Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 170

Freilegung einer Quelle durch Petrus und Johannes. Macht des Glaubens.

01] Sage Ich: »Habt ihr es wohl gemerkt, daß uns niemand sah besteigen diesen Berg, und daß wir uns hier gelagert haben?«
02] Sagen die Jünger: »Herr, wir haben auf dem ganzen, gut zwei Stunden langen Wege keinen Menschen gesehen, wollen darum aber ja nicht behaupten, daß uns niemand gesehen habe!«
03] Sage Ich: »Das Weib hat uns dennoch gesehen und entdeckt, daß wir hier Lager genommen haben, und das genügt, daß morgen dieser Hügel von Tausenden betreten werden wird!«
04] Sagen die Jünger: »Herr, wir sind so müde nicht; verlassen wir darum etwa nach Mitternacht diesen Berg und begeben uns woandershin, allwo uns das allzeit lästige Volk nicht finden wird, und wir können also dann etliche Tage ausruhen!«
05] Sage Ich: »Wir werden aber dennoch hier bleiben! Denn es ist also des Vaters Wille, daß Ich hier heile allerlei bresthafte Menschen von ihren leiblichen Übeln. Darum werde Ich Mich drei volle Tage auf diesem Berge aufhalten. Am Morgen könnt ihr irgendwohin gehen und für uns auf die drei anberaumten Tage mäßig viel Brot herschaffen!«
06] Sagt Judas Ischariot: »Da werden wir weit zu gehen haben; denn das ist eine offenbare Wüste, und unter drei bis vier Stunden Weges finden wir nirgends einen Ort, wo wir einen Bäcker antreffen!«
07] Sagt Petrus: »Dafür werde schon ich Sorge tragen; denn an dieses Meeres Ufern ist mir kein Ort fremd, und ich weiß es, wohin man zu gehen hat, um Brot zu bekommen. Zwei Stunden Weges höchstens hin und ebensoviel hierher zurück!«
08] Sage Ich: »Nun gut, so sorge du, Simon Juda, darum! Den du berufst, der soll dein Begleiter sein!«
09] Sagt Petrus: »Herr, wir sind unser etliche zwanzig; so aber zehn mit mir gehen, so bringen wir des Brotes und auch der schon gebratenen Fische für drei Tage zur Übergenüge.«
10] Sage Ich: »Also ist es gut; nun aber lasset uns ruhen!«
11] Darauf suchte sich jeder ein Plätzchen aus, das ihm zur Ruhe die meiste Bequemlichkeit bot, und so ward es bald stille auf dem Berge. Alle Jünger schliefen bald ein; nur Ich allein blieb wach und schlief erst gegen Morgen ein wenig ein. Als Ich mit dem Sonnenaufgange erwachte, war Petrus auch schon mit einer Menge Brotes an Ort und Stelle; denn er verließ schon bei drei Stunden vor dem Aufgange den Berg und fand unten am Ufer des Meeres ein mit Brot beladenes Schiff, das von Magdala herkam und damit nach Jesaira steuern wollte. Petrus aber nahm dem Schiffe nahezu die Viertelladung ab, und Matthäus, der junge Zöllner, bezahlte die ganze Abnahme. Zugleich führte dies Schiff auch gute, frisch gebackene Fische, von denen der gute Petrus auch eine ganze Kiste voll nahm, die ebenfalls der Matthäus bezahlte. Mit allem dem war nun dieses Berges Höhe versehen; aber eines mangelte, und das war eine gute Quelle. Wasser war auf dem ganzen, ziemlich gedehnten Berge aber auch nicht einmal tropfenweise anzutreffen, und der geringe Weinvorrat reichte kaum für einen halben Tag.
12] Da traten zu Mir Petrus und Mein Johannes, und beide sprachen: »Herr, Du bist mehr denn Moses! So Du sprächest zu diesem schönen weißen Felsblock, daß er Wasser gäbe, so würde sicher sogleich das reinste Wasser hervorquellen!«
13] Sage Ich: »So ihr beide hinreichend Glauben habt, da leget eure Hände auf den Stein und gebietet ihm in Meinem Namen, daß er Wasser gabe, und es soll an der Stelle, die ihr mit euren Händen angerührt habt, sogleich eine Menge des besten, reinsten und wohlschmeckendsten Wassers geben!«
