geredet hast!«
08] Sagt Julius: »Nun, das, was ihr mir von euch des Dekorums wegen (des Anstandes wegen) verschwiegen habt, ist ohnehin von keiner Bedeutung mehr, weder für mich noch für euch. Aber wohl könnte für euch von höchster Bedeutung die Bekanntschaft mit jenem euch auffallenden Manne sein! Aber auch dazu ist heute durchaus keine Zeit mehr; darum morgen das Weitere!« - Damit begnügten sich ganz ehrerbietigst die Geretteten und griffen wieder zu Brot und Wein und ließen alles leben in aller Heiterkeit ihrer nun frohen Gemüter.


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