Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 179

Empörung der Jünger Jesu über die Templerpraktiken.

01] Sage Ich: »Freund! Das, was du Mir nun erzähltest, ist kaum ein Schattenriß von dem, was Ich sehe und weiß; aber dir fehlt es an der tieferen Kenntnis der göttlichen Ordnung, und so beschuldigst du sogar mit einigem Recht die dir scheinbare Saumseligkeit Gottes. Aber weil du ein beispiellos ehrlich und rechtlich gutes Herz besitzest, so will Ich volle sechs Tage hindurch bei dir und den Deinen verharren und will dir in solcher Zeit eine genügende Aufhellung über alles geben, wo es bei dir nun noch finster ist. - Da es aber nun gegen Mitternacht geworden ist, so laß uns auf die für uns bereiteten Lager kommen!«
02] Sagen die Jünger: »Herr, heute ist's uns schon einerlei, ob wir auf den Lagern wachen oder hier im angenehmen Freien; denn die Erzählung des Freundes Markus hat uns so total den Schlaf benommen, daß wir nun um alles in der Welt nicht mehr einzuschlafen imstande wären! Wahrlich, jeder Tropfen Blutes in unsern Adern siedet nun vor Grimm und Wut gegen die allerreißendsten Bestien von den bewußten Menschen, die aus dem Tempel hervorgehen! Wahrlich, bei so bewandten Umständen wäre es ja doch um viele tausend Male besser, so man nie geboren worden wäre! Herr, so laß denn nun gleich Feuer vom Himmel über diese Bestien regnen! Denn das, was wir nun gehört haben, übertrifft ja bei weitem alles, was Schlechtestes wir auch immer von dieser bestialischen Menschheit vernommen haben!«
03] Sage Ich: »Eben deswegen müsset ihr den doppelten Rausch ein wenig ausschlafen! Morgen, wenn ihr nüchterner sein werdet und ruhigeren Blutes, werden wir leichter darüber zu urteilen imstande sein!« - Auf diese Meine Worte begaben sich denn alle ohne weitere Einsprache zur nötigen Ruhe.
04] Der Morgen des nächsten Tages kam schnell, und Ich und die Jünger erhoben uns bald von unseren, nach Kräften gut bereiteten Lagern.
05] Als wir ins Freie kamen, da sagte Simon Juda: »Herr, ich habe zwar eine recht gute Weile geschlafen; aber die Erzählung unseres Gastwirtes Markus geht mir nicht aus meinem Gemüte. Nein, das ist unerhört! So etwas ist noch nie dagewesen! Wahrlich, manchmal kann ich selbst Deine Geduld und Langmut nicht fassen! Wenn ich bedenke, wie Du so manchmal mit uns, die wir doch an Dir hängen wie die Haare an unserem Leibe, so ganz kurz gebunden bist, und ehe man sich's versehen hat, strafst Du unsereinen entweder mit einem Worte oder mit einem Blick, daß man es nachher nicht leicht wieder wagt, Dich um etwas laut zu fragen; aber solchen Greueln kannst Du ganz gemütlich etliche Jahrhunderte zusehen, und sie genieren Dich nicht! Wo unsereins rein aus der Haut springen könnte, da kannst Du ganz geduldig zusehen; wo aber unser Auge und Gemüt wenig oder nichts sieht oder findet, da bist Du wieder vollends da und tust, als ob das Heil der ganzen Schöpfung davon abhinge!
06] Siehe, Herr, das sind denn doch Dinge, die wir unmöglich zu fassen imstande sind; und der Markus hat eben nicht ganz unrecht, wenn er also denkt von Gott, wie er sich gestern ganz treuherzig gut ausgedrückt hat. Es ist wohl sicher und wahr, daß Du, o Herr, alle solche Märtyrer in der Ewigkeit für die minutenlangen Leiden, die ihnen auf dieser Erde zuteil wurden, mehr als hinreichend entschädigen kannst und auch wirst - aber bei all dem ist es dennoch eine ganz verzweifelt schrecklich bittere Sache, von den mutwillig argen Menschen dieser Erde oft übernatürlich schmerzlich gemartert zu werden! Und, Herr, einige qualvollste Augenblicke werden dem Gequälten auch zu einer kleinen Ewigkeit!«
07] Sage Ich: »Ich habe es euch schon gestern - dir sowie dem Markus - gesagt, daß Ich solches in der Zeit Meines Hierverweilens schon näher erörtern werde; wartet demnach, bis es an der Zeit sein wird, und es soll euch dann schon hinreichend helle werden! Gehet nun aber lieber hin, und helfet dem Markus seinen Fischfang uns Ufer bringen; denn er ging heute schon frühe an die Arbeit, und Ich habe sie ihm gesegnet. Darum gehet hin, und helfet ihm die vielen und guten Fische ans Land schaffen und in seine Fischbehälter setzen!«


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