Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 238

Jesus über die Unverbindlichkeit erzwungener Eide.

01] Sagt Julius: »Mir gefällt wohl euer Entschluß; aber die Mittel zu dessen endzwecklicher Ausführung können mir nicht gefallen, weil ihnen keine Wahrheit zugrunde liegt. Freilich ist hier der Fall, daß ihr mit der Verfolgung der vollen Wahrheit im Mittel sowohl als im zu erreichenden Zwecke eigentlich gar nicht zu dem euch vorgesteckten Ziele gelangen könnet. Ein Mittelweg aber läßt sich da auch nicht so leicht ausfindig machen. Lasset mich da ein wenig nachdenken, vielleicht finde ich so einen Weg, auf dem ihr am Ende vor Gott und vor der Welt als gerechtfertigt erscheinet!
02] Euer Tempeleid ist da freilich meines Erachtens das stärkste Hindernis. Wie ist der zu umgehen? Wenn ich diesen um eures dennoch vollwahren Gottes willen nicht respektierte, dann kostete es mich nur eines Wortes, und ihr wäret vor Gott und vor aller Welt schuldlos frei vom Joche eures Tempels. Aber euer feierlichst dem Tempel geleisteter Eid hindert mich da ganz ungeheuer daran, und ich muß mich darüber beraten mit den vielen Weisen, die an meinem Tische ruhen; und wir wollen dann sehen, wie wir uns aus dieser wahren Scylla und Charybdis herauszuziehen werden imstande sein.«
03] Sagt der junge Pharisäer: »Tue du das, und du tust wahrlich ein gutes Werk an uns! Sage mir aber doch noch gütigst zuvor, wer so ganz eigentlich die Gäste an deinem Tische sind, auf daß wir ihnen den gebührenden Respekt zollen können! Der alte Herr muß entweder ein gar vornehmer Römer oder mindestens ein sehr reicher Grieche sein!?«
04] Sagt Julius: »Lassen wir heute das; denn für derlei Aufklärungen wird sich noch morgen eine mehr als hinreichende Zeit finden lassen! Nun will ich zu eurem Besten mich lieber mit der Hauptsache beschäftigen.« Damit war der junge Mann denn auch zufrieden, und Julius wandte sich darauf ganz unverhohlen an Mich in römischer Zunge, deren Ich sicher auch mächtig war, und sagte: »Herr, was wird da wohl Rechtens sein? Gewalt von meiner Seite würde alle Eide und alle Tempelgesetze über den Haufen werfen; aber da träte ich dann als ein Zerstörer des feierlichsten Gelübdes auf, und die Schuld des Eidbruches fiele dann auf mich. Ich halte freilich - unter uns gesagt - auf Eide, die zur Haltung böser Pflichten abgefordert und leider nur zu oft abgelegt werden, nicht nur nichts, sondern verachte sie tiefst, weil dabei Gott zur Steuer der Falschheit und Schlechtigkeit als Zeuge und Helfer angerufen wird. Aber der Tempel zu Jerusalem ist so eine fragliche Sache!
05] Auf der einen Seite ist er dennoch, wie von alters her, ein für alle Juden geheiligtes Bet-, Opfer- und Reinigungshaus und wird bis zur Stunde von mehreren tausendmal Tausenden in der Hinsicht frommgläubig geheiligt; auf der andern Seite aber werden nun nur zu bekanntermaßen alle Greuel der Greuel darin auf eine allergewissenloseste Weise begangen, wie sonst auf der lieben Erde nicht leichtlich noch irgendwo. Nur von da aus möchte ich wohl gleich jedes Gelübde vom Grunde aus zerreißen und zerstören.
06] Sage Du mir darum, was da vollends Rechtens vor Gott und den Menschen ist?! Denn wahrlich, wenn sich da alles so verhält, wie es mir diese Menschen nun ganz harmlos kundgaben, so dauern mich diese Jungen sehr, und ich möchte ihnen helfen.«
07] Sage Ich: »Es ist ja doch ehedem ausgemacht worden, wie man die rechte Nächstenliebe ausüben soll. Verlangen sie es, und dein Herz will es auch, da hast du ja schon den ganzen Rat beisammen. Zudem hast du doch selbst nie einen Eid dafür abgelegt, daß du des Tempels arge Gelübde ehren sollest. Wenn aber du durch keinen Eid irgend für den Tempel gebunden bist, was sollte dich hernach hindern zu tun, was dir gut und zweckdienlich dünkt?
08] Hast du doch schon oft Gewalt geübt gegen Menschengesellschaften, die an ihre alten Sitten und Gebräuche auch eidlich gebunden waren, und es war solches sogar ganz gut von dir; denn es staken in solchen alten Sitten und Gebräuchen nur zu häufig große geheime Grausamkeiten. Desgleichen kannst du auch hier ganz nach deinem rechtlichen Sinne tun.
09] Gewalt von der römischen Seite hebt jede eidliche Verpflichtung, auch vor Gott gültig, für ewig auf, das heißt, wenn derjenige, der im Eide gestanden ist, selbst vollends frei einsieht, daß erstens sein Eid ein wider seinen Willen gezwungener war, und daß zweitens der Eid einen durchgängig und wohl erkenntlich schlechten Zweck hatte, und daß der Eid mehr durch weltliche denn irgend göttliche Gesetze in der Art, wie er ist, sanktioniert ist.
10] Einen sogestaltig durch einen bösen Eid gefangenen Menschen aus solch einer argen Gefangenschaft des Satans erlösen, ist selbst dann ein groß-gutes Werk der wahren Nächstenliebe, wenn ein Mensch in der Schwäche seiner Erkenntnis von seinem geleisteten Eide in seinem Glaubensgemüte noch gefangengehalten würde, - geschweige hier, wo das vollste Einsehen des schlechtesten Eides von der Welt von den betreffenden jungen Männern klarst eingesehen wird. Tue du demnach hier nur ganz nach deinem Gutdünken, und Mein Freund Cyrenius wird dir dabei sicher seine Oberhilfe nicht versagen!«
11] Sagt sogleich Cyrenius: »Nicht nur nicht versagen, sondern, damit mein Julius noch gewissensfreier fürder atmen kann, werde ich an den dreißig Menschen die rechtliche Gewalt ausüben, und der Tempel soll dann von mir Rechenschaft verlangen!«
12] Über solch Mein und des Cyrenius Wort ward Julius über alle Maßen froh, und alle frohlockten über solch eine gute Maßnahme.


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