14] Als die beiden solches vernahmen, da suchten sie sich gleich eine passende Stelle aus auf dem Steine und legten ihre Hände darauf. Aber der Stein wollte dennoch kein Wasser geben! Als sie bei einer Stunde lang ihre Hände auf dem Steine gehalten hatten, da fing derselbe an sich zu rühren und schob sich bald über zehn Schritte von der früheren Stelle; denn dieser Steinblock war vor mehreren tausend Jahren einmal da von der Höhe herab als ein Meteor aufgestürzt und hatte dadurch die einzige Wasserquelle dieses Berges derart verstopft, daß der Quelle aber auch nicht ein Tropfen Wasser mehr entrinnen konnte. Da aber nun der Stein auf diese Weise von der alten Stelle abgehoben ward, so war denn auch sogleich die beste und sehr reichliche Quelle am Tage, und zwar gleich einem bei fünf Schuh tiefen Bassin, das wie schon gezeigt - der Stein vor mehreren tausend Jahren durch seinen Aufsturz verursacht hatte.
15] Und so war denn nun dieser Berg auch mit dem besten Wasser für immer versehen (und ist es noch bis zur Stunde). Aber weder Petrus noch Johannes begriff, wie der Stein durch die pure Auflegung ihrer Hände zum gleichwie freien Fortbewegen gekommen ist. Es versuchten hernach auch alle andern Jünger, ihre Hände an den Stein zu legen, um zu erfahren, ob er noch weiterginge. Aber diese richteten mit dem Steine nichts aus.
16] Als aber Petrus und Johannes ihre Hände wieder auf den Stein legten, so fing er sogleich wieder an, sich weiterzubewegen. Da fragten Mich die anderen Jünger: »Herr, warum können denn wir das nicht zustande bringen?«
17] Sage Ich: »Weil euer Glaube hie und da noch ein wenig wurmstichig ist und der gerechten Kraft ermangelt. Aber Ich sage es euch: So ihr einen rechten Glauben hättet und möchtet nicht zweifeln an dem, was ihr bewirken wollt, wahrlich, ihr könntet auf einen ganzen Berg eure Hände legen und ihm gebieten, und er würde seine Stelle gleich diesem ziemlich schweren Steine verlassen und sich woandershin bewegen. Aber dazu ist euer Glaube noch viel zu schwach! Ja, Ich sage euch noch mehr! So ihr einen wahren, festen Glauben besäßet, da könntet ihr zu jenem hohen Berge, den wir bei Genezareth bestiegen haben, von hier aus sagen: >Hebe dich und falle ins Meer!< (mt.17,20; mt.21,21), und der Berg würde sich heben und fallen ins Meer nach eurem Worte und Willen! Doch, was ihr nun noch nicht vermöget, das werdet ihr dennoch dereinst vermögen! - Nun aber lasset uns das Morgenbrot nehmen; denn es wird dann gar nicht lange mehr hergehen, und wir werden von Menschenmassen nahezu erdrückt werden! Den Vorrat des Brotes und der Fische aber leget auf jenen Stein, der durch euch von hier weitergerückt worden ist!«
18] Wir nahmen darauf das Morgenbrot zu uns, und nachdem wir es mit etwas Fischen verzehrt hatten, legten die Jünger den noch bedeutenden Vorrat auf den großen, weißen Stein, und wir besahen uns die schöne Gegend, die weit ausgebreitet vor uns nach allen Seiten hin lag. Man konnte von diesem Berge ganz gut bei einem heiteren Wetter hie und da das Ufer des großen Mittelmeeres erschauen und die Türme von Sidon und Tyrus und noch eine große Menge anderer Ortschaften: kurz, die Fernsicht von diesem Berge war überaus reizend und wetteiferte mit mehreren viel höheren Bergen, zu deren Besteigung man oft einen vollen Tag vonnöten hatte. Die ganze Höhe maß über die Meeresfläche nach den Maßbestimmungen dieser Zeit etwas über viertausend Fuß. Das Plateau war so weit und geräumig, daß man darauf eine recht große Stadt hätte setzen können; nur die Zugänge waren von allen Seiten ziemlich steil, und man mußte sich bei manchen Stellen eine ziemliche Mühe gefallen lassen, um sie zu überwinden. An mehreren Stellen war dieser Berg sogar unersteiglich; aber von der Seite, von der wir ihn bestiegen hatten, war er ziemlich gut zu besteigen. Und von dieser Seite her vernahmen wir denn auch nach einer etwa stündigen Betrachtung der schönen Fernsicht eine Menge Menschenstimmen, darunter viele Schmerzenslaute von jung und alt und von männlich und weiblich.


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 2   |   Werke Lorbers